laut.de-Kritik

Vorübergender Abschied, bleibendes Vermächtnis.

Review von

Mit der Stimme des großen Bernie Mac läutet "Letztes Abendmahl" das Album ein. Minimalismus, Bass, Hall im Raum. "You don't understand!" Wir hören die legendäre Ansage, die Bernie damals einem anspruchsvollen Comedy-Publikum machte: "I ain't scared of you motherfuckers!" Strotzend vor biblischer Symbolik und Wanderungen durchs finstere Tal beginnt Megaloh, den fatalistischen Grundstein für ein Album zu legen, das mehr ist als nur der Abschluss eines Vertragsverhältnisses. "Mic-Check, eins, zwei, represent / Ich erzähl euch eine Story, sie hat kein Happy End". Die Präambel einer Geschichte über eine Industrie, die Menschen verschlingt und wieder ausspuckt – die aus Kunst Content macht.

Damit sind wir auch schon mitten im Album. "Endless War" bringt Doubletime, Realitätsüberdruss und den Wunsch nach Frieden, bevor "Allein" das gehetzte Gefühl auf die Spitze treibt und dennoch eine tiefe, erschöpfte Zufriedenheit erreicht.

Auf "Fragen (Wer, Wie, Was)" zollt Megaloh der Sesamstraße Respekt und gibt Groß und Klein die Weisheit mit auf den Weg, nie mit dem Fragen aufzuhören. Passend dazu hat er das nächste Lied seinem kleinen Sohn gewidmet: "Licht" ist ein emotionaler Song voll väterlicher Liebe, guter Ratschläge und Unterstützung, bei dem die Sängerin Monsoun den Refrain singt. Nach dieser Verschnaufpause hören wir "Oben" und wieder mittendrin in der Hetzjagd. Ein wiederkehrendes Muster auf dem Album: Energische, schnelle und aggressive Tracks, die im Kontrast zu ruhigen Hooks stehen.

Das Motiv des Zwiespalts setzt sich auf "Moral Vs. Realität" in anderer Form fort. Die Hommage an Mobb Deeps Gänsehaut-Klassiker "Survival Of The Fittest" spielt auf einem Boom-Bap-Beat gezielt mit der Ambivalenz, in die das Leben die Menschen zwingen kann: "Moralvorstellung versus Realität / Ist plötzlich nicht mehr dasselbe, wenn das Paper dir fehlt / Ich hab' versucht, mit dem Licht zu gehen / Doch es ist immer noch dunkel hier und nichts zu sehen / Familie geht vor, muss nachziehen, meinen Part spielen / Wer will aus Spaß im Park dealen? / Sag, ist das Gottes Plan, frag ihn, Jesus gegen Darwin / Kein Aber, kein Abel, ich erschlag' ihn" – womit wir wieder bei der testamentarischen Thematik wären, die sich durch das Album zieht.

Das titelgebende Lied auf dem Album ist ein Feature mit Cassandra Steen: "Drei Kreuze" bringt alle Schwermut auf den Punkt und schließt mir ihr ab. Ein kleines Licht am Horizont verdrängt die Schwierigkeiten. Auf "Keep It Moving" weht der Wind schon aus einer ganz anderen Richtung. Mit Autotune und Trap-Beat ausgestattet machen Megaloh und Garey Godson deutlich, dass sie so schnell nicht schlapp machen werden. Auch "TOMG" behält das (wenn auch ein wenig angeberischer) bei, bevor Megaloh auf "Statements" noch einmal die Battlerap-Keule schwingt und trotz zwei gebrochener Arme im Musikvideo die deutsche Rap-Szene zum Boxkampf einlädt.

Der Schlusstrack hält eine ziemliche Überraschung parat: "Macht’s Gut" enthält ein Feature von Sebastian Krumbiegel. Der Prinzen-Sänger hat für das Lied sein ikonisches "Tschüssi – Macht's Gut" neu eingesungen. Und Megaloh? Der verabschiedet sich – und es klingt fast ein bisschen final. Er kann auf eine kämpferische bisherige Karriere zurückblicken: Den Kampf um den Lebensunterhalt, den Kampf mit sich selbst und insbesondere den Kampf mit der knochenharten Musikindustrie. Besonders der Ratschlag "Für die jungen Rapper draußen gibt’s noch eine letzte Warnung / Bitte keine Deals unterschreiben ohne Rechtsberatung" sollte allen klarmachen, dass nicht alles Gold ist, was glänzt.

Mit "Drei Kreuze" hat Megaloh einen gelungenen vorübergehenden Abschluss gefunden, der sich ästhetisch irgendwo zwischen "Donda" und "Mann Beisst Hund" bewegt und trotzdem seinen ganz eigenen Charme besitzt: Ein Album, das nicht schlicht für sich steht, sondern für einen jahrzehntelangen Werdegang. Was wir in den nächsten Jahren von Megaloh hören und sehen dürfen, wird sich zeigen – das eine oder andere Ass im Ärmel darf man ihm aber sicher zutrauen.

Trackliste

  1. 1. Letztes Abendmahl
  2. 2. Endless War
  3. 3. Allein
  4. 4. Fragen (Wer, Wie, Was)
  5. 5. Licht
  6. 6. Oben
  7. 7. Moral Vs. Realität
  8. 8. Drei Kreuze
  9. 9. Keep It Moving
  10. 10. TOMG
  11. 11. Statements
  12. 12. Macht's Gut

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6 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    Wenn das sein letzter Streich gewesen sein sollte dann ist es ein guter Abschied geworden.

  • Vor 2 Monaten

    Würd mich nicht wundern, wenn er seine Karriere beendet. Klingt schon so, als wäre er von Max Herre in irgendeiner Art und Weise verarscht worden. Wenn man trotz zwei Top 10 Alben + Live Shows jahrelang nen anderen Job nachgehen muss, um über die Runden zu kommen, ist da irgendwas falsch gelaufen. Musikalisch war jedoch schon alles nach der Monster EP eher mau, auch die hier vorliegende Platte.

    • Vor 2 Monaten

      Na gut, was heißt Top Ten? Das kann auch mal 4.000 verkaufte Einheiten bedeuten.

    • Vor 2 Monaten

      Trotzdem ist das immer noch ein grundsolides Fundament, auf dem man sich einen Namen und nachhaltigen Ruf aufbauen kann, um dann die Kohle über andere Kanäle reinzuholen. Das ist in Zeiten von Instagram einfacher als jemals zuvor. 98% aller Deutschrapper würden für ne Top 10 Platzierung und dem daraus resultierenden "Karriere-Booster" töten. Man muss einfach Stuff rausballern und am Start sein. Aber das hat Megaloh aus welchen Gründen auch immer komplett verpennt. In irgendeinem Interview hat er auch schon einmal recht deutlich durchklingen lassen, dass er es auf seinen Deal schiebt, dass er noch im Lager arbeiten muss. War schon eine offensichtliche Kritik an Universal oder Max Herre oder wem auch immer.

    • Vor 2 Monaten

      Kann gut sein, dass Megaloh nen schlechten Deal hat. Wahrscheinlich hat er mit zwei Kids auch nochmal andere Fixkosten als andere Rapper.

      Das 90 % der Rapper für Top Ten töten würden ist für mich aber eine Aussage aus dem Jahr 2010 oder gilt nur, wenn man da auch MC Flowfit mitzählt, der bisher nur im heimischen Jugendzentrum aufgetreten.

      Die Charts bestehen doch nur noch aus Deutschrap und da sind durchaus auch kleinere Sachen wie
      Audio 88 & Yassin oder Prezident mitgemeint. Von den ganzen Nina Chubas red ich ja gar nicht.

    • Vor 2 Monaten

      Megaloh ist technisch ein grandioser Rapper, hat Charisma und auch nicht die schlechtesten Bestpicks. Aber er hat leider kaum Themen außer seinem Struggle, Battlerap und Rap über Rap. Auch die Review klingt danach, dass diese drei Themen mal wieder paraphrasiert werden. Das wird auf Dauer anstrengend, weil er den Kram auch noch komplett humorlos vorträgt.

  • Vor 2 Monaten

    Der war mir immer zu umsig. Kannste nicht haten, bleibt aber auch nix hängen.

  • Vor 2 Monaten

    „Fragen wer wie was“ ist eine frechheit. Was das fürn kindersong, bah.

    Intro sehr sehr geil

  • Vor 2 Monaten

    Wer hört denn noch Hip Hop?

    • Vor 2 Monaten

      regt euch net auf, die ganzen Unterbelichteten mein ich ja gar nicht damit!!

    • Vor 2 Monaten

      Ist durch den Poetry-Slam-Hype, der nach der Poetry-Slam-Flaute nun aus Gründen ein zweites Hoch erlebt, noch mal wiederbelebt worden, der Patient Hip-Hop. Streng genommen hängt er seit den frühen 2000ern nur noch an lebenserhaltenden Maschinen, reagiert aber immerhin noch auf Zurufe.

  • Vor 2 Monaten

    HipHop at its best! Die Schallplatte höre ich rauf und runter (so wie ein Fahrstuhl, in dem Musik gespielt wird). Aber Max Herre - eigentlich einer meiner Hausheiligen - ist bei mir unten durch wie ein Eichelpiercing.