laut.de-Kritik

Zwischen Saruman und Bob Ross zurück in die Neunziger.

Review von

"No rules, freedom, Satan!", proklamiert Gitarrist Teloch zum sechsten Mayhem-Album – eben das, was die Jünger hören wollen; und auch das, was gleich vorweg die Vorurteile derer bestätigt, die sich bei der Erwähnung von Schwarzmetall und Teufelei entnervt die Hand ins Gesicht klatschen. So klingt "Daemon". Ob es mit Freiheit zu tun hat, im Kern genau das zu liefern, was sich viele erhofften, sei mal dahin gestellt. Lobeshymnen erklingen in Metalkreisen jedenfalls genug, um die Richtung zu rechtfertigen.

Der Reiz der meisten Nummern entsteht weniger durch das vorhersehbare Songwriting (dazu später mehr), sondern vor allem durch die Performance Attila Csihars. Der Teilzeit auch bei Sunn O))) aktive Prediger knarzt, röchelt, stöhnt und kreischt in Höchstform und ist nach wie vor das Beste, was dieser Band künstlerisch passieren konnte. Relativ häufig wechselt er auf "Daemon" in unheimlichen Klargesang und klingt dabei ein wenig wie Saruman in "Der Herr Der Ringe" ("Daemon Spawn", "Worthless Abominations Destroyed"). Auch wegen ihm lohnt es sich, der Deluxe-Edition zu lauschen. Für den Bonustrack "Black Glass Communion" presste Attila die ungesündesten Geräusche der ganzen Platte aus seinem Schlund. Kompositorisch überzeugen Mayhem hier mit griffigen Tempowechseln und spannenden Feel-Changes von Hellhammer am Schlagzeug.

Obwohl sie auf dem Hauptalbum eine deutlich weniger progressive Agenda fahren, flechten sie auch hier immer wieder kleine Finessen ein, die gerade in oberflächlich leicht zu durchschauenden Nummern wie "The Dying False King" überraschen. Zwar eröffnet der Song das Album gleich einem splitternden Rammbock, ausgerechnet Hasszwuckel Necrobutcher am Bass sorgt aber in der Tiefe für melodiöse Stabilität. Übrigens längst nicht das einzige Mal auf dieser Platte. Später im Song hört man außerdem kurz Parallelen zu Shining.

In "Of Worms And Ruins" fehlt eine solche anspruchsvollere Ebene dagegen komplett – hier regieren stumpfes Geballer und Gitarrenlines, die nicht mehr als Geschwindigkeit und harmonisches Chaos bieten. Effekthascherei beherrschen Mayhem eben immer noch. Zweites Beispiel: "Malum". Plakativer bösewichteln als in diesem auf Latein gehaltenen Track könnten sie kaum. Okay, können sie doch, immerhin eröffnen sie das darauffolgende "Falsified And Hated" mit schweinischem Grunzen. Immerhin bietet der Song mehr songschreiberische Substanz.

Oft verlieren sich Mayhem im Bestreben, möglichst viel "Böses" in ihre Musik zu flechten. Wie ein schwarzmetallischer Bob Ross tupft die norwegisch-ungarisch-britische Combo Soundelemente in ihre Songs, die zwar in einer Halloween-Playlist nett anzuhören sind, aber die Komposition überlasten. Ein schauriges Keyboard da, unheilige Chöre dort und inflationär Highspeed-Blasting an Gitarre und Schlagzeug zum Selbstzweck allerorts. Ohne Rücksicht auf andere Songelemente werfen sie ihre Ideen in den Raum. Das führt teilweise zu chaotischen Songentwürfen, in denen Attila als Poltergeist Mühe hat, Ankerpunkte für seine Vocals zu finden, teilweise zu sich wiederholenden Rettungsschemata. Sobald Mayhem drohen, den Überblick zu verlieren, heißt es: Tempo raus, unheilschwangeres Bassbreak. Ein-, zweimal funktioniert das, spätestens beim dritten Mal beginnt es zu langweilen.

Andererseits weckt gerade diese kindliche Mischung aus rohem Hass und unfreiwilliger Theatralik Erinnerungen an die frühen Tage der Band und das wegweisende Debütalbum "De Mysteriis Dom Sathanas". Das schleppende "Daemon Spawn" erinnert an "Freezing Moon", versteckt dabei aber nicht, dass alle Beteiligten mittlerweile auf einem technisch weitaus höherem Level agieren. Das Arrangement klingt ausgereifter (gemeine Zungen sagen vielleicht 'kalkulierter' – Stichwort: Bassbreak), die Riffs komplexer, Hellhammers Spiel pointierter, Attila erhabener.

Noch eine Schippe drauf legen Mayhem mit dem ebenfalls im Low Tempo startenden "Aeon Daemonium". Plötzlich wildern sie im Revier Behemoths. Doch während Nergal und Co. inzwischen ein stolzes, wohlgenährtes Rudel bilden, treten Mayhem noch immer als abgemagerte Kreaturen auf, die der Hunger in unbarmherzige Raserei versetzt.

Wie wunderbar kompakt Mayhem bei allem überkandidelten Hass sein können, demonstrieren sie in "Bad Blood". Hier bündeln die Band Tremolo-Gewitter, Attilas Geiferattacken und Hellhammers wahnwitziges Drumming zu einem scharfen Speer. Necrobutcher versenkt ihn mit seinen Lyrics im Opfer: "You crossed my red line / I sentence you to death". Wenig poetisch, dank Attila hört zum Glück ohnehin niemand auf den Text. Straight-forward, kraftvoll, hasserfüllt, hässlich – so muss es sein. Ein unerwartet melodisches Gitarrensolo setzt dem Ganzen die Dornenkrone auf. Bassbreak gibts trotzdem, doch diesmal nicht als Songwriting-Notbremse, sondern als Groove-Katalysator.

Großes Lob geht an Produzent Tore Stjerna. Zum einen war es sicherlich keine leichte Aufgabe, die mittlerweile quer durch Europa verteilte Eigenbrötler-Bande zusammenzuhalten, zum anderen gelang ihm beim Mix die Balance zwischen Lo-Fi und trotzdem druckvollem Sound. "Daemon" klingt oldschool genug, um Underground-Puristen zu beglücken, und sauber genug, um die Songs nicht zu zerstören. Viele Black Metal-Produktionen leiden unter zu scharfen Höhen – hier dagegen bleibt der Bass stets präsent und mächtig.

Inklusive Bonustracks läuft "Daemon" gut eine Stunde – angesichts der angesprochenen Schema-Probleme zu lang. Trotzdem bietet das Album die meisten Aha-Momente auf einer Mayhem-Platte seit mindestens "Chimera", eher noch seit dem Debüt. "Daemon" ist roh und dreckig, verkörpert die Essenz des Mayhem-Sounds. Kurzum: Es ist der perfekte Seelenbalsam für Szenejünger, die nicht glauben wollen, dass ihre Helden einst vielleicht wirklich nur die naiven Kids waren, als die sie Regisseur Jonas Åkerlund in seinem Film "Lords Of Chaos" darstellt. Wenigstens künstlerisch wahren Mayhem diesen Schein. Auch wenn Necrobutcher in Interviews mittlerweile selbst schurkisch grinsend den eigenen Mythos entweiht. Naja, einfach "Daemon" auf die Ohren, weghören und träumen in die Finsternis.

Trackliste

  1. 1. The Dying False King
  2. 2. Agenda Ignis
  3. 3. Bad Blood
  4. 4. Malum
  5. 5. Falsified And Hated
  6. 6. Aeon Daemonium
  7. 7. Worthless Abominations Destroyed
  8. 8. Daemon Spawn
  9. 9. Of Worms And Ruins
  10. 10. Invoke The Oath

Bonus Tracks

  1. 1. Everlasting Dying Flame
  2. 2. Black Glass Communion

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3 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor einem Monat

    ...weghören und träumen in die Finsternis.

    Meinst du nun träumen in DER Finsternis, oder TRÄUMEND in der Finsternis.

  • Vor einem Monat

    "Trotzdem bietet das Album die meisten Aha-Momente auf einer Mayhem-Platte seit mindestens "Chimera", eher noch seit dem Debüt."

    Zu behaupten, dieses Album biete mehr Aha-Momente als die "Grand Declaration of War", finde ich mehr als gewagt.

  • Vor einem Monat

    Eine sehr gute Review, obwohl ich die durchaus berechtigten Kritikpunkte nicht so scharf beurteile und deshalb einen Punkt mehr springen lassen würde. Schön ist besonders, dass hier auf das Bassspiel eingegangen wird, welches im Black-Metal oftmals grob stiefmütterlich behandelt wird. Ich mutmaße, dass Thrashfly - genau wie ich - der Basserzunft angehört. :)
    Die Gesangsleistung Attilas ist wirklich großartig und verdient es hervorgehoben zu werden.
    'Daemon' und 'De Mysteriis...' sind die einzigen beiden Alben die ich von Mayhem besitze und wahrscheinlich besitzen werde, sofern zukünftig nicht noch der große Wurf kommt.
    Daher: Passt!