laut.de-Kritik

Neoliberalismus in Mental Health.

Review von

Props an alle Menschen, die sich mit ihrer Mental Health auseinandersetzen, psychische Krankheiten als solche anerkennen, offen damit umgehen und heilen wollen. Wirklich. Das sollte viel häufiger und öffentlicher passieren und einfach enttabuisiert werden.

Max Roxton möchte genau das mit seinem Debüt- und Konzeptalbum "The Voice Within" angehen. Er habe selbst eine schwere Lebensphase hinter sich und verarbeite diese in dem Album. Jeder der zwölf Tracks solle eine andere Charaktereigenschaft symbolisieren. Der zum besten deutschen Hard Rock Sänger 2019 ausgezeichnete Musiker behandelt Themen wie Depressionen, Kontrollverlust und Persönlichkeitsentwicklung.

Was in der Theorie erst einmal ziemlich spannend, vielversprechend und abwechslungsreich klingt, stößt in der Umsetzung auf einige Hürden. Der Versuch ist eindeutig da, jedoch strotzt das Album nicht unbedingt vor Vielfältigkeit, Variation und Innovation. Musikalisch sowie inhaltlich basiert die Platte vor allem auf Wiederholungen und katapultiert die Hörenden - statt in eine Achterbahn - eher in ein Hamsterrad.

Der Opener "I'm Back" fasst das Album eigentlich schon ziemlich gut zusammen. Verzerrte Gitarrensounds mit 0815-Rock-Drums stehlen in ihrer Breite der eigentlich rauchig-schönen Stimme von Roxton die Show, weshalb er einige Screamo-Passagen einlegt und zum Besten gibt: "I'm back to life / Far to long, I've been dead inside / Curtains up, I'm still alive / I am back home / Let's start the game, another round / A brand new name, a brand new sound".

Der Typ scheint sich gut erholt zu haben. Mit dieser Ankündigung könnte man ja damit rechnen, dass Max einen kleinen Einblick in den Verlauf seiner Krankheitsgeschichte und den Weg zur Besserung gewährt. Allerdings überspringt er ziemlich viele Schritte und beteuert die meiste Zeit über, wie stark er jetzt sei. "I'm The Strongest Alpha Male Tonight", heißt es in "Center Of The Universe". Muss er sich denn, weil es ihm besser geht, auf das #1-Siegertreppchen stellen und gegen andere schießen? Scheint so, denn "maybe inside I'm broken, that's why I provoke Men / but that's how i feel alive".

Zwischendurch bekommen wir aber doch kleine Einblicke in die wohl dunkelsten seiner Stunden: "Broken by this life, I cannot find a reason to move on", die er aber durch Eigentherapie wunderbar überwinden konnte, indem er sich selbst angeschrien hat: "Head up, Get up, Head up, Get up!". Da hätte man auch selbst mal drauf kommen können. Aufstehen und Kopf hoch, weiter gehts, wo ist das Problem?

Nichtsdestotrotz gibt es einige Momente, die Spaß machen. Das Intro und die melancholische Schwere von "Misty Places", Gitarrenriff und Rhythmus von "Satellite" oder der gekonnt zurückhaltende Einsatz von Harmonien wie beim Titeltrack.

Größter Moment des Albums ist der sechsminütige Track "Head Under Water". Hier setzt Roxton zur Überraschung auf Einfachheit und schraubt das große Brimborium massiv zurück. Die Akustikgitarre begleitet seinen ruhigen Gesang und setzt die angenehme Stimme vorteilhaft in Szene. Thematisch bleibt er sich treu, jedoch wirkt es hier alles echter und glaubwürdiger. Auch den ruhigeren "The Voice Within" nimmt man dem ihm lieber ab als andere Songs. Hier verfliegt der Vibe, der vorher vermittelt: "Ich bin so hart und stark, ich muss laut schreien wie geil ich bin, damit man mir glaubt" und es fühlt sich nicht mehr so gewollt und reingepresst an.

Roxton hat das Album in kompletter Eigenregie kreiert. Bis auf die Vocals seiner Freundin Liz Ivy, welche leider meist untergehen, hat er alles selbstgemacht. Das muss man ihm natürlich anrechnen. Er beherrscht diverse Instrumente, kann Songs schreiben und singen. Bloß hätten hier und da ein paar weitere Meinungen, Vielfalt in musikalischer und lyrischer Hinsicht und Tipps und Kniffe in der Produktion sicher nicht geschadet.

Irgendwo zwischen Nickelback-Balladen ("Within Your Mind") und Shinedown-Style (vor allem in Form der Vocal-Harmonien) liefert Max Roxton ganz solide Rockmusik und beschert eine halbe Hand voll Überraschungsmomente, die musikalisch von Potenzial zeugen, inhaltlich aber vor allem seine Stärke und Autorität unterstreichen. Die große Ankündigung eines Konzeptalbums, in dem die meisten Songs jedoch von Eigenlob durchzogen sind und klingen, als hätte man einen großen Eimer Das-Kennt-Man-Doch darüber ausgeschüttet, ist vielleicht einfach nicht die beste Strategie.

Trackliste

  1. 1. I'm Back
  2. 2. Center Of The Universe
  3. 3. Decay
  4. 4. Misty Places (ft. Liz Ivy)
  5. 5. Within Your Mind (ft. Brian K Murphy Jr)
  6. 6. Masquerade (ft. Liz Ivy & Aaron Buchner)
  7. 7. Satellite
  8. 8. Riot
  9. 9. The Voice Within
  10. 10. Head Under Water
  11. 11. Never Again
  12. 12. Now I Unterstand

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4 Kommentare mit 7 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    Dieser Kommentar wurde vor 2 Monaten durch den Autor entfernt.

  • Vor 2 Monaten

    Da hat jemand scheinbar nicht richtig hingehört oder sich mit den Texten beschäftigt…diese Album liegt weit davon entfernt sich zu profilieren. Ein Song wie Center of the Universe ist doch (ganz klar, spätestens aber dann wenn man sich Beiträge zur Single durchliest) eine der Charaktereigenschaften der Menschen die Roxton beschreiben möchte. In diesem Fall: Narzissmus. Is wohl Ironie, dass genau das, was sich Roxton wünscht (nämlich mal hinter die Fassade des „starken Alphatiers“ zu gucken, er singt sogar noch „I secretly look for somebody to see more“), eben genau mal wieder nicht gemacht wurde. Einfach Wort für Wort genommen, nicht nachgedacht und kritisiert. Schade! Das gilt auch für andere Tracks in dieser Rezension. Mit Eigenlob hat dieses Album nix zu tun und das versteht man wenn man sich wirklich mit Roxton beschäftigt (dazu reicht schon ein intensiver Blick auf seine Inhalte auf Instagram oder ggf mal ein Interview lesen). Und obendrauf verstehe ich persönlich nicht wie man das Album nicht abwechslungsreich finden kann, aber das ist immer subjektiv. Gezeichnet - eine Hörerin, die sich mit dem Album auseinander gesetzt hat, Kathi.

  • Vor 2 Monaten

    An dieser Stelle möchte ich erstmal loswerden, dass der Autorin der Rezession wohl ein paar Hintergrundinformationen die auf den Kanälen zu den Releases veröffentlicht wurden, gefehlt, oder durchgerutscht sind. So könnte sie die teils ironisch gemeinten Botschaften besser interpretieren. Die Abwechslung der Songs und die gewählten Stilmittel sind wie ich finde sehr bewusst und gut gewählt. Hier sollte sich aber jeder seine eigene Meinung bilden.
    Eigentlich bin ich der Meinung, dass gerade bei einer Seite die sich laut.de nennt, dieses gesamte Album sehr gut aufgehoben fühlt, denn laut hört sich dieses Album am besten und rockt einem so ziemlich alle Synapsen durch die Hypophyse, die ein Rockfan gerne angesprochen haben möchte. Am besten einfach selber anhören und ein eigenes Urteil bilden, denn ich finde dass die Rezession hier leider ein wenig lückenhaft urteilt. (Geschmack ist und bleibt nun einmal subjektiv!) #nofront

  • Vor 2 Monaten

    geiles album! Finde die Kritik so nicht gerechtfertigt. sowas aus Deutschland schon lange nicht mehr gehört und das in DIY, finde ich müsste mehr goutiert werden.