laut.de-Kritik

Starkes Solo-Debüt vom The National-Sänger.

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Bei The National war die Arbeitsteilung in den letzten Jahren recht klar geregelt, auch weil die Mitglieder inzwischen über den Globus verstreut leben: Die Dessner-Zwillinge Aaron und Bryce komponieren die Musik, dann schreibt Matt Berninger mit Unterstützung seiner Frau Carin Besser die Texte und arbeitet an den Gesangsmelodien. Dass die Dessners auch ohne Berninger funktionieren, haben sie zuletzt ausreichend unter Beweis bestellt. Aaron produzierte unter anderem das letzte Taylor Swift-Album "Folklore", Bryce veröffentlichte gemeinsam mit Sufjan Stevens, James McAllister und Nico Muhly 2017 das Album "Planetarium".

Berninger hingegen blieb den Beweis, dass er auch alleine überzeugt, bisher schuldig. Zwar gab es 2015 unter dem Namen El Vy den ersten, überzeugenden Ausbruch aus der Hauptband, allerdings musste Berninger sich auch hier das Lob teilen, denn für die Kompositionen zeichnete Brent Knopf verantwortlich. Fünf Jahre später prangt nun erstmals der Name Matt Berninger über einem Album – anscheinend aber auch nur, weil Berninger die einzige Konstante in einem großen Pool verschiedenster Mitmusiker*innen ist, die an den Songs beteiligt sind.

Ursprünglich klopfte Berninger mit der Idee eines Cover-Albums im Stile von Willie Nelsons "Stardust" bei Booker T. Jones an. Jones, der als Produzent unter anderem mit Otis Redding und Neil Young gearbeitet hat, war zwar auch von dieser Idee schon angetan, noch mehr aber schließlich von den ersten Demos eigener Songs, die Berninger mit Freund*innen geschrieben hatte.

Über seinen Schreibprozess äußerte sich Berninger gegenüber dem Rolling Stone kürzlich so: "Abhängig davon, mit wem man gemeinsam Songs schreibt, ist es so wie wenn man mit jemandem tanzen lernt, den man noch nie getroffen hat.". Die Kollaborateure dieses Mal, darunter Walter Martin von The Walkmen, Brent Knopf und Scott Devendorf, Bassist von The National, tanzen ausgesprochen gut mit Berninger. Schon der Opener "My Eyes Are T-Shirts" verspricht etwas luftigere Stücke, als sie zuletzt aus dem Hause The National kamen.

Wie ein Ausatmen nach den traurig-schönen und schweren Songs von "I Am Easy To Find" klingt der Track, selbst wenn Berningers lyrische Themen-Palette sich nicht groß erweitert. Liebe, Selbstzweifel und Ängste sind immer noch die favorisierten Inhalte. So heißt es über groovenden, grummelnden Drums, launigen Klavieranschlägen und atmosphärischen Gitarren-Schnörkeln: My eyes are T-shirts, they're so easy to read / I wear 'em for you but they're all about me / They always say 'I want you to take me home' / They always say 'I want you to leave me alone'".

Zwar geht es schon ab dem zweiten Song "Distant Axis" auch klanglich wieder deutlich melancholischer zu. Dennoch bleiben die Stücke leichter, auch weil sie weniger auf elektronische Elemente zurückgreifen und vermehrt auf akustischen Gitarren aufbauen. Dadurch erinnern die Titel eher an frühere Alben von The National, etwa das großartige "Boxer". Vor allem der Titeltrack stützt diesen Eindruck, etabliert besonders mit dem großartigen Refrain mit wunderbaren Bläser-Motiven aber auch einen eigenen Charme. Als Hörer darf man sich freuen, dass Berninger hier einen Output für diesen geerdeteren Sound gefunden hat. In "Loved So Little" gibt er sich voll und ganz Americana hin, sein lakonischer Bariton kommt hier besonders zur Geltung.

"Silver Springs" ist eine wunderbare, schlurfende Ballade, deren Instrumentation an die ersten Alben von Norah Jones erinnert. Unterstützung bekommt Berninger hier von Gail Ann Dorsey, die auch schon auf dem The National-Titel "You Had Your Soul With You" sang. Das Duett erzählt von Langweile und Fluchtgedanken im titelgebenden Städtchen: "Don't talk, don't cry, don't try so hard / Don't suck, don't die, get out, run far from home / They'll never understand you anyway in Silver Springs". Auch "Oh Dearie" weckt mit den spaßigen Pianoeinwürfen Erinnerungen etwa an "Come Away With Me".

Besonders schön ist auch "Collar Of Your Shirt", in dem Berninger sich in höhere Gesangsgefilde wagt und zeitweise tatsächlich mehr singt als melodisch zu raunen. Ein gelungener Einstand als Solo-Künstler ist es also geworden, bei dem trotz schwerer Themen und teilweise auch schwerer Klänge eine angenehme Gelassenheit mitschwingt.

Trackliste

  1. 1. My Eyes Are T-Shirts
  2. 2. Distant Axis
  3. 3. One More Second
  4. 4. Loved So Little
  5. 5. Silver Springs feat. Gail Ann Dorsey
  6. 6. Oh Dearie
  7. 7. Take Me Out of Town
  8. 8. Collar Of Your Shirt
  9. 9. All For Nothing
  10. 10. Serpentine Prison

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