laut.de-Kritik

Der pfälzische Rambo lehrt Gottesfürchtigkeit, "Bruder"!

Review von

Wenn man Massiv eins nicht vorwerfen kann, dann ist es mangelnde Produktivität. Nach zehnjähriger Karriere konnte er im vergangenen Jahr bereits auf zehn Alben zurückblicken. Auch 2015 ist der Wahlberliner nicht untätig. "Ein Mann Ein Wort 2" heißt sein neues Album, auf dem er Kraftausdrücke komplett außen vor lässt. Etwas seltsam, wenn man bedenkt, dass Massiv auf vergangenen Releases noch brachiale Gewaltorgien feierte und Mütter fickte.

Solch unflätiges Verhalten ist auf der neuen Platte natürlich tabu, worauf schon Songtitel wie "Küss den Boden auf dem Mama läuft" wenig subtil hinweisen. Konnte man auf bisherigen Werken Massivs noch so etwas wie ein Augenzwinkern oder einen Entertainment-Faktor erahnen, wird sich auf "Ein Mann Ein Wort 2" knallhart ernst genommen. Mit "M10" wollte der Rapper noch "palettenweise Geld machen", auf der neuen Platte stellt er die Gier nach Erfolg an den Pranger: "Hunderttausend Platten machen aus dir keinen Mann".

Was einen zum Mann macht ist im Weltbild des Musikers eisern festgelegt: Ehrenvoll, stolz und gottesfürchtig sollst du sein, "Bruder". Der geläuterte Massiv hält an traditionellen Werten fest und legt diese Lebensweise auch dem Hörer nahe. Mit belehrendem Zeigefinger rappt sich der Pfälzer durch die 15 Songs und reißt dabei jegliche Klischee- und Kitsch-Grenzen mit seinem stahlharten Bizeps ein, wie ein Elefant im Porzellanladen: "All unsere Herzen, guck die formen sich zum Stein / Lass niemals 'nen Verräter in dein Leben rein."

Inhaltlich schlägt der "Gangster, der auch heult" mit seiner sanften Schiene zwar in eine neue Kerbe, ein wirklich abwechslungsreiches Album liefert er dadurch aber nicht ab. Raptechnisch zählte er noch nie zu den Großen und seine gewöhnungsbedürftige Aussprache sorgte schon oft für unfreiwillige Komik. Doch mit einigen seiner bisherigen Alben konnte der Muskelberg dank völlig abgedrehter Übertreibungen irgendwo zwischen Gangstarap und "The Expendables" zumindest noch unterhalten. Dieser Mehrwert fehlt "Ein Mann Ein Wort 2" völlig.

Auf jedem der kitschig-theatralischen Songs schüttet Massiv entweder sein Herz aus oder gibt seine vermeintliche Lebenserfahrung durch platte Weisheiten und ausgelatschte Metaphern an den Hörer weiter. Diesen spricht er auf "Die Erinnerung bleibt" sogar persönlich an, die Herren auf Augenhöhe mit "Bruder", die Damen als "Engel" stilisiert. Gleichberechtigung sieht ein bisschen anders aus, aber Massivs Musik richtet sich ohnehin eher an seine männlichen Mitmenschen.

Eine Frau spielt dann doch eine tragende Rolle in Massivs Leben: Die liebe Frau Mama. Auch ihr widmet der Rapper als Zeichen seiner Hingabe einen schmalzigen Song. Typisch für den Löwen aus Pirmasens greifen hier ebenfalls fehlende Reimtechnik und seltsamer Stimmeinsatz nicht gerade optimal ineinander, so dass sich auch diese gutgemeinte Ode an die Mutter leider als Griff ins Klo erweist: "Hast uns beschenkt, obwohl wir keinen Cent - hatten / Du würdest niemals meine Hand los – lassen".

Die musikalische Untermalung bietet wenigstens einen kleinen Lichtblick. Komplett von Abaz produziert kommt "Ein Mann Ein Wort 2" in einer runden Soundkulisse daher. Passend zur durchweg kitschigen Thematik und den bedeutungsschwangeren Aussagen des Rappers sind aber auch die Beats sehr melodramatisch geraten. Doch im Gegensatz zum Protagonisten vermitteln sie immerhin ein wenig von den Emotionen, die Massiv anstrebt.

Mit welcher Inbrunst der Al Massiva-Chef versucht, seine ausufernde Gefühlswelt auszudrücken, belegt "Märtyrer". Die durchaus traurige Thematik des Tracks verfehlt durch Massivs Herangehensweise leider völlig ihr Ziel: Mit seinem weinerlichen Stimmeinsatz erzielt er eher peinlich berührten Fremdscham als Einfühlungsvermögen. Dieses Problem hat nahezu jeder Song auf "Ein Mann Ein Wort 2". Die gut gemeinten Botschaften des sanften Riesen kommen dank unpassender Vortragsweise und fehlendem musikalischen Feingefühl nie an.

Wenn Massiv dann doch mal eine dichte Atmosphäre aufbaut, reißt er sie früher oder später wieder ein. Sei es aufgrund mangelnder Rapskills oder fehlender Glaubwürdigkeit. Auf "Deine Ehre ist unbezahlbar" spricht sich der Rapper beispielsweise eine Strophe lang gegen Geld und Konsum aus, nur um am Ende folgende Zeile zu rappen: "Guck' wie ich dank meiner M-Power drück' / Gemischt mit Zec+ ist gleich eine Prise Glück". Wie Product Placement für Bodybuilding-Ernährung mit der Absage an kapitalistisches Interesse und dem Appell an religiöse Werte zusammenpasst, bleibt wohl Massivs Geheimnis.

Schuster, bleib bei deinen Leisten. Massiv hätte weiterhin auf sein etabliertes Rezept setzen sollen, das primitive Raptechnik mit verrückten Gangster- und Gemetzelfantasien vereint. Da wo "Ein Mann Ein Wort 2" nicht peinlich berührt, langweilt es einfach nur. Aber bei der Produktivität von Massiv können wir wahrscheinlich spätestens nächstes Jahr mit einem neuen Album rechnen. Vielleicht dann ja wieder von dem pfälzischen Rambo mit Blutdurst.

Trackliste

  1. 1. Ein Mann Ein Wort 2
  2. 2. Lieber falle ich mit der Wahrheit
  3. 3. Märtyrer
  4. 4. Solange der Mond über meinem Kopf kreist
  5. 5. Verurteilt / ich wollte nicht nach Syrien
  6. 6. Die Erinnerung bleibt
  7. 7. Niemals ohne dich
  8. 8. Freiheit Teil 1
  9. 9. Küss den Boden auf dem Mama läuft
  10. 10. Feuer / Wasser
  11. 11. Es tut mir leid 2
  12. 12. Geboren um zu sterben
  13. 13. Deine Ehre ist unbezahlbar
  14. 14. Freiheit Teil 2
  15. 15. Zweite Chance

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13 Kommentare mit 16 Antworten

  • Vor 5 Jahren

    Also ich bin schon immer ein Fan von Massiv gewesen... Und es wird wohl auch immer so bleiben. Danke!! ich finde es ist ihm super gelungen mal wieder etwas nicht massiv typisches aus dem Hut zu zaubern.. & nur weil jemand wenig skillz besitzt heißt es nicht gleich das es deswegen ein schlechtes Album geworden ist... ganz im Gegenteil es gefällt mir sogar sehr!!!!

    Es tut mir leid aber wer über Ein Mann ein Wort 2 so abwertend spricht, sollte lieber weiter Haftbefehl hören!! Und keine Kommentare hinterlassen.

  • Vor 5 Jahren

    Im Gegensatz zu Refused konnte ich hier immerhin 3 Stuecke in Gaenze hinter mich bringen, dann war es aber auch gut.

    Massiv kann ich nicht mit 1 bewerten, egal wie langweilig ich es finde. 2 halt.

    Ich sollte wieder oefter McFit Seestrasse gehen und ihm mal sagen, dass er zu weit von der Basis weg ist.

  • Vor 3 Jahren

    Ungehört 1/5, wer sowas ernsthaft feiert sollte sich ne Therapie suchen oder sowas.