laut.de-Kritik

Gewaltig, zerstörerisch, bedrohlich – wunderschön.

Review von

"Wenn du mein Spiel magst, wirst du dieses Album lieben. Wenn du mein Spiel nicht leiden kannst, wirst du es wirklich, wirklich hassen!" Mit diesen Worten kündigte Marty Friedman Anfang des Jahres sein neues Album an. Klare Ansage – wird sie erfüllt? Und wie! "Inferno" geht zurück zum Solomeilenstein "Dragon's Kiss", wartet mit einer Gastperformance des Cacophony-Partners Jason Becker auf und ist doch weit davon entfernt, in Nostalgie zu versumpfen.

Schon der Titelsong und "Resin" zeigen allen Djent-Fanboys, wo's langgeht. Vertrackte Rhythmen, Gefrickel, Anspruch – all das geht auch ohne Achtsaiter und mit einem schönen Batzen Melodie und Seele. Friedman will nicht in erster Linie seine famose Technik zu Schau stellen; dass er sein Instrument beherrscht, sollte mittlerweile ohnehin jedem klar sein. Er schreibt richtige Songs. Die Melodien bleiben hängen, ein roter Faden zieht sich kontinuierlich durch das gesamte Werk.

Der Meister selbst sagt von sich, ihn langweile instrumentale Gitarrenmusik. Deshalb versuche er, seine Musik auch für Nicht-Gitarristen interessant zu gestalten. Das gelingt ihm hier vom ersten Ton an. "Inferno" erinnert mit seiner singenden Melodie an "Thunder March" vom Solodebüt "Dragon's Kiss", trägt aber gleichzeitig hochmoderne Elemente in sich, die sonst eher von Meshuggah oder einer Core-Band zu erwarten wären. Aber keine Sorge – all das ist zu einhundert Prozent Marty. Einzigartige Soli und Harmonien pflastern den Weg des Virtuosen auch auf "Inferno". Simple Pentatonik sucht man hier vergebens. Europäische Skalen mixt Friedman immer noch munter mit asiatischen Klängen und kreiert so seinen unverkennbaren Stil.

Um die Rückkehr in westliche Gefilde zu feiern (lange Zeit war er nurmehr in seiner Wahlheimat Japan musikalisch aktiv und präsent), versammelt der Künstler eine beeindruckende Riege an Gastmusikern um sich. Neben dem Akustik-Duo Rodrigo Y Gabriela ("Wicked Panacea"), darf unter anderem Shining-Boss Jørgen Munkeby am Saxophon ran ("Meat Hook"). Das Zusammenspiel mit diesem in den Soli ist schlichtweg grandios.

Grandios ist auch das von Jason Becker co-komponierte "Horrors". Ein Cello veredelt einen mehrstimmigen Akustikteil, dann lassen einem schwere Metalakkorde in Kombination mit getragenen Leads die Haare zu Berge stehen. Abrupte Wechsel zwingen den Hörer zur Aufmerksamkeit, belohnen ihn jedoch mit einer Berg- und Talfahrt durch Harmonie, Disharmonie, wahnhafte Gitarrenläufe und filigrane Akustikarbeit sowie einer schlichtweg sensationellen Komposition. Becker spielte zwar seine Parts aufgrund seiner Krankheit nicht selbst ein. Doch schon dass das Duo nach all den Jahren tatsächlich wieder gemeinsam Musik veröffentlichen würde, hätten wohl die wenigsten für möglich gehalten.

So phänomenal wie die Instrumentalfraktion auf "Inferno" agiert – neben den Gitarren glänzt vor allem Anup Sastry an den Drums – sind Vocals eigentlich überflüssig. Marty positioniert trotzdem auf drei Tracks jemanden vor dem Mikrofon. Während Danko Jones für die Rockröhre verantwortlich ist ("I Can’t Relax"), brüllt auf "Sociopaths" David Davidson von Revocation alles in Grund und Boden. Sogar Hassfresse Alexi Laiho darf mal im Duett mit Jones aus den Boxen keifen, während er lässig Leads aus dem Handgelenk schüttelt ("Lycanthrope").

Trotz dieses breiten Personalspektrums ist "Inferno" kein buntes Sammelsurium, das sich in zu vielen verschiedenen Ausrichtungen verliert. Jeder der Gäste bringt seine persönliche Note ein, welche sich in Riffs, Soli und Grundstimmung der jeweiligen Songs niederschlägt. Marty Friedman setzt diese allerdings so geschickt ein, das nichts fehl am Platz wirkt oder abseits seiner für das Album vorgesehenen Linie geschieht. Der rote Faden schlängelt sich zwar durch verschiedenste Gefilde, weiß aber zu jeder Zeit, wo er hinwill.

Den Kreis schließt "Inferno – Reprise" wie es perfekter kaum sein könnte. Alles ist gesagt, es ist nicht zu viel, nicht zu wenig, es ist Marty – und jetzt drück die Repeat-Taste! "Inferno" bietet tatsächlich Marty Friedman in Reinform und präsentiert ihn gleichzeitig so vielseitig und facettenreich wie nie zuvor. Was da auf den Hörer hereinbricht, gleicht in der Tat einem Inferno. Gewaltig, zerstörerisch, bedrohlich – wunderschön.

Einen einzigen Grund zum Meckern gibt es dann aber doch. In der Danksagung erwähnt Friedman einen Namen, dessen Besitzer leider nicht selbst auf dem Album in Erscheinung tritt: Devin Townsend.

Trackliste

  1. 1. Inferno
  2. 2. Resin
  3. 3. Wicked Panacea
  4. 4. Steroidhead
  5. 5. I Can't Relax
  6. 6. Meat Hook
  7. 7. Hyper Doom
  8. 8. Sociopaths
  9. 9. Lycanthrope
  10. 10. Undertow
  11. 11. Horrors
  12. 12. Inferno - Reprise

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1 Kommentar

  • Vor 5 Jahren

    Ich war nach dem ersten Hören selbst als Gitarrist überfordert. Nach dem dritten Durchlauf avanciert die Scheibe nun zur Platte des Jahres! Durchhaltevermögen hat sich gelohnt! Geiles Songwriting, hammermäßige Technik, tolle Sounds extrem gut produziert, abwechslungsreich. Absolut empfehlenswert!