laut.de-Kritik

Raus aus der schleimigen Grütze Bon Jovis.

Review von

Vor wenigen Tagen beobachtete ich auf einem Peter Maffay-Konzert mit Kollege Fuchs ein typisches Phänomen. Sobald der gebürtige Rumäne Akustik-Gitarren und eingängige Melodien ins Spiel brachte, lag sich das begeisterte Publikum aus Mittvierzigern in den Armen. Kaum schloss er die Klampfen an den Strom an, wirkten die semi-rockigen Nummern auf den Lederhosen- und Matten-tragenden Fan ergreifend. Binnen weniger Minuten fand sich dieser wild stampfend und moshend in der Menge wieder. Wir belächelten die vorangegangene Generation ein wenig und schlossen derartig berechenbare Verhaltensweisen für unsereins aus.

Dass diese Stereotypen nicht ganz so einfach auszuschalten sind, beweist das zweite Album des Star Search-Sympathieträgers Kesici. Im Kindesalter überzeugte er mit einer Ballade seine skeptische Mutter von seinem Gesangstalent. Auch Sat 1-Zuschauer nahmen ihm das schon nach der ersten Hörprobe ab. Nun schmeißt Martin den jungen Hörer Maffay-gleich in ein Bad der Gefühle. Dieser folgt ihm gehorsam auf Schritt und Tritt. Auf seinem zweiten Release finden sich gleichermaßen Balladen und Rocknummern.

Der Opener "Sorry" tritt zunächst in die Fußstapfen der alten Machine- und Motörhead-Platten. Harte Riffs und 80er-lastige Klampfen-Soli bestimmen den Sound. Der krachenden Opener verpasst dem poppigen Vorgänger einen Arschtritt. Unter Zeitdruck will der Hauptstädter damals gestanden, und sich zu sehr auf die Mainstream-Schiene eingefahren haben. Jetzt überzeugt nach eigenen Worten echter Kesici-Sound: "Könnte ich eine Überschrift mit mir herum tragen, würde die heißen: Handmade Rock".

Akustik-Gitarren ("Disappear") vermögen es, den vielsaitigen Sound des neuen Albums für jedermann erträglich zu gestalten. Noch breiter fächert der "Kinnbart-Teufel" die Zielgruppe, mit einer Sängerin am Mikro: Theatralisch trällert die klassisch ausgebildete Tarja Turunen (Nightwish) ihren Part zu "Leaving You For Me". Die Herzschmerz-Hymne ergreift auch den widerborstigsten Hörer. Ein passendes Video verstärkt dieses Gefühl: Ein Wikingerdorf in Finnland bebildert die gewollt kulturelle Note des halb-klassischen Tracks.

Immerhin kippen EmKays Tracks seltener als auf dem Vorgänger in die schleimige Grütze Bon Jovis seichter Balladen. Trotz eingängiger und melodischer Refrains (die sich locker über den ganzen Song erstrecken) kommt er insgesamt druckvoller daher. "Dislike You" und "All Of My Life" kann man fast schon in die Nu Metal-Schublade stecken.

Trotz der Bemühungen, vielseitige Nummern auf CD zu pressen, erwarten den Fan wenig Überraschungen. Eine einprägsame Melodie reiht sich an die nächste. Aber ist das seinen Fans wichtig? Kuscheln sie denn gerne auf Kommando? Eines steht jedenfalls nicht nur für Mama fest: "Mensch, Junge, du kannst ja doch singen!"

Trackliste

  1. 1. Sorry
  2. 2. Egotrippin'
  3. 3. Leaving You For Me
  4. 4. Hang On (New Mix)
  5. 5. Could Have Been Me
  6. 6. Dislike You
  7. 7. Always A Stranger
  8. 8. All Of My Life
  9. 9. Hope
  10. 10. God Bless You
  11. 11. It's Alright
  12. 12. I
  13. 13. Disappear
  14. 14. Talk To The Wind

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