laut.de-Kritik

Politische To-Do-Liste im Sprint.

Review von

Egal ob in der Vergangenheit als Marina and the Diamonds oder in der Gegenwart als MARINA, die walisische Marina Diamandis kennt den Zeitgeist und weiß, wer sie ist und was sie sagen will. Davon scheint sie auf jeden Fall überzeugt. Ihr neues Album "Ancient Dreams In A Modern Land" verabschiedet sich weitestgehend von den Gefühlslandschaften seiner Vorgänger "FROOT" und "Love + Fear" und wendet sich einer neuen und vor allem politischen Ausrichtung zu. Im Zentrum? So ziemlich alles. Die Platte setzt sich keine Grenzen und räumt schonungslos auf. Diese Tatsache hält jedoch auch ordentlich Chaos bereit.

Der Opener zeigt direkt, dass hohes Tempo und energischer Electro-Synth-Pop nach wie vor zu MARINAs Vorlieben gehören. Mit "Ancient Dreams In A Modern Land" liefert sie gleich zu Beginn eine poppig-exzentrische Hymne der Eigenständigkeit und Selbstakzeptanz, die sofort ihren etablierten musikalischen Fingerabdruck erkennen lässt. Die Message? "You don't have to be like everybody else / You don't have to fit into the norm, you are not here to conform." Auch die nächsten Songs werden von rhythmischen E-Gitarren und rockigen Drumpattern vorangetrieben. Auf "Venus Fly Trap" behandelt die Sängerin dasselbe Thema und verliert dabei kein Stück ihrer anfänglichen Intensität. Sie ist sogar noch eine Stufe zynischer und selbstsicherer als zuvor: "I got the beauty, got the brains, got the power, hold the reins / I should be motherfucking crazy."

"Man's World" befasst sich hingegen mit den täglichen Kämpfen und Anstrengungen, denen Frauen und Mitglieder der LGBTQ+ Community ausgesetzt sind. Gerade das Ende des dichten Arrangements aus Drums, Klavier, E-Gitarren und Synthesizern macht den symbolischen Eindruck, als müsse sich MARINAs Stimme mit aller Gewalt durch diese Mauer an Gegenwehr kämpfen.

"Purge The Poison" holt in der Folge noch weiter aus und entwickelt sich schnell zu einer flächendeckenden musikalischen Säuberungsaktion, die vom fragwürdigen öffentlichen Umgang mit Britney Spears' mentaler Gesundheit und ihrem Zusammenbruch im Jahr 2007 inspiriert wurde. In ihrer Abrechnung mit der Gesellschaft findet MARINA von Rassismus über Naturkatastrophen bis hin Unterdrückung von Frauen, mentaler Gesundheit und Kapitalismus in knapp drei Minuten Platz für mehr Missstände und Probleme als manch andere auf einem ganzen Album. Zentrales Motiv ist dabei ein fiktives Telefonat zwischen MARINA und "Mutter Natur", in dem letztere klarstellt, dass sie weiterhin für Recht und Ordnung sorgen wird, solange es die Menschen nicht selbst schaffen.

An dieser Stelle ist dann aber auch erstmal eine kleine Pause nötig, um den maximalen Input der ersten vier explosiven Songs zu verdauen. Da kommt es ganz gelegen, dass die zweite Hälfte des Albums deutlich ruhigere Töne anschlägt und weitestgehend MARINAs versatilem und berührendem Gesang die meiste Aufmerksamkeit schenkt.

"Highly Emotional People" begleitet mit gefühlvollen Klavierpassagen das schwerwiegende Leitbild toxischer Männlichkeit, ehe der Song mit einem kurzen, aber fulminanten Finale endet. "Pandora's Box" und "Flowers" greifen mit ähnlich ruhigen Arrangements den Kummer und die Nachwehen von Beziehungsschmerzen auf, rutschen aber zwischenzeitlich in eher klischeehafte Gefilde ab. Dennoch ist gerade "Flowers" eine nette Anlehnung an MARINAs Leidenschaft für das Gärtnern und den emotionalen Wert, den bereits ein kleines und oftmals unscheinbares Blumengeschenk für sie bereithält.

Eines wird nach Ende des atmosphärischen und orchestralen Abschlusstracks "Goodbye" somit schnell klar. Mit ihrem neuesten Projekt zeigt sich MARINA ambitionierter und facettenreicher als jemals zuvor. "Ancient Dreams In A Modern Land" bemüht sich, einen Spagat zwischen verschiedenen musikalischen und lyrischen Themen zu schaffen und trotzdem ein kohärentes Gesamtbild zu kreieren. Dennoch ist es ausgerechnet die weitläufige Vielfalt, die dem Album phasenweise einen chaotischen Beigeschmack gibt. Das Problem der unzähligen politischen Ansätze sind nicht die Themen an sich, sondern ihre Aufarbeitung. MARINA verliert keine Zeit, ihre Gedanken und Meinungen offen darzulegen, jedoch nimmt sie sich auch selten die nötige Zeit, jedes Thema mit gebührender Sorgfalt zu behandeln.

Besonders in der ersten Hälfte wirkt es, als hätte MARINA zu viel zu sagen, um alles auf einem Album unterzubringen. Viele Songs machen den Eindruck einer politischen To-Do-Liste, die möglichst im Sprint abgehakt werden muss. So werden zwar essentielle Themen, über die zurecht geredet werden muss, angesprochen und thematisiert, jedoch gehen dabei wichtige Nuancen und Referenzen zu schnell in der Masse verloren. Dabei stellt sich die Frage, ob für den Anfang weniger nicht mehr gewesen wäre. Und allein das ist besonders schade, da "Ancient Dreams In A Modern Land" ein authentisches und reflektiertes Pop-Projekt mit viel Persönlichkeit, Tiefe, Motivation und vor allem gesellschaftsrelevanter Bedeutung ist. Es fehlt am Ende nur der letzte Schliff.

Trackliste

  1. 1. Ancient Dreams In A Modern Land
  2. 2. Venus Fly Trap
  3. 3. Man's World
  4. 4. Purge The Poison
  5. 5. Highly Emotional People
  6. 6. New America
  7. 7. Pandora's Box
  8. 8. I Love You But I Love Me More
  9. 9. Flowers
  10. 10. Goodbye

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5 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor einem Monat

    Definitiv ihr bester Output seit dem Debüt. Einige Lyrics, besonders in der ersten Hälfte, sind mir aber eeetwas zu blatant und gewollt- viele andere große Mankos hab ich aber nicht. Gerade Musikalisch ein gigantischer Schritt nach vorne im vergleich zu den Vorgängern. Der Titeltrack und 'I love you...' die Standouts für mich.

  • Vor einem Monat

    Rezension hat den Nagel auf den Kopf getroffen

    • Vor einem Monat

      Wir sagen hier immer noch "Rezession". Und wer ist Herr Nagel? Musik scheint aber ganz gut zu sein.

    • Vor einem Monat

      Musik ist tatsächlich ganz gut.

      Nach dem Debüt sind aus meiner Sicht die folgenden Alben nicht wirklich hörenswert gewesen. Aber dieses Album ist tatsächlich wieder etwas mehr „back to the roots“ und zeigt ihre alten Stärken auf. Wie wäre wohl ihre Karriere verlaufen, wenn sie nicht diese Kantenlosen Vorgänger-Alben hingeballert hätte? Egal, auf jeden Fall ein Daumen hoch für dieses Album!

  • Vor 25 Tagen

    Eine erfrischende Neuauflage ihres originalen Sounds. Und eine passende Bewertung.

    Ich möchte aber auch noch mal auf den Song „New America“ hinweisen, der wirklich für mich eines der Highlights des Albums ist. Schade, dass dieser in der Bewertung nicht erwähnt wurde

  • Vor 22 Tagen

    Besser als die drei Alben davor, noch nicht ganz so brillant wie das Debüt. Vielleicht wird es nach mehrmaligem Hören noch.
    Ich bin froh, dass sie die Kurve noch gekriegt hat nachdem sie zwischenzeitlich regelrecht ausgebrannt war. Eine tolle Künstlerin mit viel Potential, die leider versucht wurde in ein 08/15 Popsternchenschema zu pressen. Befreit davon kann sie anscheinend wieder zu ihren eigentlichen Stärken zurückfinden. Gutes Album.