Porträt

laut.de-Biographie

Mahalia

"Du hast ein Like unter meinem Bild hinterlassen / heißt das also jetzt, dass du mit mir flirtest? / Du hast etwas Kritisches auf Twitter gestellt / und ich weiß nicht, ob ich es zitieren oder retweeten soll. / Ich hab gemerkt, dass du mein Insta mehr als oft checkst / Aber bei mir bist du kein Follower. / Ich seh, dass du meine Schwester abonniert hast / Ist es so, dass du wirklich SIE auscheckst? (...) Du ziehst es vor mich auf Snapchat zu finden / Du kannst per Tastendruck verfolgen, wo ich bin (...) Wie können wir annehmen, uns wirklich zu verstehen? / Was fühlen wir denn durch ein Gerät?"

"Begin Again" heißt der Song. Mahalia skizziert darin die Gefühlswelten der Teenies in den 2010er Jahren: Verklemmtheit trotz oder wegen grenzenloser medialer Verständigung. Sie will die "Echte" sein. Deswegen schnallt sie sich altmodisch eine Akustikgitarre um und macht eine Art Soul. Musik des Herzens.

Ihre Lehrer empfahlen ihr, einen 'Back-Up Plan' zu erstellen, als sie ihren Berufswunsch 'Sängerin' nannte. Ed Sheeran war daran schuld. Die am 1. Mai 1998 geborene Britin nennt ihn als erste Inspiration. Nicht stilistisch, sondern für die Rolle als Singer/Songwriter brach er ihre Aktivitäten vom Zaun. Sie ging auf seine Konzerte, wollte ihn treffen und von ihm wissen, wie das geht, Lieder zu verfassen.

Mit der Begegnung dauerte es lange, und bis dahin hatte sie sich das Songwriting längst selbst beigebracht. "My Angel", so erinnert sie sich, sei mit acht Jahren ihr erster Song gewesen. Ihn zu singen, überhaupt sich vor ein größeres Publikum zu stellen, war die größere Hürde als ihn zu texten und zu komponieren. Das Schreiben habe sie früh geliebt, meint sie - doch was genau schreibt sie? 'Acoustic Soul', so habe ihr Vater das bezeichnet, und so entwickelte sich der Begriff. Denn für Mahalia ertönte alles mögliche durcheinander und prägte ihren jugendlichen musikalischen Horizont, wie sie den Berliner 'Blogrebellen' verrät: von der obligatorischen Lauryn Hill über Angie Stone bis zu Arctic Monkeys und Bombay Bicycle Club.

Als sie mit 13 einen Plattenvertrag unterzeichnet, erledigt sich die Sache mit dem "Back-Up Plan". Der hätte darin bestanden, dass sie Naturwissenschaftlerin werde. Der Vertrag soll ihrem Schulabschluss aber auch nicht im Weg stehen, und so geht sie Releases ganz in Ruhe an. Aber sie tourt viel: Sie spielt für 'ihren' Ed Sheeran als Support Act, ebenso für Tom Odell. Der wiederum steht in Verbindung mit Rudimental, und diese englische Drum'n'Bass-Gruppe lädt Mahalia 2015 auf ihr Album ein: Sie performt "We The Generation" als Featuring Guest und singt über ihre Altersgruppe. Nineteen 85, der Schöpfer des Drake-Überhits "Hotline Bling" produziert zu dieser Zeit auch ihre EP "Never Change".

Früh lernt sie, sich auf den Social Media-Plattformen durchzuboxen: "Well, you see this business is all about survival of the fittest / if you don't go viral / you should quit it / I am the revival of the unfinished / You're my witness." meint sie nachdenklich im Song "Proud Of Me", der später, 2018, mit Little Simz erscheint. Heiser lacht sie in dem Track über ihr Bekanntwerden, denn ihr bedeute Popularität nichts: "That don't mean shit to me / I wanna keep this for me." Ein Cover des Rihanna feat. Drake-Hits "Work" hatte sie auf YouTube bekannt gemacht.

Ihre Eltern hatten das Brimborium von Twitter und YouTube nicht nötig: Mahalias Vater, von dem sie den Familiennamen Burkmar hat, arbeitete als Session-Sänger. Er hat iranische Wurzeln. Setzt man die Puzzleteile aus verschiedenen Mahalia-Interviews zusammen, kann es sich bei ihrer Mutter nur um die in Leicester geborene Lorita Grahame handeln. Sie war Sängerin bei der Band Colourbox in den Jahren 1983 bis '87. Colourbox waren eine ansonsten männliche Band mit weiblicher Frontfrau, eine Rolle, die nun auch Mahalia zuwächst. Mamas Band verband Elektronik mit Reggae - kein Wunder: Mahalias Großeltern mütterlicherseits stammen aus Jamaika. Mahalia selbst geht zumindest artverwandte Wege: Dance-Material mit R'n'B-Einschlag im Stil der frühen 90er à la Lisa Stansfield findet sich durchaus bei ihr.

Ihre zweite Musiksorte ist die klavierbezogene Soul-Pop-Ballade. Verschlafen-kindlich klingt sie dabei auf "Good Reason" aus dem als 'Tagebuch' betitelten Debütalbum "Diary Of Me". Mit dieser Platte positioniert sie sich Ende 2016 sehr deutlich im Akustik-Segment. Hier finden sich außer dem erwähnten, nachdenklichen "Back-Up Plan" auch die zarte Ballade "I Remember" und das Gitarren-Songwriter-Stück "Silly Girl".

Die folgenden Veröffentlichungen 2017 und '18 präsentieren die Newcomerin mit schiebendem, vor Bass nur so wummerndem Neo-Soul in "No Pressure", dem oldschooligen "No Reply" und der Hitsingle "Sober". Von letzterer spielt sie aber für zahlreiche Videokanäle und TV-Sender wiederum Akustikversionen ein.

Die EP "Seasons" im Herbst 2018 ist gleich so konzipiert, dass sie zwischen beiden Soundsphären die Balance hält. Bedeutend mehr Aufmerksamkeit auf den Streaming-Plattformen wird dem Titel "I Wish I Missed My Ex" zuteil. Der Song geht viral und wird zu ihrem 'Key-Song', mit dem man sie verbindet. Dieser Tune baut maßgeblich auf einem Sample auf: "Txtin'" heißt das Original von WSTRN feat. Alkaline, einem Londoner Rap-Trio mit jamaikanischem Dancehall-Gast.

An der Schwelle zum Erwachsenwerden wechselt Mahalia zwischen strohblond gefärbten glatten Haaren, schwarzen Locken, Dunkelblond mit Nougat-Strähnen, Kurzhaarschnitten und wilden Mähnen hin und her. Umso mehr stellt sie eine Identifikationsfläche für Jüngere dar. In Interviews plappert sie geübt drauf los, ihre Songtexte hören sich nach Lebenserfahrung an ("Why you tryin' to fuck my life up (...) I'm a lover not a fighter / always seein' the good in your heart"). Anders als viele "süß" oder wütend klingenden Stimmen im Pop und R'n'B hört sich ihr Gesang vor allem ruhig, sanft und nahbar an.

Im September 2019 erscheint das recht klassisch an Soul und Neo-Soul angelehnte Album "Love And Compromise" auf dem Traditions-Label Asylum. Darauf ist ihr Hit "I Wish I Missed My Ex" auch erstmals im CD-Format erhältlich. Für ein einzelnes Konzert kommt die R'n'B-Newcomerin im Dezember 2019 auch zu uns und singt in Köln.

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