laut.de-Kritik

Stell dir vor, Cobain hätte sich nicht erschossen ...

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"Jeder meiner Raps ist ein Diktat. Schreibt mit: 'Ich Komma Maeckes bin Rap sein Vater.' Hi Kids!" Der leicht größenwahnsinnigen Eröffnungszeile des Stuttgarters fehlt nicht nur das Komma hinter Maeckes und elegante Grammatik, sie stimmt auch nicht: Der Rapper und sein kongenialer Partner Plan B haben Rap nicht gezeugt, sie sind höchstens noch entfernt mit ihm verwandt. Aus der jahrelangen Affäre zweier geborener Kabarettisten und der Stuttgarter Rapszene ging vielmehr ein anderer Bastard hervor: Rap Up Comedy.

Ihr Debüt pflückt die Saat des unfassbar vielschichtigen Mixtapes "Als Wär's Das Album" vom letzten Jahr. Während die Rapper bei "Go!" noch mal klarstellen, wie überreif die Zeit fürs eigene Erntedankfest ist, holen sie sich im folgenden Track Bestätigung von höherer Stelle. Von Ray Charles über Janets Brustwarze bis zu Enrique Iglesias' Leberfleck konstatiert die versammelte parodierte Prominenz: "Ihr seid ready!" Und damit hat sie völlig Recht.

Plan B präsentiert sich als solider Rapper zwar deutlich unspektakulärer als sein Kollege, dafür auch bodenständiger. Was nicht heißt, dass er den Hip Hop-Göttern nicht auch die ein oder andere goldene Punchline opfert: "Hört mein Album, / und verbringt die nächsten 30 Jahre in der Fötushaltung!". Maeckes hingegen rappt sich stellenweise herrlich in Ekstase, findet grenzgeniale Metaphern, "fickt Rap mit Blümchen-Vergewaltigungs-Sex" und suhlt sich förmlich in seiner selbstgebastelten Psychopathen-Atmosphäre. Gemeinsam geben sich beide in einer Harmonie die Klinke in die Hand, wie sie nur wenige deutsche Duos an den Tag legen.

Am offensichtlichsten belegt das der Track "Sin City", eine herrlich erzählte, vier Minuten lange Gangstergeschichte aus der Ich-Perspektive, gespickt mit gerappten Doppelpass-Stafetten. Ebenso großer Experimentalsport: "Boing", ein Feature mit dem größten Teil der eigenen Haushaltsgegenstände, diversen Tieren und der einen oder anderen orgastisch stöhnenden Frau. Oder Teil zwei von "Orsons Kleine Farm". Diese Collabo mit Tua und Kaas vom Mixtape wächst fürs Album zu "Orsons große Scheune" heran. Trotzdem erreicht der Track in Hinsicht auf kranke Reime und eingängigen Beat weder seinen Vorgänger noch die benachbarte "Bonnies Ranch".

Interessanterweise mangelt es der Scheibe trotz all der Wortspielereien, Experimente und Überspitzungen - herrlich dargestellt zum Beispiel im augenzwinkernden Heimatlied "Deutsche Welle Polen" - keinesfalls an Tiefgang. Bei "Meint Ihr Nicht Auch?", "Verstummte Sicht" oder "Wohin Ich Gehe" drängt sich die melancholische, bei "Hohe Erwartungen" die kritische Seite in den Vordergrund. "Stell dir vor, Kurt Cobain hätte sich nicht erschossen, und wär jetzt irgendein stinkender Mick Jagger-mäßiger, alternder Sack, der gerade auf seiner hundertsten Welttournee ist, bei der die Karte 100 Euro kostet!" - ein Gedankenexperiment, das förmlich zum genaueren Hinhören zwingt.

Dazu verpflichten die Rapper ihre Hörerschaft ohnehin. "Als Wären Wir Freunde" ist keine Scheibe, die mal eben nebenher vor sich hin plätschern kann, und das liegt nicht mal an den streckenweise recht faden Plastikinstrumentals. Wer sich nicht mit beiden Ohren auf die Texte der beiden Stuttgarter einlässt, dem offenbaren sie nicht ihren frechen Charme und ihren treffenden Zynismus - manche Tracks wie "Langweilig" oder "Zur Zeit" werden gar unhörbar. Wer zuhört, verliert sich im Kosmos zweier Komiker, denen zur Erfüllung des eigentlichen Schicksals (ohne Habibi) nur noch die zwölf Jünger fehlen, und die bei Livekonzerten unverstanden bleiben, da ihre Hände mit Sack und Drink schon zu ausgelastet sind, um ein Mic zu benutzen.

"Man könnte meinen, die Kopie von der Kopie von der Kopie von der Kopie von der Kopie sei ein deutsches Original." In dieses Schema passen die Stuttgarter nun wirklich nicht. Experimenteller als Banjo, abgedrehter als Fischmob, zynischer als Deichkind: Maeckes und Plan B behaupten den Ruf Stuttgarts als echte Alternative zum textlichen Einheitsbrei weiter Teile der Restrapublik. 0711 representet mal wieder, und ein weiteres Mal mit einem völlig neuen Selbstverständnis.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Go!
  3. 3. Ready
  4. 4. White Trash
  5. 5. Meint Ihr Nicht Auch?
  6. 6. Kokain ft. Celina
  7. 7. Verstummte Sicht
  8. 8. Langweilig
  9. 9. Sin City
  10. 10. Deutsche Welle Polen ft. Kaas
  11. 11. Hohe Erwartungen
  12. 12. Wohin Ich Geh ft. Celina
  13. 13. Orsons Grosse Scheune ft. Kaas, Tua
  14. 14. Outtakes ft. Kool Savas
  15. 15. Bong!
  16. 16. Zur Zeit
  17. 17. Als Waeren Wir Freunde

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