laut.de-Kritik

Die Niedersachsen haben es auf den Punk(t) gebracht.

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Alles auf Anfang: Madsen kehren mit ihrem neuen Album "Na Gut Dann Nicht" zu ihren Wurzeln zurück und liefern ein kompromissloses Punk-Manifest ab, das sie mit politischen Statements und persönlichen Lockdown-Erfahrungen spicken.

Der Albumtitel könnte dabei auch gleich als Untertitel für das Jahr 2020 herhalten, in dem das Corona-Virus und die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie viele Pläne durchkreuzten. Davon waren auch Madsen betroffen, die ihr ursprünglich für den Sommer geplantes Album kurzerhand beiseite legten und einen Neustart wagten, mit dem sie den Kuschelkurs früherer Alben erst einmal aussetzen.

Auf "Na Gut Dann Nicht" feuern Madsen stattdessen schonungslose Pogo-Punk-Stücke ab, die sich zwischen Protest und Dosenbier wohlfühlen. So direkt prangerte Sänger und Texter Sebastian Madsen auf keiner bisherigen Platte die Zustände im Land an. Auf "Na Gut Dann Nicht" holt er aus der Quarantäne zum Rundumschlag gegen Rechtsradikale und Verschwörungstheoretiker aus und blickt nebenbei auch selbstironisch auf die eigene Band und Szene.

Diese Mischung aus Witz und Anti-Haltung lässt zusammen mit der härteren Punk-Gangart Assoziationen zu früheren Ärzte-Platten wie "Die Bestie In Menschengestalt" aufkommen, auch wenn der Wortwitz auf "Na Gut Dann Nicht" dann doch nicht ganz so pointiert ausfällt. Der Opener und Titeltrack pfeift nicht nur auf eine korrekte Kommasetzung, sondern gleich auf die ganze Gesellschaft. Madsen kapseln sich mit der Holzhammer-Methode von der Außenwelt ab: "Manchmal denke ich einfach nur: 'Ihr könnt mich alle mal'", macht Sebastian Madsen hier seinem Ärger Luft.

Das Quartett setzt auf "Na Gut Dann Nicht" gleich von Beginn an auf brachialen Retro-Punk, der sich mit schroffen Riffs durch die Laufzeit fräst. Die Band erfindet den Iro damit auch nicht neu, als Verbeugung vor der Subkultur taugen die Stücke aber wunderbar. Dass sie sich mit ihrem Retro-Punk heutzutage nicht mehr am Puls der Zeit bewegen und mit der Musikrichtung keine Spotify-Charts mehr stürmen, ist den Niedersachsen vollkommen bewusst, was sie im Turbo-Track "Herzstillstand" dann auch aufs Korn nehmen.

Bei der Reanimation des Genres zeigen Madsen hier einen beherzten Einsatz, der mit dem skandierten Refrain und Verweisen auf Größen wie Slime und Die Goldenen Zitronen den Geruch von Schweiß und Bier im Moshpit aufkommen lässt. Das hat es so zwar alles schon gegeben. Madsen liefern an dieser Stelle aber einen weiteren Beweis für die Zeitlosigkeit des Genres.

Auf die Punk-Nostalgie folgt mit "Quarantäne Für Immer" der Sprung in die Gegenwart, mit dem Madsen augenzwinkernd den Lockdown behandeln. Warum nicht gleich ewig zu Hause bleiben, dann geht auch nicht so viel schief. "Auf Deinem Balkon" lässt es sich schließlich auch gut aushalten. Das Corona-Doppelpack ist ein lockerer Aufmunterer in Pandemie-Zeiten, der den Spaß vor musikalischer Finesse stellt.

Ebenso munter beschäftigen sich Madsen auf "Protest Ist Cool Aber Anstrengend" mit der Kollision zwischen Alltag und Demonstration: "Du willst mit 'nem BMW zur Fahrraddemo fahren / Und ein Selfie mit Greta, das wäre ganz schön nice". Protest muss am Ende des Tages schließlich auch "instagrammable" sein. Das scharfe Hauptriff und der jauchzende Backgroundgesang bauen die Bühne für ein schönes Stück Satire.

In "Trash TV" bekommen dann auch Selbstdarsteller ihr Fett weg, die über das altgediente Medium Fernsehen zu schnellem Ruhm gelangen wollen: "Bring mich ins Trash TV / Mit 'ner Challenge und 'ner Frau / Ich bin der perfekte Kandidat." Der Song, der auch aus Farin Urlaubs Feder stammen könnte, liefert mit seinem Mix aus Hau-drauf-Rhythmen und einem eingängigen Pop-Refrain das perfekte Beispiel dafür, wie gut Madsen ihre Punk-Wurzeln mit ihrem melodischen Indierock-Sound verquicken.

Am Schluss gerät diese Zeitreise zwar etwas eindimensional, was aber auch dem Konzept geschuldet ist. Punk kommt in dieser Reinform viel zu selten vor, und Madsen verpacken den neuen, schroffen Ansatz mit angenehmer Leichtigkeit. Der Autor Benjamin von Stuckrad-Barre feiert es jedenfalls im Abspann "Na Gut", wenn er hörbar euphorisch eine Definition des Punk-Begriffs hinterher schiebt: "English: punk: eigentlich Abfall, Mist, ja, das stimmt / Trifft aber hier natürlich nicht zu". Man muss ihm Recht geben, denn hier spielen Madsen ihren Sound einfach auf den Punk(t).

Trackliste

  1. 1. Na Gut Dann Nicht
  2. 2. Herzstillstand
  3. 3. Quarantäne Für Immer
  4. 4. Auf Deinem Balkon
  5. 5. Supergau
  6. 6. Protest Ist Cool Aber Anstrengend
  7. 7. Scheiße Zu Gold
  8. 8. A.W.M.
  9. 9. Behalte Deine Meinung
  10. 10. Trash Tv
  11. 11. Wenn Du Am Boden Liegst
  12. 12. Wir Nennen Dich Mücke
  13. 13. Na Gut (feat. Benjamin von Stuckrad-Barre)

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