laut.de-Kritik

Zwischen lyrischer Tiefe und instrumentaler Behäbigkeit.

Review von

Madeleine Peyroux kündigte "Anthem" im Vorfeld der Veröffentlichung als ihr "bisher umfangreichstes Projekt" an. Ohnehin machte sie es sich in der Vergangenheit in ihrer eigenen Nische aus Chanson, Jazz, Folk, Blues und Pop zu bequem. Da können neue Impulse keinesfalls schaden. Leider bleibt bei ihr nach wie vor musikalisch alles beim Alten.

Für das Album bildete die 44-jährige US-Amerikanerin eine eigene Rhythmusgruppe, die aus Pianist Patrick Warren (Bob Dylan, Bruce Springsteen), Drummer Brian MacLeod (Leonard Cohen, Tina Turner), E-Gitarrist David Baerwald (Joni Mitchell, Sheryl Crow) und Bassist Larry Klein, der das Album auch produziert hat, besteht. Dem schließen sich eine Vielzahl von Solisten an. Die einzelnen Tracks der Scheibe, die Peyroux zusammen mit den Musikern ihrer Band schrieb, nahmen deswegen vor allem unter Livebedingungen im Studio Gestalt an.

Mit "On My Own" hört man zunächst eine beschwingte Nummer mit dezenten Piano-, Gitarren und Orgeltupfern. Bis auf die gewöhnungsbedürftigen Posauneneinlagen von Andy Martin hat dieses Stück ohnehin nichts zu bieten, was man von der US-Amerikanerin nicht längst schon kennt. Ihre rauchige, warme Stimme versprüht aber zumindest immer noch etwas Angenehmes. Nur die Rhythmusgruppe lässt jegliche Power in dem Song vermissen und übt sich in Behäbigkeit. Daran ändert sich im weiteren Verlauf der Platte kaum etwas.

So siedelt sich "Anthem" irgendwo zwischen Blues ("Down On Me", "Party Tyme"), Folk ("All My Heroes"), Jazz ("On A Sunday Afternoon", "The Ghosts Of Tomorrow") und Chanson ("Lullaby", "Liberté") an, aber im Großen und Ganzen rauschen die meisten Tracks aufgrund der trägen instrumentalen Darbietung unspektakulär am Hörer vorbei.

Spannender sind da schon die Texte, etwa wenn Peyroux in "The Brand New Deal" soziale und politische Missstände in ihrem eigenen Land, die klaffende Lücke zwischen Arm und Reich und die Bestechlichkeit im Weißen Haus anprangert. Dabei zeichnen schwungvolle Blaxploitation-Klänge, die sich vom gefälligen Soundbild der Scheibe wohltuend abheben, und soulige Background-Chöre in der Nummer alles andere als ein aussichtsloses Bild der aktuellen Lage. Vielmehr möchte die Sängerin und Songschreiberin in dem Song ihre Mitmenschen dazu ermutigen, die Herausforderungen des Lebens anzunehmen.

Oftmals befasst sie sich auf der Scheibe, die zum Teil während des US-Wahlkampfs 2016 entstand, mit traurigen Einzelschicksalen. In "Lullaby" greift sie die Flüchtlingsthematik auf und singt einfühlsam zu melancholischen, bedächtigen Chanson-Klängen über eine Vertriebene, die auf dem Mittelmeer eine Reise ins Ungewisse antritt. Letzten Endes hat die Platte vor allem in ihren ruhigen Momenten etwas Berührendes.

Weiterhin hat es mit dem Titelstück wieder eimal eine Coverversion eines Leonard-Cohen-Songs auf ein Peyroux-Werk geschafft, die sich mit markanten Akustikgitarrenakkorden, harten Percussionschlägen und leicht schwermütigen Bläsern langsam und geduldig aufbaut, um schließlich in einem Refrain zu münden, der in dunklen Zeiten die Hoffnung nicht sterben lässt. Für die US-Amerikanerin gibt es auf dem Album immer ein Licht am Ende des Tunnels, egal wie verzweifelt die Situation der Protagonisten in einigen ihrer Tracks erscheint.

Mit "Liberté" widmet sie sich nämlich ganz zum Schluss dem gleichnamigen Gedicht von Paul Éluard, das die Geschichte eines Jungen und seiner Familie erzählt, die dessen tödliche Krankheit akzeptieren muss. Es umspannt eine ganze Lebensgeschichte von der Kindheit bis zum Tod und wirft Sinnesfragen über die Endlichkeit und das große Ganze auf. Wenn Peyroux es zu sparsamen Akustigitarrenklängen und eleganten Synthie-Streichern in französischer Sprache vorträgt, betont sie die einfache Charakteristik, die es auszeichnet, mit Nachdruck. Nicht ohne Grund avancierte die Version des Chansonniers Marc Lavoine nach den Pariser Terroranschlägen vom 13. November 2015 im Frankreich zum Hit.

Insgesamt sucht man auf "Anthem" Innovationen mit der Lupe. Trotzdem beweisen die zurückgenommenen, poetischen Nummern auf der Platte, dass Peyroux ihren Zenit noch nicht überschritten hat. Nur ihrer Rhythmusgruppe hätten ein paar motiviertere Kräfte keineswegs geschadet.

Trackliste

  1. 1. On My Own
  2. 2. Down On Me
  3. 3. Party Tyme
  4. 4. Anthem
  5. 5. All My Heroes
  6. 6. On A Sunday Afternoon
  7. 7. The Brand New Deal
  8. 8. Lullaby
  9. 9. Honey Party
  10. 10. The Ghosts Of Tomorrow
  11. 11. We Might As Well Dance
  12. 12. Liberté

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