laut.de-Kritik

Der Drill kommt auch in Deutschland an.

Review von

Eine der großen, unterschätzten Fähigkeiten der Rapmusik ist es, wie ein Künstler zu klauen. Sich auf einen neuen Sound einlassen, sich von anderen Ecken der Welt inspirieren lassen und diese Ideen dann rund ins eigene Oeuvre einfließen lassen, das macht einen Katalog manchmal erst richtig lebendig. Denn gemacht wurde sowieso alles schon einmal. Im besten Falle endet man wie ein Drake, der pro Alben zwei Kulturen adaptiert und fast jede irgendwie solide spielt. Im schlimmsten Fall endet man wie ein Gros des Deutschrap-Mainstreams, dessen Amirap-Inspiration der Woche nach den ersten drei Takten so schmerzhaft offensichtlich ist, dass man sich fragt, warum man gerade deren Diät-Version hört. Lucianos neues Album "Exot" pendelt sich in einem soliden Mittelfeld ein: Manchmal rollt man die Augen ob der offensichtlichen Einflüsse, aber über weite Strecken wird er seinen Vorbildern erstaunlich gerecht.

Das Offensichtlichste vorneweg: Luciano hat eine Menge Pop Smoke gehört. Genau wie der neue New Yorker Drill-Vater hat sich der Berliner also einen britischen Produzenten geschnappt und das Genre in sein eigenes Land gebracht. "Mios Mit Bars" war schon im Vorfeld ein Hit, der trotz ruppigen Sounds solide aufgenommen wurde. "Never Know" überstrapazierte dieses Wohlwollen aber, denn neuer Sound und eine Shirin David-Kollabo ging über die Toleranz-Grenze des hiesigen Rap-Hörers. Vielleicht zurecht, eine Großtat stellt der Song nicht gerade dar.

Trotzdem kann man Luciano nicht vorhalten, sich den Sound, der weite Strecken von "Exot" dominiert, nicht zu Eigen gemacht zu haben. Die Songstrukturen fühlen sich locker und auf den Punkt an, die Flows sitzen, so minimalistisch sie oft ausfallen. Stimmlich kommt sein polterndes Gezeter nicht ganz an Pop Smokes Großmacht heran, ist aber in seiner gutturalen Finsternis trotzdem ein ziemlich markanter Sound. In New York könnte man ihn bedenkenlos zwischen Rah Swish, 22Gz und Fivio Foreign stellen und niemand würde eine Miene verziehen.

Dieses Charisma trägt ihn auch durch das Album, das eigentlich zu lange geraten ist. Über eine Stunde Rap-Singles mit latentem Schulterblick auf die Streaming-Algorithmen hätten nicht unbedingt sein müssen. Vor allem, wenn Nummern wie "Shake It", "Belly Dance" und "Trippin" manche Elemente der Musik sehr in den Boden rammen. Die "Flex!" und "Grr"-Adlibs zum Beispiel hat man am Ende von "Exot" so oft gehört, dass der Sound einiges an Reiz einbüßt, ohne je wirklich falsch gespielt zu werden.

Trotzdem legt Luciano einiges an willkommener Abwechslung in die Tracklist. "Frozen" und "Halb 3 (feat. Macloud)" zeigen Miksu und McLoud auf ihrem besten DJ Mustard-Film, "Kinosaal (feat. YG)" rekrutiert LA-Champion YG für ein bisschen Westcoast-Worship und "Sip" holt den Afrotrap-Sound überraschend frisch zurück. Außer Yung Hurn, der einen soliden Part abliefert, kommen und gehen die restlichen Features eindruckslos, stattdessen entstehen Highlights eher in Form der Sample-Hooks, die schon auf "Mios Mit Bars" ein verdammt cooles musikalisches Element dargestellt haben.

Trotzdem gibt es die Momente, an denen man einfach zu drängend an die Amis denken muss. "Dreamer Drill" nimmt das selbe Robert Miles-Sample, das schon Tyga auf "Stimulated" aufgegriffen hat. Die erste Hälfte von "Block Life" spielt die selben Klavier-Klänge wie Cardi Bs "Money" und "Late Night" übernimmt die Melodie von Kid Cudis "Day N Night". All diese Samples sind absolut valide und die entstandenen Songs überhaupt nicht schlecht. Es bleibt nur dieser Nachgeschmack, dass man gerade auch einfach Kid Cudi oder Tyga hören könnte. Die Zitate überschatten die eigentlich kreative musikalische Ausarbeitung der Songs.

Trotzdem: In seinen besten Momenten zeigt "Exot" Luciano als einen handwerklich kompetenten Rapper mit verdammt cooler Stimme, dessen Amirap-Knowledge ihn näher an den Puls des Genres bringt als viele andere Rapper zur Zeit. Im Gegensatz zu denen erweitert er seine Einflüsse auch um die ein oder andere Idee. Arbeitet er am nächsten Tape noch etwas gewählter und geschliffener und spart sich die Überlänge, könnte er sich langfristig als eine der spannendsten Stimmen im aktuellen Mainstream festsetzen.

Trackliste

  1. 1. Mios Mit Bars
  2. 2. Frozen
  3. 3. Dreamer Drill
  4. 4. Block Life
  5. 5. Maison
  6. 6. LL Cool J
  7. 7. Kinosaal (feat. YG)
  8. 8. Shake It
  9. 9. Never Know (feat. Shirin David)
  10. 10. John Travolta
  11. 11. Nacht Zu Kurz
  12. 12. Galaxie
  13. 13. John Gotti
  14. 14. Trippin
  15. 15. Halb 3 (feat. Macloud)
  16. 16. Belly Dance
  17. 17. Late Night
  18. 18. Sip
  19. 19. Paranoia (feat. Reezy)
  20. 20. Diamond Grillz (feat. Jamule & Yung Hurn)
  21. 21. Hennesy Vitamin

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9 Kommentare mit 7 Antworten

  • Vor 11 Tagen

    Die Frage ist doch: Warum sollte ich mir eine Pop Smoke Kopie geben wenn ich mir stattdessen das Original anhören kann?

    Samplen und mit einem Augen nach den Trends aus Übersee schielen war schon immer ein Ding unserer hiesigen Rapper. Aber kommt es nur mir so vor oder hat sich dieser Trend in den letzten Jahren radikal verstärkt?

    • Vor 11 Tagen

      Fler hat's erfunden

    • Vor 10 Tagen

      Böse Theorie: Deutschrap hatte noch nie etwas komplett eigenes. In der Zeit vor Trap-Beats haben die deutschen Rapper primär alles Französische und Dipset nachgemacht.

      Das sag ich sogar als Deutschrap-Fan, man muss ja irgendwo ehrlich sein. Einziger Typ, der seiner Zeit voraus war, dürfte wohl Casper gewesen sein, vor allem wenn man an den ganzen Emo-Kram und die Rock-Samples von heute denkt.

    • Vor 10 Tagen

      Und natürlich S.M.U.D.O. bester Rapper in D!

    • Vor 10 Tagen

      "Zack, was geht ab? Ich bin S.M.U.D.O., ha
      Kaum hab ich die Sprüche aus dem Sack gepackt, da
      komm' die Leute auf mich zu und fragen mich: „Was willst denn du
      mit Hip-Hop-Musik, mit deutschem Sprechgesang immerzu?"
      Dann sag ich: Ja, schau ins Publikum, schau dich an und schau dich um
      Leute schwoofen wie die doofen, obenrum und untenrum
      Packen ihre Zettel aus, schrauben Schreiberminen raus
      Bekommen Autogramme, schlagen ihre Zelte auf vor meinem Haus
      Will ich dann raus, schau ich links und rechts
      und dann ab durch die Mitte schneller als jeder Reflex
      Doch die Fans mir hinterher gegen jede Fairneßregel
      Und ich drück den Knopf, mit dem das Öl tropft
      Und der Hebel für die Nägel wird gezogen, das Blech wird verbogen
      Der Rahmen ist verzogen und die Fans beschreiben einen Bogen
      Unterdessen vergessen die Herren von der Presse
      Ich hab kein Interesse am Gespräch, während ich esse
      Macht euch weg von meinem Besteck ihr zwei beiden
      „Und was sollen wir dann schreiben?" Ich sag: immer locker bleiben"

      epic shit

  • Vor 11 Tagen

    Eure Künstlerverlinkung ist falsch. Ich nehme an, der Roots-Reggae-Luciano ist nicht zum Deutschrap gewechselt.

  • Vor 10 Tagen

    Stellenweise nah dran an bloßer Pop-Smoke-Imitation. Und das durchaus kalkuliert, immerhin ist „Shoot For The Stars...“ gerade allgegenwärtig. Da ist mir 3/5 dann fast zu viel. Lines wie „Gib Gas, denn die Nacht zu kurz“ stoßen auch sauer auf. Es kommt einfach faul rüber, wenn man lieber unvollständige Sätze verwendet, als ein Line zu finden, die da wirklich drauf passt.