laut.de-Kritik

Sie nennen diesen akustischen Krieg 'Meta-Metal'.

Review von

Liturgy gelten als Schwellenphänomen. Eine Band, die sich Grammatik und Paradigmen des Black Metal entleiht, gleichzeitig aber das Genre zum Gräuel vieler unterwandert. Auf ihrem neuen Wurf "The Ark Work" setzen sie die Demontage fort und dekonstruieren ihre eigene Musik konsequent.

Ein Song nach dem anderen rast da mit der Schlagfrequenz eines Maschinengewehrs auf den Abgrund zu und schießt dabei über jedes Ziel hinaus. Ein Gewaltakt mit der Penetranz einer Dubstep-Orgie, nur eben mit Gitarren, Trompete, Posaune, Dudelsack und selbst Orgel, intoniert in infernalischen Soundwalls.

Die Herren um Hunter Hunt-Hendrix versehen ihren apokalyptischen Soundtrack selbst mit dem Gütesiegel "Meta-Metal". Nach den zwischenzeitlichen Ausstiegen sind Drummer Greg Fox und Bassist Tyler Dusenbury auf Album Nummer drei wieder an Bord und reißen darauf tragende Wände mit der Abrissbirne ein. Das ist abstrakte Kunst, Post-Strukturalismus, Zerreißprobe und Mystikum zugleich. So innovativ und der Hörgewohnheit stets entgegen arbeitend präsentieren sich die elf Tracks des "Aesthethica"-Nachfolgers.

Brutal werden Rhythmik und Melodien massakriert. Aus einem stabilen Takt wird gehäckseltes Drum-Gestotter, aus geschlossenen Akkorden werden Tremoli-Kaskaden. Kurzum: Die Materie wird gespalten bis auf das kleinste Atom. Dabei glaubt man eigentlich eher den martialischen Opferkulten eines verschwörerischen Clans beizuwohnen. Sakrale Referenzen säen Liturgy nebenbei mit an kirchliche Praxis angelehnten Titeln zur Genüge.

Düster, unheilvoll und okkult tönen die Attacken gegen die Pop-Kultur, die Menschheit, das Christentum, Gott, sich selbst oder einfach alles. Einzig das entschleunigte "Father Vorizen" und das gänzlich entschlackte "Haelegen" stehen im Schatten des Kugelhagels und bilden einen willkommenen Kontrapunkt. Ansonsten potenzieren die Herren Steigerungen mit Steigerungen und jagen im Ego-Shooter-Modus epileptisch zuckende Biester zwischen Post-Rock, Big-Beat und experimentellem Noise in die Gehörgänge.

Denn es herrscht Krieg, totaler Krieg, wie das finale Endzeit-Gemetzel verkündet. Als hätte man 65daysofstatic trichterweise Adrenalin in die Venen gepumpt und den rituellen Gestus der These New Puritans beigefügt. Bei so viel Stückwerk und maximal beschleunigtem Schlagzeug wirkt das Ganze mit unterbutternden Streichern und unüberschaubaren Spuren-Türme dennoch allumfassend groß.

"Reign Array" reizt den bis dahin effektvoll überstrapazierten Bogen dann aber etwas zu weit aus unter Gitarren-Texturen so verhangen und lichtdicht wie Molton. Hunter Hunt-Hendrixs nasaler Gesang lässt sich derweil mit der Flut des reißenden Flusses treiben und singt mehr mit als dazu. Ein weiteres Indiz für die Abkehr von den stets eigenen Metal-Interpretation vergangener Tage.

"The Ark Work" bleibt aber am Ende mehr als der reine Verweigerungsakt gegenüber dem Dispositiv. Denn letztlich überzeugt die Platte bei all der Wut vor allem mit unerschöpflicher, virtuoser Spielwut und liefert genügend Alleinstellungsmerkmale, um so schnell nicht in Vergessenheit zu geraten.

Trackliste

  1. 1. Fanfare
  2. 2. Follow
  3. 3. Kel Valhaal
  4. 4. Follow II
  5. 5. Quetzalcoatl
  6. 6. Father Vorizen
  7. 7. Haelegen
  8. 8. Reign Array
  9. 9. Vitriol
  10. 10. Total War

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10 Kommentare mit 5 Antworten

  • Vor 5 Jahren

    Das ist übrigens die beste Beschreibung, die ich bisher zu dem Sound gelesen habe:
    " Als hätte man 65daysofstatic trichterweise Adrenalin in die Venen gepumpt und den rituellen Gestus der These New Puritans beigefügt."

  • Vor 5 Jahren

    Ich habe mir diesen musikalischen Sondermüll für eine Challenge in einem Musikforum 11 Hintereinander reingezogen. Ich war den Wahnsinn nahe, habe körperliche Schmerzen in Regionen bekommen, wo ich noch nie Schmerzen hatte und hab fast Heulkrämpfe gehabt. Ich will an diesen völlig konstruierten, mies umgesetzten Mist nie wieder denken und es gänzlich aus meinen Gehirn verdrängen.

    1/5

  • Vor einem Jahr

    Mir fällt es schwer das noch in die Kategorie Metal zu packen auch wenn ich Neuerungen gegenüber der konservativen True Haltung echt begrüße, z.B. zählen Wolves In The Throne Room zu meinen Lieblings Black Metal Bands. Bei Liturgy muss ich immer sehr an No Wave Bands der 70er und 80er denken oder später Noise Rock oder Math Core. Ich finde es fraglich wenn sich solche Bands als Metal bezeichnen, statt zu den Industrial Wurzeln zu stehen. So könnte es rechtfertigen, dass sich jede extreme Noise Rock Band als Metal bezeichnet. The Swans waren ja schließlich auch kein Metal. Versteht mich nicht falsch, es geht mir nicht um eine Ablehnung von Innovationen im Black Metal. Es geht mir darum, dass ich es fraglich finde, wenn Bands, die eigentlich ganz andere Musik machen, plötzlich Metal genannt werden. Bei Rammstein ist das ja auch ähnlich. Die werden Metal genannt obwohl das Neue Deutsche Härte ist, was dazu führt, dass Genres relativiert oder verwässert werden.

    Außerdem stößt mich an Liturgy auch dieses erzwungene "nicht Mainstream sein wollen" ab, weil das ja, siehe Hipster Kultur, auch schon wieder eine "Haltung" ist, die in gewisserweise Mainstream und Pop geworden ist. In gewissen Kreisen ist es cool geworden sich mit "undergroundiger" Kultur zu schmücken, was dazu führt, dass der Begriff Underground sich aufhebt und zu einen versnobten Modebegriff geworden ist.