laut.de-Kritik

Alles Lüge. Das schmerzt ohne Ende.

Review von

Wenn jahrelang gewachsene Vorfreude in Ernüchterung mündet, braucht es etwas Zeit, um mit Gott und der Welt wieder ins Reine zu kommen. Das erste Kiss-Reunion-Konzert auf europäischem Boden (Donington, 1996) oder der lang herbeigesehnte Plausch mit Danko Jones (im Ramones Museum, 2012): Mir hat die Realität schon des Öfteren eine schallende Ohrfeige verpasst. So entpuppten sich meine maskierten Jugendhelden als übersättigte Rock-Rentner, Danko Jones erschien mit einem imaginären Shirt mit der Aufschrift "Call me Mr. Arrogance!".

Aber man tickt ja, wie man tickt. Man bastelt sich immer neue Luftschlösser. Das Fundament für meinen neuesten Prunkpalast wurde im Januar 2016 gelegt, als die Ankündigung eines neuen Life Of Agony-Albums die Runde machte. Und jetzt sitze ich wieder hier, die Hände vors Gesicht geschlagen, und weiß nicht wohin mit meiner Enttäuschung.

"A Place Where There's No More Pain" haben sie mir versprochen. Alles Lüge. Es schmerzt ohne Ende. Bereits der vorab ins Rennen geschickte Titeltrack mit düsteren Grunge-Riffs aus dem Alice In Chains-Archiv, vertrackten Kesselspielen im Background und emotionslos vorgetragenem Leid aus der Kehle von Mina Caputo war eine Enttäuschung. Ich hatte mir mehr versprochen als leblos vorgetragenen Alternativ-Durchschnitt, der vergangenen Spektakeln wie "Love To Let You Down", "Weeds" und "Let's Pretend" nicht im Entferntesten das Wasser reichen kann.

Endlich befreit von ihrer männlichen Vergangenheit suhlt sich Mina Caputo durch einen blubbernden Morast aus nicht zu vertreibendem Schwermut. Auch im Körper einer Frau scheint im Leben von Mina nur selten die Sonne. Früher hatte sie allerdings die Gabe, ihren Schmerz in Melodien zu hüllen, die ihresgleichen suchten. Heute ist da nur noch Leid.

Gefangen in einem engmaschigen Netz aus aussortierten Tremonti-Riffs macht sich die einst so gefeierte Sängerin mit dem einzigartigen Organ klein und kleiner. Auch die Herren Abruscato, Robert und Z. tappen hilflos im Dunkeln. Ein kurzer Refrain-Ausbruch ("A New Low"), ein softer Trip auf der Überholspur ("World Gone Mad") und ein fünfminütiges Kleben an alten Erinnerungen ("Bag Of Bones"): Das war's auch schon. Mehr haben Life Of Agony nach zwölf Jahren Studio-Funkstille nicht zu bieten.

Kurz vor Schluss versucht Mina noch einmal mit Hilfe eines Klaviers die kreative Blockade zu lösen ("Little Spots Of You"). Aber auch das geht nach hinten los. Nichts bleibt hängen, weder im Laut- noch im Leise-Modus. Es ist zum Verzweifeln. Statt in puncto Leidenschaft und Abwechslungsreichtum da weiterzumachen wo man im Jahr 2005 aufgehört hat, kommen Life Of Agony mit blutleerem Alternativ-Standard um die Ecke, der zu "Ugly"-Zeiten nicht einmal für eine B-Sides-Compilation gereicht hätte. Die Branche weint. Ich sowieso. Luftschloss ade. Wieder mal.

Trackliste

  1. 1. Meet My Maker
  2. 2. Right This Wrong
  3. 3. A Place Where There's No Pain
  4. 4. Dead Speak Kindly
  5. 5. A New Low
  6. 6. World Gone Mad
  7. 7. Bag Of Bone
  8. 8. Walking Catastrophe
  9. 9. Song For The Abused
  10. 10. Little Spots Of You

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5 Kommentare mit 22 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    Hey, hab einen ganz ähnlichen Erwartungszyklus zur "Broken Valley" damals durchgemacht. Entsprechend bin ich diesmal gar nicht erst mitgegangen. Spielen die nicht demnächst mit den deftones hierzulande? Werde ich mir nach 3x LOA und locker 8x deftones sicher nicht mehrt geben, zumal v.a. deftones live ein 50/50-Glücksspiel "sensationell gut vs. absolut unterirdisch" ist...

    Nein, Life of Agony sind seit Broken Valley eher Listeners Agony.

  • Vor 2 Jahren

    Mina klingt eben nicht wie sie als Keith klang. Ist leider so. Dann lieber River Runs Red, Ugly und mit Abstrichen Soul Searching Sun auf Dauerschleife setzen...

  • Vor 2 Jahren

    Diese vernichtende Kritik wird der Platte m.E. in keinster Weise gerecht.

    Wer hier 2 Sterne vergibt, hat Musik (als Ausdruck künstlerischen Schaffens) nicht verstanden!
    Klar ist der letzte Track der letzte Dreck und das "Walking Catastrophe" tendenzieller Totalausfall. Alles andere aber ist wunderbar, fett produziert und mit allem garniert was LOA auszeichnet: Zuckerbrot und Peitsche! Düster-melancholische Riffs und Bassläufe im Wechselspiel mit der warmen, melodischen Stimme von Mina.
    A place..., Worlds gone mad, Meet my maker, Right this wrong und auch Bag of Bones sind Top-5 Songs (von 20, wenn man das Gesamtkunstwerk aller Platten nimmt). Die beiden erstgenannten werden die Setlist der Live-Auftritte definitiv bereichern. Dass die Platte nicht mit RRR und Ugly verglichen werden kann, war absehbar. Sie ist aber um Lichtjahre besser
    als das verunglückte Broken Valley (das hier sinnbefreiterweise mit 3 Sternen bewertet wird).

    #seiswiessei
    Meine Platte des Jahres: 5/5

  • Vor 2 Jahren

    derWaldmeister hat recht! Sieht man sich Metakritiken an oder liest ein wenig sämtliche Bewertungen auf Wiki, fallen zwei Portale auf, die immer total neben der vorherrschenden Meinung liegen: Rolling Stone und laut.de. Das fiel mir bei vielen wirklich guten Alben auf (KoRns "Serenita of suffering" oder v.a. KISS' "Sonic Boom"). Dieses Album ist FETT produziert ohne Ende. Ohne die Notwendigkeit besonders hart oder soft sein zu müssen, geht JEDES EINZELNE Lied der Scheibe voll ins Ohr. Die Kritiker überschlagen sich größtenteils, nur auf laut.de findet man - wie meist - ein schlichtweg schlechte und subjektive Kritik. Ich ordne dieses Album hinter RRR als zweitbestes, was LOA JE gemacht haben ein. laut.de: Bitte neue Ohren besorgen oder mehr Zeit nehmen bei den Kritiken! Da stimmt was nicht bei euch! Diese Kritik schlägt dem Faß den Boden aus und hat mich dazu genötigt, mich hier nach Jahren des Ärgerns anzumelden! Geschmack? Subjektiv. Ja. Aber wenn 9 Leute sagen "super" und immer der Gleiche "Mist" schreit, sollte der Eine mal überlegen.

  • Vor 2 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 2 Jahren durch den Autor entfernt.