26. Februar 2009

"Damit der eine oder andere nachdenkt"

Interview geführt von

Letzte Instanz sind mittlerweile eine Institution im dunklen Gothic- und Folkrock-Genre. Sie spielen auf Augenhöhe mit Kollegen wie In Extremo oder Schandmaul.Zur Präsentation des neuen Albums "Schuldig" stellte Sänger Holly sich einem kurzen Interview. Dabei pariert er auch kritische Anmerkungen zur neuen Scheibe (zu konventionell, hundertmal gehört) recht elegant. Offenbar hat er sich gut vorbereitet, möglicherweise auch die - ebenfalls kritische - Review auf laut.de gelesen.

Für all jene, die euch nicht kennen: Worin besteht die Philosophie der Letzten Instanz? Was ist eure künstlerische Vision?

Ui … die schwerste Frage gleich am Anfang! Geht ja gut los ... Im Prinzip sind wir sieben Jungs, die zusammen gefunden haben, um Musik zu machen. Das machen ja viele. Nun kommt erschwerend hinzu, dass wir nicht nur in der nicht vorhandenen Garage unsere Zeit totschlagen wollen, sondern uns auch tatsächlich was dabei gedacht haben. Benni Cellini, Holly d. und Holly nehmen Geschichten, Fragmente des Alltags in sich auf und versuchen, diese les- und hörbar in Texten umzusetzen.

Ohne einen Zeigefinger erheben zu wollen, erzählen sie von ihren und anderen Problemen, um gezielt gegen Volksverdummung vorzugehen. Da Lyrik allein sich momentan nun schwer einen Zugang in den normalen Menschen bahnt, versuchen wir ihn auszutricksen und bedienen uns massenkompatibler Medien, um unsere Überlegungen und Philosophien nach außen zu tragen, auf dass der eine oder andere für einen kurzen Moment seines Lebens doch mal nachdenkt, was aus dem Selbigen alles zu machen wäre.

Worin unterscheidet ihr euch von Genrekollegen, gibt es überhaupt eindeutige Merkmale?

Das weiß ich nicht so genau. Ist eine Unterscheidung wichtig? Ich denke, das Aushängeschild einer jeden Band ist wahrscheinlich die Stimme! Daran unterscheidet man wohl die meisten Bands innerhalb eines Genres! Ob man will oder nicht. Unser Besteck besteht aus Schlagzeug, einem Bass, zwei Gitarren, einer Violine, einem Cello und zwei Gesängen. Der geneigte Hörer wird vielleicht herausfinden, dass bei unseren Kollegen zumeist das Cello fehlt. Wir belüften dafür keine Dudelsäcke.

Als nächstes vielleicht ein Gothic-Jazz-Album?


Zumindest eure türkische Gastsängerin macht einen hervorragenden Job als Vokalistin. Darf man hoffen, dass sie zukünftig eine größere Rolle im Letzte Instanz-Universum haben wird?

Wir beten – zu beiden Göttern – dass Aylin Aslim uns doch einmal auf eine unserer Touren begleitet. Viel Zeit hat sie nicht, denn sie bereitet derzeit ihr eigenes Album vor. Aber wer weiß, vielleicht kommt sie wirklich mal nach Deutschland und wir spielen gemeinsam vor gemeinsamem Publikum.

Du sagst, das Aushängeschild einer Band sei ihr Sänger. Der Sound der härteren Songs des Albums sowie die kraftvolle Stimme von Aylin Aslim drängt deinen Gesang jedoch oft sehr in den Hintergrund und lässt ihn etwas schwachbrüstig klingen. Bist du selbst zufrieden mit deiner Gesangsleistung?

Im Großen und Ganzen schon.

Mit den Akustik-Sachen habt ihr zuletzt ein neues Kapitel in der Bandgeschichte aufgeschlagen. Die sensiblen Arrangements haben euren Songs eine neue, tiefere Ebene verliehen. Wie wirkt sich dies auf zukünftige Projekte und Gigs aus?

Wir haben unweigerlich diese Erfahrungen des "weißen Jahres" mit in das neue Album "Schuldig" einbezogen. Was bei "Wir sind Gold" leicht jazzig daher kam, wurde für das neue Album als zu viel des Guten verworfen. Wir haben speziell bei den Akustik-Konzerten gelernt, dass gute Lieder einfach auch nur am Lagerfeuer funktionieren müssen.

Wahrscheinlich werden wir diese Erfahrung auch in unsere zukünftigen Kompositionen einfließen lassen, wer weiß, vielleicht bestehen wir aber auch auf dem uns verliehenen Titel "Chamäleon der Rockmusik" und das nächste Album wird ein Gothic-Jazz-Album. Wir lassen uns da die Stimmung nicht vermiesen. Doch wer sich die Zeit nimmt und sich eingehender mit der Musik befasst, wird dann wohl feststellen, das er sogar mit diesen Liedern die Damenwelt am Ostseestrand beglücken, oder auf der eigenen Familienfeier sogar noch seine Eltern zum Nachdenken bewegen kann.

"Wir machen gar nichts Neues"


Was ist das Besondere an der neuen CD? Gibt es eine künstlerische Weiterentwicklung?

Aha. Ein Verkaufsgespräch. Nun ja, sie ist viereckig, meistens grün mit einer rattenscharfen imaginären Dame vorn drauf, deren Bekleidungsstil man nur verstehen kann, wenn man sich durch jedes Lied hört und die sich darin befindlichen Themen in den Ohren zergehen lässt.

Mein Eindruck ist leider ein anderer. Warum sind der Sound und die Produktion so dermaßen konventionell ausgefallen? Viele neue Songs klingen wie Neuauflagen der Nu-Metalphase vor den Akustiksachen. Gerade die Brachialgitarren verweisen deutlich auf hundertmal gehörte Klangbilder von Oomph, In Extremo und Co. Wo liegt da die Eigenständigkeit und Wiedererkennbarkeit; gerade in Zeiten, in denen internationale Acts wie die Spanier Mago de Oz auf den deutschen Markt drängen und dem Genre ein frisches neues Gewand verpassen?

Du hast uns erwischt. Wir machen gar nichts Neues. Nun lass dir aber sagen, dass man auch gar nichts Neues machen muss, wenn für das Alte noch immer eine Daseinsberechtigung besteht. Im Übrigen, wenn man es auf die Spitze treiben wöllte, wiederhole ich gern noch mal: Unser Benni Cellini spielt das lauteste und schrillste Cello der deutschen Gothic/Mittelalter/Alternative-Rockszene. Das muss für den Anfang reichen. Mägo de Oz kenne ich leider nicht, das mag aber daran liegen, dass es diese Band es noch nicht bis nach İstanbul geschafft hat. Die deutsche Musiklandschaft mit allem, was darin spielt, musiziert derzeit an mir vorbei.

Worauf darf man sich bei der anstehenden Tour-Präsentation freuen?

Auf Musik, die man versteht. Auf Feuer. Auf eine fette Show. Schweiß? Tränen? Glück?

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