laut.de-Kritik

Ein bisschen Unfrieden unter Palmen aus Plastik.

Review von

"Letztendlich hätt' ich allerhand voll zu reden / doch füll mein Album nicht mit privaten Problemen / Mein Leben ist Girls, Kush, Cash für die Medien / weil ich mit denen über nichts anderes reden will", so beendete Lance Butters sein letztes Album "Blaow" mit einem gerissenen lyrischen Kunstgriff. Da ist noch so viel mehr, was ich geben könnte, doch ich werfe keine Perlen vor die Säue. Was natürlich drei Jahre lang die Frage aufwarf, was aus dem scheinbar fest abgesteckten Konzept Lance Butters (Kiffen, Groupies, Rapper scheiße finden) noch rauszuholen ist.

"Angst" löst diesen Cliffhanger auf. Die äußere Form bleibt zunächst weitgehend unverändert, Lance Butters rappt immer noch in Halftime seine Kaugummivokale, und wem das noch nie zugesagt hat, der dürfte auch mit diesem Album seine Schwierigkeiten haben. Des weiteren klingt dieser Stil immer noch ziemlich einzigartig, nach der ersten Sekunde weiß man, wer da rappt. Den Kreis seiner kreativen Partner hat er noch einmal zu einem Tandem verkleinert. Langjähriger Produzent Bennett On ist auf dem Album nicht vertreten, stattdessen produzierte Intimus Ahzumjot "Angst" komplett allein und liefert auch den einzigen Featurepart.

Wovon es aber auf dem Album mehr gibt, viel mehr, das sind die Momente, in denen Lance die Iron-Man-Maske lüftet. Der künstlerische Schritt nach vorn ist ein Schritt nach innen. Lance Butters weitet die Kampfzone auf Lance Butters aus. Er fasst den Nullpunkt, an dem sein Seelenleben angekommen zu sein scheint, in Worte und Beats. Dieses Album erzählt die Geschichte von einem, der seine Wohnung nicht verließ, um das Fürchten nicht zu verlernen. Der Mann mit der eisernen Maske, gefangen im eigenen "Keller". Lance Butters hält sich selbst in Einzelhaft.

Wer schon einmal an einem schönen Tag die Sonne beobachtet hat, vom Bett aus, wie sie als Lichtstrahl durch den Vorhang einmal durch das Zimmer wandert, jede regungslos verbrachte Stunde ein bisschen weiter, bis es ganz dunkel wird und man immer noch keinen Grund gefunden hat, um aufzustehen, müsste etwas mit diesem Album anfangen können. Gleichzeitig trägt es der Entschluss, selbst in dieser Position noch eine Haltung einzunehmen, der Jämmerlichkeit einen Rest Würde und Selbstachtung abzutrotzen. Der Modus bleibt Battle, ohne Kompromisse.

Das Hörerlebnis gleicht in etwa einem gepflegten Michael-Haneke-Filmabend. Man fragt sich währenddessen des Öfteren, warum man sich das eigentlich antut, diese große Kälte, wo man doch auch einfach "Predictions" hören könnte. Tatsächlich hat das Schreiben dieser Kritik, relativ betrachtet, ähnlich übermäßig lang gedauert, wie Lance Butters für ein Album braucht. Könnte man performativen Journalismus nennen, oder man gibt einfach zu, dass "Angst" ein zäher, fieser Kotzbrocken von einer Platte ist, von Lance Butters hochgewürgt aus dunklen Tiefen: "Der größte Gegner in mei'm Leben / sitzt tief drin in mei'm Schädel / und ich kann nichts dagegen / und ich kann auch nichts dafür", stellt er gleich im ersten Track fest.

Nach dem ersten Track weiß man eigentlich zur Genüge, worum es geht. "Angst" ist von der ersten bis zur letzten Sekunde durchgängig trostlos, besteht aus vierzehn Schattierungen Grau. Man hat einen Plattenbau mit verrosteten Wippen und Schaukeln im Hof vor Augen, eine betonierte Leerstelle, die – keinen anderen Schluss lässt das Album zu - Butters' Leben ist. Dort hockt er in einer Wohnung im obersten Stock und kriegt seinen Kopf nicht still. Emotional abwechslungsreich ist "Angst" - wie der Titel schon nicht eben subtil andeutet - definitiv nicht.

Aber es hält einen über die volle Distanz bei der Stange. Betrachtet man die Gesamtscheiße auf dem Gehweg der Seele mal genau, lassen sich im auf den ersten Blick homogenen Haufen durchaus Facetten unterscheiden. Da wären zum einen gewisse Angewohnheiten, die vor zehn Jahren mal unterhalten haben: "Rauchen und Rauchen und Paffen / Und Rauchen und Paffen / hab 1000 Dinge die mein Leben ausmachen / Zocken und Zocken und Pennen und Zocken / Dann Pennen/ hab's so krass verschwendet" wiegt sich Lance auf "PZP" im Beat, die Monotonie dieser Hook frisst sich ins Gehirn.

Dann wäre da dieses ominöse "Game", von dem der Rooz immer redet. Dieses Festbankett bestückt mit "paar Typen mit kaputten Egos", die vor allem Minderwertigkeitskomplexe und kreative Armut an den Tisch mitbringen und dann kräftig zulangen, auf der einen Seite. Auf der anderen Seite die Akrobaten, die, den Kopf bis zum Anschlag im eigenen Arsch, es noch hinbekommen, in den ihres Gegenübers hineinzukriechen. Des Rappers Ekel den Rappern gegenüber hat sich im Vergleich zu vorherigen Releases gefühlt noch einmal gesteigert, er spuckt nicht mehr, sondern kotzt nur noch: "Jeder will vom Kuchen hier ein Stück haben / Du gibst nichts ab / Und du frisst und du frisst und du frisst, bis du irgendwann erstickst dran".

Sicherlich hat die tief sitzende Abscheu vor den ganzen erbärmlichen Schmierenkomödien im Backstage ihren Teil dazu beigetragen, dass Butters der Mr. "Wie man einen Hype und eine über Jahre treue Fanbase nicht zu seinem kommerziellen Vorteil nutzt" geworden ist. "Kein Benzer / kein Benzer / kein Reichtum / kein Benzer" scheint da aber schlicht noch das geringere Problem zu sein.

Er öffnet die nie verheilte Wunde seiner Familiengeschichte über die Schmerzgrenze hinaus. "So schön" ist eine rohe Rekapitulation dessen, was war. "Realität prügelte mir den Scheiß aus dem Leib", als die Eltern sich trennten. Der Track beschreibt einen Menschen, der nach dieser Urkatastrophe nie mehr ganz in die Spur fand: "Mein Glas nie halb voll, sondern leer / Mama sagt, ich hab's von Papa geerbt / Und wer weiß, vielleicht ist da noch etwas mehr / Vielleicht wird es passier'n, dass ich auch so früh sterbe wie er".

Dazu schraubt Ahzumjot einen gespenstischen Beat zusammen, zu dem man bei geschlossenen Augen einen Serienkiller die Treppe hochsteigen sieht. Wenn am Ende des zweiten Parts bei "Nichts mehr" das Instrumental kurz aussetzt, muss man den Hut ziehen vor seinem Gespür für die Dramatik eines Tracks, das das ganze Album auszeichnet. Grandios auch, wie sein Rundumschlag in "Mag Sein" gegen den toten Vater und den abwesenden Bruder und die ausgepiepten Namen der Verwandten am Ende zum langgezogenen Ton eines EKGs werden. Die Synergie zwischen Produzent und Rapper hat seine Platten schon immer ausgezeichnet, auf "Angst" bislang am formvollendetsten.

Ahzumjot, dessen Soloproduktionen die Melancholie zwar nicht fremd ist, den man aber trotzdem als musikalisch eher sonniges Gemüt im Kopf hat, stellt sich ganz in den Dienst der Platte. Die Beats schleppen sich düster-monoton voran, sind aber nie um eine subtile rhythmische Spielerei verlegen und soundtechnisch über jeden Zweifel erhaben. Die Drums sind, analog zu den Texten, Schläge in die Magengrube, darüber klagen verirrte Melodiefetzen. Bässe wie der von "Yeeeaaah" brechen Beton. "Schon seit Jahr'n, schon seit Jahr'n / sind Lance und ich für die Szene 'ne Gefahr" rappt er auf "Gefahr/ JM", und in der Tat sind sie mit "Angst" das aktuell coolste, weil zusammen beste Tag-Team Deutschraps.

Auch weil die Platte in ihrer totalen Depressivität gleichzeitig weit entfernt ist vom Selbstmitleidsound selbsternannter "Generation Y"-Rapper. So viel sei verraten, er denkt die Selbstvernichtung zu Ende. Man fühlt sich beim Hören wie in Gesprächen mit Leuten, die das einfach mal zu Ende denken, ganz nüchtern, wie nebenbei. Man weiß nicht so recht, was man dazu noch sagen soll, außer: Mach halt nicht. In diesem Fall: Mach halt nicht, mach lieber, bitte, bitte, weiter Musik. Denn tatsächlich braucht es diesen Sound auch schlicht, um auf der Party unter Palmen aus Plastik ein bisschen Unfrieden zu stiften.

Aber wahrscheinlich hat er noch nicht einmal daran Interesse. Wenn Lance Butters rappt, dass ihm im Prinzip alles scheißegal ist, nimmt man ihm das ab. Generell erkennt man keinerlei hörbaren Einfluss, der diese Musik geprägt hat. Sie kapselt sich von gängigen Trends komplett ab, verzichtet beinahe vollständig auf irgend eine Form von Referenz auf Geschehnisse außerhalb von Lance Butters' Gehirn. "Angst" ist einfach da, im luftleeren Raum, und das macht es so beängstigend.

Trackliste

  1. 1. Angst
  2. 2. Wake Up Fucked Up
  3. 3. PZP
  4. 4. Kuchen
  5. 5. Keller
  6. 6. So Schön
  7. 7. Interlude
  8. 8. Wald
  9. 9. Vater
  10. 10. Mag Sein
  11. 11. Yeeeaaah
  12. 12. Respekt Vor Dir
  13. 13. Gefahr/ JM
  14. 14. Karma

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15 Kommentare mit 10 Antworten

  • Vor 29 Tagen

    "Langjähriger Produzent Bennett On ist auf dem Album nicht vertreten, stattdessen produzierte Intimus Ahzumjot "Angst" komplett allein und liefert auch den einzigen Featurepart."

    :( also, nicht dass Ahzumjot nix kann, aber schon schade

    naja, mal reinhören

  • Vor 29 Tagen

    Keine Standard-Deutschrapbeats, keine Standard-Deutschraptexte und wir haben - siehe da - ein Deutschrap-Jahreshighlight. Find's zwar auch schade, dass Bennett On nicht mehr dabei ist, aber Ahzumjot hat hier schon wirklich abgeliefert - auch atmosphärisch. Vortrag von Lance ist sowieso top, lyrisch hat er sich sogar noch verbessert.

  • Vor 29 Tagen

    Kann der Rezi absolut zustimmen, wobei ich 5 Sterne sogar angemessen fänd. Absolut selbstständige und athmosphärisch wie inhaltlich starke Platte.

  • Vor 23 Tagen

    Kann es mir bisher ohne Fremdscham anhören, was schonmal ein starkes Stück für mich ist.

  • Vor 6 Tagen

    hab mir vorhin die vinyl bestellt, autorip gezogen und bin nun feerrrtig und fertig..... tjoa, was soll man sagen? zutiefst verstörend, erinnert mich an Reznor auf ´ne komische art..... ist ein richtig richtig richtig geiles album, die vinyl ist gekauft und ob ich mir das dann nochmal geben wollen können werde. wird sich zeigen...dieses maß an negativität, depression und ablehnung von schlicht allem iwie - bis hin zu eigenen existenz , damit zu copen da kann ich noch so viele ssri´s schlucken0

  • Vor 3 Tagen

    Mir ist es tatsächlich etwas zu flach und repetitiv. Die Beats sind gut, aber nichts wirklich besonderes. Bei den meisten fehlt mir irgendwas. Die Hooks sind auch alle sehr unspektakulär und bleiben null hängen. Ich habe mir das Album jetzt gute 10 mal durchgehört und muss sagen, dass ich mich kaum an eine Hook erinnern kann und wenn doch, dann eher im negativen Sinne.
    Lyrisch spricht er mir in zu vielem Tracks die selben Dinge an und geht gefühlt nicht so tief wie er eigentlich gerne würde. Einzig im Track "Mag Sein" finde ich, dass er mal annährend zeigt, was bei ihm so los ist. Der Track löst bei mir auch nach dem 10. mal hören noch absolute Gänsehaut aus. Vor allem bei der Stelle: "Ich will dass meine Jungs das verstehen, scheiß auf die Fans, meine Jungs solln's verstehen, dass ich wenn ich dann geh, abgewogen hab zwischen leben... und nicht leben..." und natürlich mit dem einzigen wirklich emotionalen Ausbruch am Ende des Tracks.

    Am Ende würde ich dem Ganzen echt nicht mehr als 3/5 Punkte geben, weil mich das Album trotz des kleinen Hypes der sich bei mir im voraus aufgebaut hatte, leider nicht wirklich überzeugen konnte. Vielleicht kommt das noch, wer weiß. Ich muss auch dazu sagen, dass ich zufällig, als ich das Album vorbestellen wollte, über das Album von Dissy gestolpert bin, von dem ich das letzte mal was vor 2-3 Jahren gehört habe. Das Album hatte ich null auf dem Schirm und habe ich mir dann also zufällig blind gekauft und dieses Album hat mich einfach umgehauen. Und leider konnte ich dann den unterbewussten Vergleich nicht abstellen.