laut.de-Kritik

Bis auf den zahnlosen "Thriller"-Werwolf: großartig!

Review von

Das Verstörendste daran, über Nacht berühmt geworden zu sein, sind für Elly Jackson das neue Arbeitspensum und Menschen, die sie auf der Straße erkennen. Nicht unbedingt Antworten, die Lily Allen vor drei Jahren abgegeben hätte, in deren Vorprogramm La Roux bereits spielten.

Letztlich ist es die Musik, die der erst 20 Jahre jungen, melancholischen Londonerin am Herzen liegt. Dass sie eine sehr auffällige Frisur trägt, sollte nicht darüber hinweg täuschen, dass ihr Debütalbum formidabel ausgefallen ist.

Ein solch himmelstürmendes Pamphlet auf fröhliche, kristallin poppende Vintage-Synthesizer gab es wahrscheinlich seit den seligen Tagen von Soft Cell, Depeche Mode und Yazoo nicht mehr. Und darauf hat eigentlich auch niemand gewartet.

So überrascht in erster Linie die stimmige Reanimation altgedienter Analogsounds in zeitgemäße Soundscapes: Zu "In It For The Kill" und "Quicksand", zwei der herausragenden Tracks, tanzt bereits halb England. Würde man dasselbe dort nicht auch zu Lady Gaga tun, wäre man geneigt, der Stilsicherheit der Insulaner neidische Blicke zuzuwerfen.

Die schnelleren Songs funktionieren auf Anhieb hervorragend. Neben den erwähnten Singles entpuppt sich "Bulletproof" als würdige Auskopplung. Hier wirft Jackson ihre aggressivste Gesangsdarbietung in den Ring. Erstmals wird vorstellbar, wie sie kürzlich mit Franz Ferdinand Blondies "Call Me" interpretiert hat.

Der Preis für die schönste Bridge der Platte geht dann an "Fascination", überhaupt liegt das Geheimnis der La Roux'schen Faszination in den aparten Melodiebögen und ausgetüftelten Übergängen.

Einzig "As If By Magic" und "I'm Not Your Toy" scheitern aufgrund jener fehlenden Zauberformel an der Fünf-Prozent-, äh, Punkte-Hürde. Ab auf die B-Seiten mit ihnen. Dafür reichts nämlich locker. Und ja, ihr Jacko-Faible hätten La Roux auch besser für sich behalten, anstatt in "Tigerlilly" einen zahnlosen "Thriller"-Werwolf-Part einzubauen.

Jackson, also die Elly jetzt, hat jedenfalls Recht, wenn sie die Album-Produktion als Hauptunterschied zu all den Früh-Achtziger-Vergleichen heran zieht. Bei sämtlichen Verweisen steht "La Roux" felsenfest im Jetzt. Wer mit Jacksons Stimme hadert, der hat nie eine Eurythmics-Platte am Stück gehört.

Wunderlicherweise holt Jackson aus ihrem hohen, eher dünnen Organ dank der Technik des Chorgesangs plötzlich so viel Wärme raus wie ein surrender Heizkörper. So gerät etwa "Cover My Eyes" mitsamt kitschig-traurigen Lyrics zur elektrisierenden Ballade. Dann hätten wir noch das flammende "Reflections Are Protection", für das laut Jackson vorsichtshalber auch schon ein Video gedreht wurde, falls das Label noch mehr Singles auskoppeln will.

Ganz zauberhaft ist ja auch die personale Analogie von La Roux zu Yazoo (was sich sogar noch reimt, gütiger Gott!), denn mit Ben Langmaid hat Jackson eine Art Vince Clarke als bessere Hälfte bei sich. Ob der auch so medienscheu ist, weiß man nicht, aber außerhalb des Aufnahmestudios wird man ihn mit der La Roux-Frontkämpferin nie sehen. Darauf ist seinerzeit nicht mal Clarke gekommen. Vielleicht liegts bei Langmaid aber auch an den halbgaren House-Platten, die er Mitte der 90er mit Faithless-Rollo veröffentlichte.

La Roux legen die Messlatte für alles Kommende hiermit relativ hoch und vermitteln gleichzeitig das Gefühl, dass da noch Großes kommen könnte. Mehr UK-Singles als Yazoo bei deren Debüt haben sie jetzt schon.

"I'm doing it for a thrill / I'm hoping you'll understand / And not let go of my hand." Käme ich nie drauf, Elly!

Trackliste

  1. 1. In It For The Kill
  2. 2. Tigerlilly
  3. 3. Quicksand
  4. 4. Bulletproof
  5. 5. Colourless Colour
  6. 6. I'm Not Your Toy
  7. 7. Cover My Eyes
  8. 8. As If By Magic
  9. 9. Fascination
  10. 10. Reflections Are Protection
  11. 11. Armour Love
  12. 12. Growing Pains

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