laut.de-Kritik

Zu den Bekehrten predigen.

Review von

Konstantin Wecker fängt im 'Wonnemonat' Mai an. " Es treibt der Wein / Der Atem einer Schönen / Lullt mich ein." Wecker wäre nicht Wecker, würde nicht gleich ein politisches Problem auftauchen. Nicht nur eines: "Noch sind uns Vieh und Wälder / Erstaunlich gut gesinnt / Obwohl in unsern Flüssen / Schon ihr Verderben rinnt / Auch hört man vor den Toren / Die Krieger schrein / Fällt uns denn außer Töten / Schon nichts mehr ein." 1982 schreibt er "Nur Dafür Lasst Uns Leben" über Krieg und Umweltzerstörung. Im Juni und Juli 2019 befindet er sich beim Schwarzwald Musikfestival, auf dem Linzer Domplatz und auf der Donaubühne Tulln. An seiner Seite hat er einen Dirigenten und 17 Musiker*innen der Bayerischen Philharmonie.

Die Mitschnitt aus dieser "Weltenbrand"-Tournee liegen nun als Doppel-CD vor. Sie enthalten Barjazz-, Klezmer-, Tango- und Milonga-Momente, etwa in "Stürmische Zeiten Mein Schatz" (2010), "Ballade Vom Puff Das Freiheit Heißt" (1982), "Der Tango Joe" (1992) und "Empört Euch" (2017), auch eine Prise Afro-Jazzrock im Song "Heiliger Tanz" (2015). Die abwechslungsreiche Setlist wendet sich auf der politischen Ebene besonders gegen gierige Banker, auch gegen korrupte Politik: "Die Minister scharwenzeln verschleimt."

Philharmonie, laut Cover "unter der Leitung von Mark Mast", klingt so groß und schwer und voller Pathos. Es handelt sich manchmal wirklich um viel Bombast. Teils ereignet sich schlicht eine Rückschau auf Weckers Songwriting am Klavier, vom Beginn seiner Bühnenkarriere bis heute, mit ein paar Zusatzakzenten. Stellenweise passt die Kammermusik, mitunter überfrachtet sie.

Die Ansagen sind lang und inhaltsreich. Sie bieten Zeit zum Luftholen zwischen der Musik, ziehen sich aber oft in die Länge. Man kann sie auch skippen, da sie eigene Tracknummern haben; oder gezielt anwählen, zumal sie viel von Weckers Lebenserfahrung und politischer Haltung erzählen.

Weckers Bösendörfer Klavierflügel, zwei Cellos, Kontrabass, zwei Violas und drei Geigen türmen mitunter eine opulente und massive Klassik-Architektur auf. "Ich bin Anfang der 80er ganz keck mit einem Kammerorchester getourt, als gerade Punk angesagt war. Damals kam das Publikum nicht wegen, sondern trotz meiner Musik", erinnert sich Wecker in der Münchner Abendzeitung, jetzt macht er es wieder. "Aber es ist mein Wunschprojekt (...). Aber ich möchte in Orchesterklängen baden!"

In dieser Umsetzung der Musik bleibt keine Sekunde Luft für Improvisation, der Text ertrinkt mitunter in den Schallwellen der Streicher. Wecker liebt Beethovens neunte Sinfonie ("Immer Wieder Beethoven"). Verleiht man den ohnehin sehr viel Konzentration fordernden Songs ab und an so einen dicken Anstrich, dann trägt das zur Abwechslung bei. Macht man es mehrere Songs lang in Folge und zu heftig, wird es zu viel des Guten und kitschig.

Goethes Text "An Den Mond" hat Wecker für das Album "Vaterland" 2001 vertont. Der bayerische Pianist vergisst immer wieder mal, dass sein Klavierspiel auch noch da ist, ganz gut klingt und er es nicht überschreien muss. Wecker steigert sich in die Naturbeschreibung hinein, als ginge es darum, den Fluss persönlich davon zu überzeugen, wie er rauschen soll: "Rausche, Fluss, das Tal entlang / Ohne Rast und Ruh / Rausche, flüstre meinem Sang / Melodien zu." Der Sänger in Ekstase, die Streicher allzu drohend - zu Goethe passt das, schön aber hört es sich nicht an.

Vom Fluss sind wir schnell bei Greta. Der Liedermacher greift Christian Linder an: "Sie sind also der Meinung, man sollte den Klimaschutz den 'Profis' überlassen, und Schüler sollten freitags zur Schule gehen? (...) Es waren doch genau die Profis, die unsere Erde in diesen katastrophalen Zustand versetzt haben. Eine kriminelle Vereinigung von unbelehrbaren oder korrupten Politikern, bestechlichen Wissenschaftlern, geldgeilen Lobbyisten - aber 'Profis' allesamt. Nein, Herr Lindner, viele Jugendliche haben zu Recht die Schnauze voll von all diesen Profis. Was wir jetzt brauchen, sind idealistische Amateure, Schulschwänzer, Träumer (...)"

Nachdenklich und wohl nicht ohne Stolz erinnert sich Wecker daran, dass er schon 1981 solche Zeilen formulierte: "Der Staat dient den stets anonymeren Herrn / aus den obersten Etagen." und "Wir haben die Erde so schlecht bestellt / und betrügen noch heute das Morgen." Diese Lines gehören zum Song "Und Das Soll Dann Alles Gewesen Sein", einem Lied über die Abholzung des Regenwalds, "gerodete Dschungel". Die Komposition bekommt nun ein langes Klassik-Intro. Hier fügt es sich gut ein, wäre aber genauso auch verzichtbar.

In "Frieden Im Land" funktionieren die Pizzicato-Effekte der Streicher derweil zwar super, erinnern aber sehr stark ans Intro von Stevie Wonders "Pastime Paradise". Was dazu führen kann, dass man genau das dann gerne hören würde.

Rock-Klänge reißen im selben Song das Ruder herum, wofür die Bayerische Philharmonie sogar überraschend einen E-Gitarristen aufbietet, und Jo Barnikel, der für Loops aus den Keyboards sorgt. Die starke Percussion hier, auch in "Empört Euch" und, in Marschrhythmus, in "Das Macht Mir Mut" kommen vom Spannungs-Level und Pomp her Led Zeppelins "Kashmir" gleich. Für so viel Heavy Rock zeigt sich die Philharmonie genauso wandlungsfähig wie für kakophonischen Free Jazz, "Im Namen Des Wahnsinns".

Interessant wirkt das alles, aber sehr unruhig. Der Entertainer macht es seinem Publikum nicht leicht, serviert aber auch keine 08/15-Schemata. Instrumentierung, Dramaturgie, Themensprünge, eingestreute gute Gedichte, hier ist ordentlich was los.

Wecker wäre auch nicht Wecker ohne die zahlreichen Anspielungen auf Nationalsozialismus, Neo-Nazis, rechtsextreme Anschläge, diktatorische Systemspuren, faschistisches Gedankengut und seinen Song über die Münchner Widerstandsbewegung "Die Weiße Rose" 1942/43. Wecker erinnert an seine Filmmusiken zu "Kir Royal" und "Schtonk" und an seine Brecht-Vertonungen.

Als wunderschöne Abrundung beglückt die deutsch-italienische Version von Lucio Dallas "Caruso" über den Opernsänger Enrico Caruso. Wecker hat eine besondere Beziehung dazu und lässt sie überspringen, weil er italienische Oper mag und in der Toskana lebt. An dieser Stelle zeigt sich, dass Celli, Horn und Klarinetten eine gute Idee sind.

Insgesamt findet hier ein großes 'Preaching To The Converted' statt. Allerdings gewinnt man einen guten Eindruck von Konstantin Weckers moralischem Weltbild und den Dichtern und Denkern, die ihn beeinflussen. "Weltenbrand" ist somit mehr als eine Live-Doppel-CD. Es ist eine Show, als wäre man live dabei, jeder Satz aus jeder Ansage und jeder einzelne Klatscher sind überliefert, alles in phänomenaler Soundqualität. Die Setlist könnte man sich auf CD allerdings straffer vorstellen, nicht jeder Song ist ein Highlight oder für einen guten Aufbau des Ganzen erforderlich - im Gegenteil, weniger wäre mehr. "Weltenbrand" dient zugleich als 'Best Of' besonders zeitloser Songs und als Werkschau.

Trackliste

CD1

  1. 1. Nur Dafür Lasst Uns Leben
  2. 2. Ein Plädoyer Für Die Ohnmächtigen
  3. 3. Stürmische Zeiten Mein Schatz
  4. 4. Ballade Vom Puff Das Freiheit Heißt
  5. 5. Ansage Schlaflied / An Meine Kinder (Medley)
  6. 6. Schlaflied
  7. 7. An Meine Kinder
  8. 8. Liebesdank
  9. 9. Ansage An Den Mond
  10. 10. An Den Mond
  11. 11. All Die Unerhörten Klänge
  12. 12. Zeig's Ihnen Greta - Die Welt Muss Weiblich Werden
  13. 13. Und Das Soll Dann Alles Gewesen Sein
  14. 14. Kennst Du Das Land, Wo Die Kanonen Blühn?
  15. 15. Frieden Im Land
  16. 16. Das Macht Mir Mut
  17. 17. Nur Dafür Lasst Uns Leben (Reprise)
  18. 18. Im Namen Des Wahnsinns
  19. 19. Hexeneinmaleins
  20. 20. Der Gefangene
  21. 21. Den Parolen Keine Chance
  22. 22. Immer Wieder Beethoven
  23. 23. Jetzt, Da Du Abschied Bist

CD2

  1. 1. Heiliger Tanz
  2. 2. Ansage Kir Royal
  3. 3. Kir Royal Titelmusik
  4. 4. Ansage Tango Joe
  5. 5. Der Tango Joe
  6. 6. Ansage Vom Schwimmen In Seen Und Flüssen
  7. 7. Vom Schwimmen In Seen Und Flüssen
  8. 8. Aus: An die Nachgeborenen
  9. 9. Ich Habe Angst
  10. 10. Empört Euch
  11. 11. Ich Lebe Mein Leben In Wachsenden Ringen
  12. 12. Weltenbrand
  13. 13. Die Weiße Rose
  14. 14. Warum Ich Kein Patriot Bin
  15. 15. Ich Habe Einen Traum
  16. 16. Ansage Das Leben Will Lebendig Sein
  17. 17. Das Leben Will Lebendig Sein
  18. 18. Ansage Lied Der Lieder
  19. 19. Lied Der Lieder
  20. 20. Sage Nein
  21. 21. Caruso
  22. 22. Schlendern
  23. 23. Aus: Wunderliches Wort: Die Zeit Vertreiben!

Preisvergleich

Shop Titel Preis Porto Gesamt
Titel bei http://www.amazon.de kaufen Konstantin Wecker – Weltenbrand €16,98 €3,00 €19,98

Videos

Video Video wird geladen ...

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Konstantin Wecker

"Einer der stärksten Triebe, die ich habe, ist es mich ausdrücken zu wollen, mich ausdrücken zu müssen." Konstantin Alexander Wecker erblickt am …

Noch keine Kommentare