laut.de-Kritik

Ulmer Anspruchs-Hip Hop mit Old School-Beats und Haspel-Lyrics.

Review von

Nach drei Jahren dürfen sich alle Gelegenheits-Hip Hop-Hörer endlich über eine neue Platte in der Rap-Ecke ihrer Sammlung freuen. Fernab von Pelle Belle und flashigem Kauderwelsch bewegen sich die Ulmer in einem praktisch isolierten Kosmos, der ohne dämliche Diss-Geschichten die Konkurrenten aus der Großstadt mühelos überrundet.

Und das funktioniert auch auf Werkschau Nummer Vier prächtig, obwohl man sich in Schwaben seit dem 95er Debüt soundtechnisch ziemlich treu geblieben ist. DJ Quasimodo schiebt zu Anfang wieder ein verqueres Intro ein und hält von da an die Beats wie gewohnt im Holter-Die-Polter-Flow. Immer sehr Old School mit dem nötigem Trash-Anteil, der es scheppern und krachen lässt. Obwohl er auf überproduzierten Schnick-Schnack keine Rücksicht nimmt, klingt sein Sound durchgehend frisch und äußerst originell. Woran hauptsächlich die unzähligen Samples (ob groovy, funky or whatever) Schuld haben, die das Kinderzimmer aber in eine Verspieltheit drängen, die alles andere als zugänglich ist.

Auch MC Textor legt einem mit seinen abgehackten Haspel-Lyrics mehr als einen Stein in den Weg zur Erkenntnis der Kinderzimmer-Qualität. Gelangweilt rappt er äußerst intelligent durch zehn Tracks. Immer mit einem ironischen Augenzwinkern und wissend schlauer als üblicher Mixery Raw Deluxe-Quatsch findet er ungefährdet einen perfekten Mittelweg zwischen Überheblichkeit und Wortwitz. Dazu holt er sich noch die zwei Gast-MCs Tek Beton, der mit seinen 17 Jahren klingt, als hätte er eine Flasche Helium am Stück aufgesogen, und Switcheroony, der seinen Rachen wohl schon vor Jahren rausgeräuspert hat und sich in Sachen stolzer Prolligkeit locker mit Ferris messen kann. Durch ihre gegensätzlichen Stimmlagen zaubern diese Beiden zwar zuerst ein fragendes Gesicht, ergänzen sich aber schon nach kurzer Zeit durch ihre Gegensätzlichkeit so perfekt, dass man ihnen ihre Existenzberechtigung auf dieser Platte persönlich überreichen darf.

"Wir Sind Da Wo Oben Ist" (... als ob man das sowieso nicht schon wusste) sind wieder beste 45 Minuten Ulmer Anspruchs-Hip-Hop, die durch ihre Sperrigkeit wohl die große Aufmerksamkeit wieder nicht erreichen werden - "Die Charts sind ein Spiel, das Dieter Bohlen gewinnt", wie es Textor so treffend bemerkt. Aber so lange es das Kinderzimmer in dieser Hochform gibt, weiß ich, was ich von infantilen Goldkettchenträgern im Musikfernsehen halten soll.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Wir Sind Da Wo Oben Ist
  3. 3. Quasi Modo Lost Control
  4. 4. Von Links Nach Rechts
  5. 5. Deck Das Dach Ab
  6. 6. Mikrofonform
  7. 7. Nie Wieder Gut
  8. 8. Nur Ma' Probieren
  9. 9. Eine Frage Von Stil
  10. 10. Der Große Switcheroony
  11. 11. Merkwürdig / Unangenehm
  12. 12. Outro

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