laut.de-Kritik

Zu diesem Sound könnte Armin Laschet heiraten.

Review von

Mensch, Kerstin Ott wirkt wie die netteste Frau der Welt. Kein Scheiß. Die Frau, die als Duettpartnerin von Helene Fischer groß im Schlagerzirkus rauskam, wirkt so viel ehrlicher, bodenständiger und authentischer als alle ihre Kollegen zusammen. Man weiß zwar nie, wer sich hinter einer Kunstfigur verbirgt. Aber es fällt sehr schwer zu glauben, dass diese Frau ihr Herz nicht absolut am rechten Fleck hat.

So. Disclaimer aus dem Weg, denn was jetzt kommt, richtet sich explizit nicht an ihre Person. Aber an die Musik: Die ist zum Davonlaufen. Nur, weil etwas sehr sympathisch ist, macht es das auch nicht interessanter. Oder ... gut. "Nachts Sind Alle Katzen Grau" ist ein weiteres Album im Windschatten ihres Vorhöllen-Ohrwurms "Die Immer Lacht": Facebook-Sprücheseiten-Glückskeks-Lyrik trifft auf die zahmsten Electrobeats der Welt. Der Plan ist es, auf Teufel komm raus niemanden auch nur ein bisschen herauszufordern. Dieses Album packt in Watte gepackte Watte in Watte.

Das Ding ist ja, dass sie einen gewissen Anspruch auf ein Außenseiterleben anmeldet. Und den hat sie als queere Frau aus Heide bestimmt mehr als verdient. Aber dann klingen Partyhymnen wie der Titeltrack "Nachts Sind Alle Katzen Grau" trotzdem wie die verstopft schnarchenden Arterien der Mitte der Gesellschaft. Von einer ausgelassenen Partynacht, in der all die feierwütigen Leute vom Herz der Nacht gleich gemacht werden, erzählt sie da. Aber die Beats schlagen im Puls der deutschen Leitkultur zwischen Tennisheim, DAK-Versicherung, Altenheim und Friedhof, Ministranten-zahm pulsiert ein Hauch von House durch Gitarre und Synthesizer. Es klingt alles so angepasst und bieder, Armin Laschet könnte dazu heiraten.

Kerstin Otts Vorstellung von Freaks besteht aus einem Arzt und seinen verschreibungspflichtigen (!!!) Medikamenten und einem Lehrer, der insgeheim ein Tattoo hat. Artverwandt wird ein bisschen später ein Song nachgeschoben, der ausführt, wie wenig man auf die Meinung der Nachbarn gibt. Vielleicht nimmt Treppenhaus-und-Bäcker-Gossip eine etwas zu große Rolle im eigenen Leben ein, wenn man regelmäßig mit Menschen konfrontiert wird, denen ein tätowierter Lehrer skandalös vorkommt. Der Schockfaktor ist in jedem Fall eher mittelgroß und ihre Vorstellung einer wilden Nacht würde auch zum KiKA passen. Singt sie dann "Wir zwei Verrückten fallen nicht auf", ahnt man, dass besagte Verrücktheit hier sehr relativ ist.

Die meisten thematisierten Befindlichkeiten fühlen sich wie Smalltalk mit Onkel oder Tante an. Guter Smalltalk mit einem Onkel oder einer Tante, die man zwr leiden kann, aber ihr wisst schon. "Schon Wieder Geht 'Ne Zeit Mit Dir Vorbei" ist ein wangenkneifendes 'Mensch, SO GROSS bist du geworden' in Songform. Dumme Sprüche im Dorf ("Keine Angst") und die Frage, warum Rassismus und andere Diskriminierungen immer noch existieren ("Sag mir (Wann Beginnt Endlich Die Zeit)") werden ebenfalls adressiert. Gute Frage, nächste Frage. Es sind wichtige Themen, heruntergeputzt auf ihre schwammigsten Allgemeinplätze.

Aber hey: Immerhin spricht sie Themen überhaupt an - das hat sie vielen Kolleginnen und Kollegen ja voraus. Vielleicht wird Ott auch einfach nur von ihrer Produktion zurückgehalten: Während sie als Performerin selbst ihre klaren Stärken und Schwächen hat, aber auch Charme und Charisma mitbringt, ist diese Produktion durch die Bank die Hölle. Offensichtlich beabsichtigt man immer noch, die "Die Immer Lacht"-Formel zu reproduzieren. Und auch, wenn dieser Song schon musikalisch untot klang, immerhin hatte er einen Puls. Dergleichen sucht man hier vergebens.

Da sind elektronische Kicks, die homogen und vorhersehbar in fast jedem Song stampfen, aber Jesus, haben die keine Energie. Es ist fast schon wieder außergewöhnlich, wie generisch dieses Album produziert wurde, so formelhaft und immergleich, dass man kaum einzelne Songs herausgreifen kann. Sie klingen alle gleich nach lizenzfreier Datenbank-Musik für den Sicherheitsfilm im Billigflieger. Ein Produzent, der dieses Restprodukt von Tanzmusik zusammenschraubt und erwartet, dass Leute dazu tanzen - das ist wie ein Vermieter, der im Winter statt Heizkörpern eine Packung Teelichter für 1,29 Euro hinwirft. Aber wer weiß, vielleicht sollte die Farblosigkeit der Musik auch eine 4D-Schach-Metapher mit dem Albumtitel hergeben. Aber hier klingen nicht nur die Katzen grau.

Es tut mir wirklich Leid, Kerstin Ott, ich wette, privat bist du super - und der Erfolg sei ihr auch vergönnt. Aber dieses Album ist produziert für ein radikal anspruchsloses Publikum. Es ist Musik am untersten Minimum der Begriffsdefinition. Die Texte haben aufrichtige, gut gemeinte Ideen, durch die Otts Charakter durchscheint – das ist alles, was dieses Album irgendwie zusammenhält. Trotzdem sind die Formulierungen platt und schwammig, die Performance klingt nach offener Bühne, die Produktion ist so ächzend langweilig, dass man in 45 Minuten Laufzeit um mehrere Jahre altert. Mit anderen Worten: Pop-Schlager der Gegenwart, in der selbst coole Künstlerinnen und Künstler liefern, was gefressen wird. Und wer könnte ihnen das vorhalten?

Trackliste

  1. 1. Manche Menschen
  2. 2. Nachts Sind Alle Katzen Grau
  3. 3. Sag Mir (Wann Beginnt Endlich Die Zeit)
  4. 4. Wann Ist Das Passiert
  5. 5. Ich Wünsche Mir Von Dir
  6. 6. Wenn Du Denkst Du Kennst Sie
  7. 7. Was Weisst Du Von Meiner Liebe
  8. 8. Schon Wieder Geht 'Ne Zeit Mit Dir Vorbei
  9. 9. Traurig Bin Ich Nicht
  10. 10. Wenn Ich Einmal Still Steh
  11. 11. Keine Angst
  12. 12. Wir Zwei Gegen Den Rest Der Welt
  13. 13. Das Hätte Ich Dir Noch Gern Gesagt

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12 Kommentare mit 59 Antworten

  • Vor 3 Tagen

    Blümchen, Lorde, Imagine Dragons, Kerstin Ott - hat Yannik den Kabelitz im Folterkeller der Redaktion abgelöst? :D

    • Vor 3 Tagen

      Frag mal den Dani

    • Vor 3 Tagen

      Das wäre eine verdiente Strafe für die Platten, die er sonst als überdurchschnittlich bewertet.

    • Vor 2 Tagen

      Inwiefern passt jetzt Lorde in diese Aufzählung?

    • Vor 2 Tagen

      Inwiefern passt Lorde nicht in diese Aufzählung?

    • Vor 2 Tagen

      Na gut, dann eben Amigos statt Lorde.

    • Vor 2 Tagen

      Wir teilen uns hier unten freundschaftlich das trockene Brot. An Weihnachten und zu unseren Geburtstagen wirft uns die Redaktion auch manchmal ein paar Plätzchen nach unten. Dann freuen wir uns ganz arg.

    • Vor 2 Tagen

      ... aber nur in den Jahren, in den Anna von Hausswolff ein Weihnachts-Orgel-Album veröffentlicht :lol:

    • Vor 2 Tagen

      in der para-edition. 5 stunden feinster orgelsuff

    • Vor 2 Tagen

      Ich find das Orgel-Album von Anna so dermaßen scheiße. Derzeit aktive Künstler*innen, die sich trauen, ihre Fans mit einer neuen Veröffentlichung noch härter vor die Köpfe zu stoßen und jedwede Erwartungshaltung zu noch kleinteiligerem Staub pulversieren fallen mir auf die Schnelle auch keine ein - mit vergleichbarer kommerzieller Reichweite zumindest nicht.

      So ist sie wohl der personifizierte Inbegriff von "als Künstlerin immer machen, wo du selber gerade Bock drauf hast" und das nötigt mir aufrichtigen Respekt ab. Dass sie eine unheimlich begabte Komponistin und respektable Instrumentalisten ist können ihr auch 10 weitere Alben nicht nehmen. Mir mein im Falle stattfindender Gesangsperformance potentiell in ihre Kunst investiertes Geld dann aber genauso wenig.

    • Vor 2 Tagen

      "Inwiefern passt Lorde nicht in diese Aufzählung?"

      3 Alben, 2 erfolgreich und gut bis sehr gut, 1 so lala, unfairer Vergleich, k.a. wieviele Alben die Ott gemacht hat, keines davon war so lala sagt alles.

    • Vor 2 Tagen

      @Django77:
      Ist ein schönes Bild irgendwie, das Ausgangsposting.
      Hm ... kann man da was draus machen?
      *kopfkratz*
      Gruß
      Skywise

    • Vor 2 Tagen

      So was ...? Mal so grob und quer getippt ...

      Von der Rettung eines Ehrenmanns

      Ein Bote hat gesagt, man hätte glatt über Nacht
      Yannik Gölz im Folterkeller von laut untergebracht.
      Nun, okay, der hört auch K-Pop, kann man argumentier’n,
      aber auch Sun Ra und Beefheart ... zum Neutralisier’n.
      Denke doch, wir sind uns einig – der hat da nix verlor’n,
      also sammelt euch, ihr Künstler, vor den Konstanzer Tor’n.
      Ab zum Rüsten, Komponisten, greift zu Schild und zu Schwert,
      und euer nächstes Werk ist ihm dann glatt fünf Punkte wert.

      Keine Pannik, Mister Yannik, die Verstärkung ist nah,
      du wirst seh’n, im Handumdrehen sind sie alle da.
      Trettmann, Luciano, Miley Cyrus, Danger Dan,
      Kacy Hill und Kerstin Ott und Lorde und Gentleman.
      Keine Pannik, Mister Yannik, harre nur noch kurz aus,
      und vertraue uns, denn wir hol’n dich da ganz sicher raus.

      Was uns’re Geschütze angeht, fordert Kanye West,
      daß man seiner Obhut Pfeil und Bogen überläßt,
      doch von uns aus kriegt er beides sicher nicht in die Hand
      weil jeder weiß, daß er den Bogen ständig überspannt.
      Umgekehrt sind wir uns sicher, daß der Feind uns nicht trifft,
      denn uns’re Luftabwehr, die steuert Taylor Swift,
      die kreuzt doch jede Flugbahn, wenn ein Preis verböllert wird,
      also ist sie für Geschosse quasi prädestiniert.

      Keine Pannik, Mister Yannik, die Armee steht bereit,
      bis wir bei dir sind, ist nur noch eine Frage der Zeit.
      Diese Eingangstüre leistet uns kaum Widerstand,
      daß Musik Herzen und Türen öffnet, ist ja bekannt.
      Und falls nicht, dann wird es richtig laut - ich sag’s einmal so:
      Die Trompeten war’n das nicht, damals bei Jericho.

      Auch die Wachen vor der Kerkertüre werden bedacht,
      denn wir haben Samra, Trippie Red und 6ix9ine angefragt,
      ob sie mit den Amigos singen könnten, richtig laut, weil
      mit dem strammen Bums verziert klingt das Gestört aber GeiL
      Wenn’s den Wachen dann den Magen prompt nach außen kehrt,
      gibt es keinen mehr, der sich gegen die Interpreten wehrt,
      dann die Türe suchen, Schlüssel rein und eins, zwei, drei
      ist der Yannik zwar aber Kotzen, aber auch wieder frei.

      Keine Pannik, Mister Yannik, deine Retter sind hier,
      nimm alles, was du brauchst und dann hinaus vor die Tür,
      Bahamadia wird zwei Reiter dann nach Westen führn,
      denn mit einer falschen Fährte bist du schlechter aufzuspürn,
      aber Dua Lipa reitet mit dir östlich ins Gehölz,
      und ich halte hier die Stellung. Schöne Flucht noch, Herr Gölz.

      Gruß
      Skywise

    • Vor 2 Tagen

      Skywise sollte Ghostwriter werden ♥

  • Vor 2 Tagen

    musste lauthals lachen beim titel :D passiert hier bei laut reviews äußert selten. also schappoo

  • Vor 2 Tagen

    mal wieder nur schrott von kerstin ott