laut.de-Kritik

Trennungs-Lieder, die eine Tiefe vorgaukeln, wo keine ist.

Review von

Nennt man das eigentlich schon Ironie des Schicksals? Eine Band trennt sich zwar nicht offiziell, nimmt aber eine lange Auszeit - nur, um dann wieder zusammenzufinden und ein Trennungs-Album aufzunehmen? Das müssen die Gelehrten entscheiden. Zunächst freuen wir uns alle, dass Keane wieder aus der Versenkung aufgetaucht sind, die der Welt mindestens mit ihrem Debüt ein tolles Stück Musik bescherten. Zu emotional sang Tom Chaplin damals seine Zeilen, zu putzig flackerte das Video zur ersten Single "Somewhere Only We Know" über die Bildschirme - dieser Magie konnte sich vor fünfzehn Jahren niemand ziehen.

Apropos Tom Chaplin: Dessen Stimme gab nun auch den Ausschlag, dass Keane nach einer sechsjährigen Unterbrechung wieder von sich hören lassen. Keyboarder Tim Rice-Oxley saß auf einem dicken Berg neuer Trennungs-Lieder und suchte den passenden Sänger dazu. Lange spekulierte er auf ein Soloalbum, aber nach einer Kontaktaufnahme seitens Chaplins erscheinen diese Songs nun doch als fünftes Keane-Album unter dem Titel "Cause And Effect". Zum Material sagt Rice-Oxley in einem Interview: "'Hopes And Fears' war auch ein Trennungs-Album, aber da drehte sich alles um eine Trennung, als ich 19 war. Es verhält sich anders, wenn du etwas älter bist und Kinder hast. Deine ganze kleine Welt gerät aus den Fugen."

Wer neue Klavierhymnen hören möchte, wie sie Keane auf dem letzten Album vor der Pause wieder im Angebot hatten, muss sich auf eine kleine Enttäuschung einrichten. Die ganze Platte erinnert mit ihrer stilistischen Ausrichtung etwas an "Perfect Symmetry", das bisherige Enfant terrible im Katalog der Briten. Der südenglische Vierer verschanzte sich für die Aufnahmen mit mindestens 17 Keyboards in einem Studio im tiefsten Sussex, und das hört man. Nur selten verlässt sich die Band auf Chaplins Stimme und Piano-Klänge, meist arbeiten Rice-Oxley und Co. mit allerhand elektronischen Tasteninstrumenten. Das verleiht "Cause And Effect" einen zuweilen synthiepoppigen Anstrich.

Vergebens sucht man einen alles überragenden Song wie "Watch How You Go", sowohl auf musikalischer als auch auf textlicher Ebene. Überhaupt sprachen die paar Trennungs-Lieder auf Keanes vorigem Album "Strangeland" eine lautere, deutlichere Sprache als alles, was die Band 2019 anbietet. Dabei beginnt die Sammlung neuer Stücke mit "You're Not Home" durchaus ansprechend, baut Atmosphäre auf und wirft Bilder auf eine imaginäre Leinwand. Aber dann geraten manche Songs den Musikern geradezu seicht. "Love Too Much" beispielsweise surft schamlos auf der Welle zeitgenössischer Chartsmusik. Das tut nicht weh und schleicht geschmeidig in den Gehörgang, Tiefgang erreicht das aber zu keiner Zeit. In eine ähnliche Kerbe haut "Stupid Things". So etwas konnten Keane mal besser.

Mit "Thread" flechten die Briten den besten Song auf der Platte, kleistern ihn aber sofort mit Streichern zu und rauben ihm dadurch einiges an potenzieller Wirkungskraft. Etwas aus dem Rahmen fällt "Put The Radio On". Über einem hypnotischen Groove beschwört Chaplin sein Gegenüber, das Radio einzuschalten - in der Hoffnung, dass es die eigenen Gedanken übertönen möge. Dazu erklingt auch mal eine verzerrte Gitarre.

Kurz vor Schluss findet das verzweifelt suchende Ohr "Chase The Night Away", einen typischen Keane-Song. Leider bleibt auch dieser nicht im Gedächtnis und verschwindet zusammen mit den anderen im Beliebigkeitssumpf. Und so verhält es sich mit dem ganzen Album. Alles plätschert gemächlich dahin und behauptet Tiefe, wo keine ist. Der Rausschmeißer "I Need Your Love" weckt allen Ernstes Assoziationen an Rod Stewarts totgenudelten Regatta-Schunkler "Sailing". Für eine Band, die mal in der Lage war, emotionale Songs wie "A Bad Day" zu schreiben, reicht das einfach nicht.

Trackliste

  1. 1. You're Not Home
  2. 2. Love Too Much
  3. 3. The Way I Feel
  4. 4. Put The Radio On
  5. 5. Strange Room
  6. 6. Stupid Things
  7. 7. Phases
  8. 8. I'm Not Leaving
  9. 9. Thread
  10. 10. Chase The Night Away
  11. 11. I Need Your Love

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