laut.de-Kritik

"Was bringt dir Technik, wenn's nach Dreck klingt?"

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Nun ist er also gekommen, der Tag der Abrechnung. Mit Schaum vor dem Mund klettert Kay One rund eineinhalb Jahre nach "Rich Kidz" aus dem Grab, das er sich unter anderem mit fragwürdigen Schnee-Aktivitäten selbst geschaufelt hat. Und natürlich will er es ihnen jetzt allen heimzahlen: Bushido, Shindy, Arafat, den Journalisten.

"J.G.U.D.Z.S." soll dabei vor allem eines sein: hart. "Eine Milliarde Mal härter" sogar als ohnehin schon knallharte Bretter wie "Rich Kidz" und "Prince Of Belvedair". Und siehe da: Zu circa 37 Prozent stimmt diese Behauptung sogar.

Genau sieben der insgesamt 19 Tracks bringen nämlich die zigmal beworbene Härte mit, die "komplett zerstört", "auseinandernimmt" und wie man auf rapdeutsch eben noch so sagt. Der Rest: genau die Art von Musik, die Kay One zuvor zum coolsten, hippesten und frechsten Fernsehgarten-Gast aller Zeiten machte.

Aber der Reihe nach. Das "Intro" sorgt tatsächlich für einen vielversprechenden Beginn. Zu stattlichen Drumrolls und Chören läutet Kay One sein viertes Album durchaus wuchtig ein: "Erfolgsfans, ihr standet in den ersten Reihen / Und habt 'Style und das Geld' geschrien - ich vergess nicht / Und seit geswitcht und pumpt jetzt Gangstarap Shit / Ohne Technik, ohne Flows, ohne nichts / Eure Themen sind nur 'Welcher Hurensohn wird gefickt'." Die Zeilen des Openers sind nicht nur einwandfrei vorgetragen, sondern vielleicht gar nicht mal unwahr.

Auch in der Folge flowt Kay versiert wie eh und je durch "Asozial 4 Life" oder "Borderline" und teilt recht unterhaltsam gegen seinen ehemaligen BFF ("Anis, pack' mal deine Cordon ein / Du bist der erste Taliban mit Jordans 2") und dessen neuen BFF aus ("Wenn ich Shindy schlag', bin ich dann ein Arafat?"). Einmal mehr unterstreicht der Prince a.D. außerdem auf "Kokain Cowboy" und "Fick Die Reporter", was raptechnisch in ihm steckt.

Dass die "asoziale Version von Dieter Bohlen" mit Worten und Reimstrukturen umzugehen weiß, ist aber natürlich nichts Neues. Dumm nur, wenn Produktionen und Hooks derart kranken wie auf "J.G.U.D.Z.S.". Oder wie Celo sagen würde: "Was bringt dir Technik, wenn's dann nach Dreck klingt?"

Der völlig drucklose, kaum zeitgemäße und oft nervenzehrende Synthie-Plastikmüll, den die ersten Tracks auffahren, gipfelt schon in "Kokain Cowboy". Besonders die Hook hätte wohl selbst DMX ganz unten im Papierkorb verscharrt und nicht mal mehr auf seinem Ausschusswaren-Sampler untergebracht.

Apropos DMX und Ausschussware: Für das bereits im Vorfeld veröffentlichte "Ride Till I Die" hat sich der vor Ewigkeiten ernstzunehmende Dark Man doch tatsächlich die Mühe gemacht, seinen sieben Jahre alten Part aus "Bad Boy" noch einmal zu vertonen - in extra schlecht und extra unmotiviert. Neben dem üblichen Synthie-Gequietsche und einem Kay, der in der Booth zu hyperventilieren droht, eine äußerst verzichtbare Kollaboration.

Bevor der Hauptdarsteller, der sich teilweise anhört, als hätte er seine Parts im Hamsterrad aufgenommen, vor lauter heiserer Hektik tatsächlich ein Sauerstoffzelt benötigt, fährt er die groß angepriesene Härte aber einfach wieder auf Null herunter. "What Happend Last Night" klingt nicht nur wie eine Mischung aus "Can't Hold Us" und Kays nächstem RTL II-Format, sondern gibt mit seinem Absturz-Text auch die deutsche Antwort auf Taio Cruz' "Hangover", die niemand vermisst hat.

Dass es Kay One seit dem Bruch mit ganz Rap-Deutschland schwer haben dürfte, relevante Features an Land zu ziehen, wird übrigens nicht nur dank Dante Thomas' Beitrag auf "What Happened Last Night" deutlich. Mit Philippe Heithier hat er dennoch jemanden gefunden, der auf "Ikarus" freiwillig Zeilen singt wie "Hab die Sonne geküsst, meine Flügel verlor'n / Mit all diesen Fehlern wurd' ich gebor'n."

Obwohl eben jener Phillipe Heithier den Kitschfaktor zuvor bereits mit "Nur Ein Traum" in schwindelerregende Höhen katapultiert, kann das Gruselpotenzial des Abschlusstracks nur noch von einem übertroffen werden: Mit seinem Refrain, der glatt als Merci-Jingle durchgehen könnte, verpasst Xavier Naidoo der ohnehin furchtbar klischeegetränkten Piano-Ballade "Leb Dieses Leben" den kompletten Knock-Out, der sich mit der zweiten Albumhälfte schon längst anbahnte.

Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob Kay den A$AP Rocky auf Scheiß-Beats gibt und in Hedonismus badet ("Während Du Zur Uni Rennst"), Mandy Capristo hinterhertrauert oder sein Promileben auf "Montag Bis Freitag" halb bejaht, halb beklagt. Zwölf Tracks stehen dem, was er im Vorfeld großspurig ankündigte, völlig widersprüchlich entgegen und erfüllen mit cheesigen E-Gitarren und sonstigen Trash-Zutaten stattdessen all das, was die ihm feindlich gesinnte Community von Anfang an erwartete.

Ein talentierter Rapper bleibt Kay One natürlich trotzdem. Dass er sein Können abermals schlechtem Beatpicking, teils hochgradig peinlichen Texten und grausigen Features opfert, versteht wohl nur er selbst. Noch ist er eben anscheinend "jung genug, um drauf zu scheißen", wie der Albumtitel jedem unter die Nase reibt. Dabei sollte er mittlerweile aber eigentlich alt genug sein, es besser zu wissen.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Asozial 4 Life
  3. 3. Borderline
  4. 4. Kokain Cowboy
  5. 5. Fick Die Reporter
  6. 6. Ride Till I Die feat. DMX
  7. 7. S 63 feat. Micel O.
  8. 8. AMG feat. Al-Gear
  9. 9. Belvedere
  10. 10. What Happend Last Night feat. Dante Thomas
  11. 11. I Don't Give A Fuck
  12. 12. Von Montag Bis Freitag
  13. 13. Leb Dieses Leben feat. Xavier Naidoo
  14. 14. RMDB
  15. 15. Während Du Zur Uni Rennst
  16. 16. Ich Behehm Mich Wie Ich Will
  17. 17. Nur Ein Traum feat. Philippe Heithier
  18. 18. Wieder Back feat. Nizar
  19. 19. Ikarus feat. Philippe Heithier

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