laut.de-Kritik

Wasser predigen. Wein saufen. Heulen, weil man Kopfweh hat.

Review von

Von der Überzeugung, Kay One könne ein richtig, richtig gutes Album liefern, möchte ich einfach nicht abweichen. Ich will das glauben, weil ich weiß, dass irgendwo in dieser aufgeplusterten, sonnenbankgegerbten, augenbrauengezupften Trash-TV-Gestalt, zu der er sich entwickelt hat, ein wahnsinnig talentierter Rapper steckt. Bekäme er den nur endlich einmal aufgeweckt und auf Albumlänge wach gehalten.

Kay One hat längst bewiesen, dass er, ausreichend in Rage getrieben, einen Gegner in Grund und Boden schmähen, auf den Ort des Geschehens einen dampfenden Haufen setzen und von dannen marschieren kann, als koste ihn so ein Ausbruch nicht die leiseste Mühe. Hochgradig unterhaltsam, das. Genauso amüsiert, wenn er zwischendurch versehentlich einmal den Geschichtenerzähler von der Leine lässt. Beides passiert zwar immer wieder, nur leider viel, viel, viel zu selten.

Den Großteil der Zeit ergeht sich Kay One statt dessen in Prahlereien. Die arbeiten penibel die Statussymbol-Checkliste ab, die die Videoclips entsprechend gepolter Kollegen gefühlt seit der Erfindung des Genres diktieren. Dicke Autos, noch dickere Autos. Dicke Uhren, noch dickere Uhren. Die Weiber dazu: nicht ganz so dick, dafür mit dicken Lippen und noch dickeren Titten. Villa, Yacht, Poolparty.

Jungs, im Ernst: Wenn ihr mit eurer Stereotyp-Mucke wirklich die Fantastilliarden einfahrt, die zu verdienen ihr immerfort behauptet: Lasst euch doch bitte wenigstens einmal, ein einziges Mal nur, einen sinnvollen Verwendungszweck einfallen. Oder wenigstens einen originellen. Haus und Boot und rechts und links 'ne willige Schlampe am Arm: Herr im Himmel, wen soll das denn noch hinterm Ofen hervorlocken? So hat sich doch echt schon jeder und sein Vadder präsentiert.

Kay One ist das, wie so vieles andere, herzlich egal. Er gibt die Scheinschleuder schlechthin, die kaum noch weiß, wohin mit dem vielen Geld. Eine Großspurigkeit reiht sich an die nächste. Eine davon "Dagobert Duck" zu betiteln, zeugt von ziemlich mangelhaftem Verständnis einer eigentlich gar nicht so schwer zu durchschauenden Comicfigur. Die sauer verdienten Taler für sinnlosen Luxus und käufliche Hühner zu verbraten, käme dem Pate stehenden Erpel niemals in den Sinn. Kay One dagegen legt damit gleich in "Puff Puff Pass" los: "Ich zeig' dir, wie ein Reicher feiert." "Ich mach' krass Cash." "20.000 Euro hat allein mein Hund gekostet."

Wem ein solcher Angeber-Marathon vorkommt, als kaschiere da einer mehr schlecht als recht einen gewaltigen Minderwertigkeitskomplex, bekommt unterstellt, ihn treibe der Neid, is' ja klar. "Pass' mal auf: Wenn ich möchte, kaufe ich dein Leben." Na, dann: Viel Erfolg beim Versuch. Ich glaube nicht, dass der gelingt. Außerdem glaube ich, dass Kay One das selbst nicht glaubt. Anders lassen sich die hirnzerfressenden Ungereimtheiten wirklich gar nicht mehr erklären.

Drei Tracks lang wirft der Prinz keine Fuffies, sondern gleich Fünfhunderter in den Club, nur um dann im Titeltrack in Erinnerungen an Früher zu schwelgen: "Meine beste Zeit hatte ich, als ich nichts war." Och, guck: Doch nicht so befriedigend, der Superreichen-Lifestyle? Irgendwie erschien einem der Nike-Pulli wohl doch wertvoller, als man sich noch nicht alles kaufen konnte.

"Herr Reichert", eine stinkwütende Abrechnung mit dem Ex-Schwiegervater in spe, stützt die Hobby-Freud-Theorie vom Unterlegenheitsgefühl, das es mit aller Gewalt zu kompensieren gilt: Kay One schreibt hier aus der Position des mittellosen Kleinstadtjungen, der er einst gewesen und der dem reichen Vater der Freundin für die Tochter nicht gut genug erschien. Nun, zu Geld gekommen, schmiert er dem, der ihn einst verachtete, den eigenen Erfolg genüsslich fingerdick aufs Brot. Ein später Triumph, ja. Dass die Verletzung von damals noch immer schmerzt, übertüncht der aber nicht.

Ob wahre Geschichte oder nicht: in diesem Fall scheißegal. Dass Kay One derlei Zurückweisungen am eigenen Leib erfahren hat, klingt aus jeder Zeile dieses mit weitem Abstand besten Tracks. Dennoch kommen einem Einlassungen der Sorte "Ich wollt' ihr zeigen, dass es mehr auf dieser Welt gibt" (als Reichtum, nämlich) mehr als nur ein bisschen schizophren vor, nachdem man gerade Track um Track um Track genau das (Reichtum, nämlich) als erstrebenswerten Lebensstil angepriesen bekommen hat und "Lederjacke" im nächstem Atemzug wieder genau in diese Kerbe schlägt: "Du Nutte, check' mal meinen Kontostand."

Selbst verhält sich Kay One kein Stück nobler als der gescholtene "Herr Reichert", sondern bügelt herablassend in seinen Augen niedere Geschöpfe wie Rewe-Kassierer, Frisöre, Dienstboten oder überhaupt jeden, der weniger hat, platt. Die Logik macht um "Der Junge Von Damals" jedoch ohnehin einen riesigen Bogen. Es wird noch viel schräger.

Dramatisches Klavier bedeutet stets: Obacht, jetzt wirds nachdenklich, emotional und bedeutungsschwanger. Diesem scheinbar ehernen Gesetz gehorcht auch "Das Öl Wurde Zu Blut". Plötzlich schwingt Kay One, der eben noch abwechselnd den Benz, den Ferrari und den Maybach angelassen hat, die Moralkeule. Er geißelt machtgeile Politiker, religiöse Fanatiker und Kriegstreiber und predigt Frieden, Toleranz und Zusammenhalt. Dagegen lässt sich im Grunde wenig einwenden. Aber ... halloooo?

Die Klage "Die Reichen werden reicher" klingt aus jemandes Mund, der ansonsten unentwegt und ungeniert sein Vermögen zur Schau stellt, doch recht verlogen. "Es geht nur ums Geld", beklagt ausgerechnet einer, bei dem es bisher um nichts anderes ging? An Konflikten weltweit lässt sich prächtig verdienen, soweit richtig. Menschen, die materiellen Wohlstand über alles andere stellen, treten in aller Regel nicht unbedingt als Friedensengel auf. Zu welcher Gruppe möchte Kay One denn jetzt bitte gehören?

Michelle Mendes, im Rahmen einer (einigermaßen erfolglosen) RTL II-Castingshow als Hookline-Mäuschen auserkoren, greift noch einmal extratief in alle Kitschtöpfe. Da kullern die Kindertränen, es ist kaum zum Aushalten. Mit Schmollmund und einer Stimme Marke Singende Säge verbrämt die Dame, so eine Talentsuche muss sich schließlich lohnen, gleich noch vier weitere Tracks, bevorzugt diejenigen, die - Obacht: Gefühl! - mit dramatischem Klavier anheben.

Wie "Irgendwann": Hier blickt Kay One versöhnlich auf eine verflossene Beziehung zurück. Derselbe Kay One, der seine Bitches gerade noch halbdutzendweise auf dem Rücksitz seiner Nobelkarre beglückt und sie anschließend schön in die Küche zurück kommandiert hat, gibt in "Eingetauscht" Beziehungstipps, und was für ausgefuchste: "Behalt' die, die bei dir war, als du noch nichts hattest." Aus Kay Ones Fehlern lernen? Für mich klingt das eher nach Wasser predigen, Wein saufen und hinterher heulen, weil man Kopfschmerzen hat.

Lebenshilfe, neben den Penunzen das zweite große Ding auf "Der Junge Von Damals": Glaub' an dich! Leb' deinen Traum! Hör' auf niemanden, nur auf die Familie! Mit Kopf-hoch-Durchhalte-Parolen wirft Kay One fast noch freigiebiger um sich als mit lila Scheinen. Wer sich allerdings von jemandem, der unentwegt äußerst fragwürdige Prioritäten setzt, erzählen lässt, welche Prioritäten er setzen sollte (ganz andere!), der kann nicht mehr alle Tassen im Schrank haben.

Wenn sie nicht gerade das Dramat-Klavier bemühen oder, wie in "Irgendwann" zusätzlich noch die Gniedeldüdel-E-Gitarre auspacken, gehen die Beats größtenteils als gelungen durch. Es dominieren reduzierte Synthiekulissen mit Wumms, der trotzdem Raum genug für Hall und Atmosphäre lässt. Okay, "Shake That" mit R'n'B-Hook von Brandon Beal und einer großzügigen Dosis Atlanta-Vibe wirkt, wie aus dem Baukasten "Club-Tracks, leicht gemacht" zusammengesteckt, und in "Beverly Hills" steht zu befürchten, dass jeden Moment Uncle Kracker samt Gitarre aus den Hügeln herabcruist. Grundsätzlich steckt das Problem von "Der Junge Von Damals" aber nicht in der Produktion.

Auch "Unsterblich" ruht eigentlich auf einem durchaus soliden Fundament - bloß dass das bröckelt, sobald Phillipe Heithier loslegt. Also von Anfang an: "Heute Nacht sind wir unsterblich", "jung und verwegen", "uns gehört die ganze Stadt" - was für ein BendzkoForsterBourani-Gedöns. "Geboren um zu leben"? Spätestens dafür gibts die Unheilig-Medaille in Bronze. Für ein "Denkmal" jedoch müsste schon ein weniger ranziger Vergleich drin sein als "Das Leben ist 'ne Achterbahn".

"Mama, du musst dir nie wieder Sorgen machen." Darauf würde ich angesichts des zerrissenen, zwiespältigen Eindrucks, den der Sohnemann hinterlässt, nicht wetten. Wenn zwischen der krampfhaft aufrecht erhaltene Fassade und dem, das dahinter steckt, eine riesige Lücke klafft, wird das Gebäude halt schnell instabil, ganz egal, wie teuer es war. "Gott hat mich gesegnet", hat Kay One gleich im ersten Track festgestellt. "Ich bin fresher, besser, ich fresse meine Gegner." Um so ärgerlicher, dass "Der Junge Von Damals" der galaktischen Talentverschwendung, dokumentiert in Kay Ones Diskografie, trotzdem ein weiteres Kapitel hinzufügt.

Trackliste

  1. 1. Paff Paff Pass
  2. 2. Shake That
  3. 3. Lookalikes
  4. 4. Der Junge Von Damals
  5. 5. Herr Reichert
  6. 6. Lederjacke
  7. 7. Das Öl Wurde Zu Blut
  8. 8. Believe
  9. 9. Baller
  10. 10. Beverly Hills
  11. 11. Irgendwann
  12. 12. Mile High Club
  13. 13. Unsterblich
  14. 14. GTA
  15. 15. Eingetauscht
  16. 16. One Day
  17. 17. Dagobert Duck
  18. 18. Denkmal

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18 Kommentare mit 17 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    Repräsentiert alles, was den Leuten beim Gedanken an "Deutschrap" die Schamesröte ins Gesicht treibt.
    In JEDER Review zu schreiben, dass er ja sooo talentiert und eigentlich so ein toller Rapper ist, nur um dann darauf hinzuweisen wie peinlich und beschissen schon wieder die meisten Tracks sind finde ich mittlerweile albern.
    Ein guter Rapper ist jemand, der gute Tracks abliefert, die wiederum gute Alben formen. Tut er dies ein ums andere Mal nicht sondern definiert sich durch dummdreiste Albernheiten und Narzissmus so ist er per Definition 1. kein guter Rapper und 2. ein Huhrensohn.

  • Vor 2 Jahren

    Album Bewertung: 3/5
    Review-Bewertung 0/5

  • Vor 2 Jahren

    Für mich bisher das beste Kay One Album. Ich würd glatt 4/5 geben. Das sind zum großen Teil fertige Pop-Songs, nur halt mit Rap. Die Texte sind bei diesem Ding eher Nebensache. Es geht mehr um die gesamte Stimmung dabei. Vom Flow her klingt auch einiges nach Oldschool US Rap. So innovativ klingt es zumindest nicht. Wem es mehr um die Texte geht, der sollte dann aber nicht zu viel erwarten. Haha! Das gleiche könnte ich dann aber auch über Shindy schreiben ;-).