laut.de-Kritik

So schubst man Fans in die Zukunft.

Review von

Die Dead End Kings sind zurück, und diesmal widmen Katatonia ihrem heimlichen Maskottchen sogar ein loses Konzept. In Form eines Selbstporträts von Steven Wilsons Hoffotograf Lasse Hoile späht er vom Cover. Als "Schöpfer von Erinnerungen" wandelt er durch die Straßen einer ortlosen Stadt, wohl die Gedankenwelt eines jeden Hörers. Projektionsflächen für solche Überlegungen liefern die Schweden reichlich.

"Das Album kann ein Begleiter sein", wünscht Kreativkopf Jonas Renkse. Er bietet diese Option Fans mit ganz unterschiedlichen Vorlieben an, indem er sowohl lieb gewonnene Traditionen aufrecht erhält als auch Experimente wagt. Der Opener "Heart Set To Divide" steht fest auf synthetischen Säulen, die Renkse als Sänger einen in enormem Klangraum viel Freiheit für seine samtenen Vocals geben.

Wie selbstverständlich erschüttern Progmetal-Gewitter diesen Palast an mehreren Stellen im Song. Anders Nyströms zwischen Melodie und Härte pendelndes Gitarrenriff kann man gar nicht genug wertschätzen, gerade wenn es am Ende in dynamisches Auf und Ab zwischen sanftem Keyboard und rhythmisch lauerndem Bass/Schlagzeug-Pattern mündet.

Ganz und gar dem metallischen Teil ihrer Identität öffnen sich Katatonia bei "Behind The Blood". Verschlungenen Riffs frönen sie auch hier, entwickeln dabei aber einen für ihre Verhältnisse ziemlich straighten Heavy Metal-Drive zum Fäusteschwingen, den nur Renkse mit weiterhin melancholischem Gesang etwas bremst. Die Kombination steht der Band. Eine spannende Fusion entsteht auch bei "Neon Epitaph". Der Song würde hervorragend auf ein Tool-Album passen, Renkse würzt ihn mit geschmackvollen Riverside-Nuancen.

In eine ganz andere Kerbe schlagen Katatonia dagegen bei der Leadsingle "Lacquer" und der Ballade "Vanishers". Gitarren spielen in beiden kaum eine Rolle, bei "Lacquer" verbannen sie sie mit Ausnahme eines minimalen, verfremdeten Atmo-Elements vollständig. Stattdessen regieren in diesem künstlerischen Höhepunkt des Albums Synthesizer und ein elektronischer Beat. Depeche Mode lassen grüßen, nur klang Dave Gahan nie so zerbrechlich und engelsgleich wie Renkse hier, unterstützt von sphärischen Streichern.

Noch melodischer wird es bei "Vanishers". Zwar bildet der Song zusammen mit "The Winter Of Our Passing" im Vergleich zu den anderen Tracks eher schwache Mitte des Albums, trotzdem versinkt man nur zu gern in den vom Duett mit Sängerin Anni Bernhard (Full Of Keys) geweckten Assoziationen zu Pure Reason Revolution.

Schlüsselspieler bei der Verknüpfung der unterschiedlichen Klangwelten des Albums sind neben Renkse Mischer Jacob Hansen und Drummer Daniel Moilanen. Ersterer hüllt "City Burials" in modernen Sound mit toller Balance zwischen teils kühler, distanzierter Produktion, den warmen Vocals Renkses und unmittelbaren, lodernden Ausbrüchen, etwa bei den grandios in Szene gesetzten Soloparts von "Behind The Blood" und "Untrodden".

Moilanen hat eine ähnliche Funktion. In seinem Spiel vereint er Einflüsse in einer Bandbreite von Tool bis Drum'n'Bass, manchmal sorgt er mit leiser Percussion für Tiefe. Er ist einer der Gründe, warum die extremen dynamischen Umschwünge in "Heart Set To Divide" so gut funktionieren.

Mittlerweile stehen Katatonia kurz vor ihrem 30. Jubiläum und erkunden weiterhin unbeirrt neue Pfade. Trotz kontinuierlicher Evolution behielten die Schweden schon immer genug Vertrautes, um alte Anhänger nicht zu vergraulen, sondern sie, im Gegenteil, sanft mit in die Zukunft zu schubsen. Auf "City Burials" exerzieren sie diese Praxis par excellence.

Trackliste

  1. 1. Heart Set To Divide
  2. 2. Behind The Blood
  3. 3. Lacquer
  4. 4. Rein
  5. 5. The Winter Of Our Passing
  6. 6. Vanishers
  7. 7. City Glaciers
  8. 8. Flicker
  9. 9. Lachesis
  10. 10. Neon Epitaph
  11. 11. Untrodden

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LAUT.DE-PORTRÄT Katatonia

Katatonia beginnen 1987 in Avesta, Schweden als Duo, bestehend aus Anders "Blackheim" Nyström (Gitarre) und Jonas "Lord Seth" Renske, der für die Drums …

10 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    dance of december souls. wahrscheinlich top 3 der besten black metal werke ALLER ZEITEN... hei nei :(

  • Vor 2 Monaten

    Meiner Meinung nach - ich verfolge sie lose seit "Viva Emptiness" und hör halt immer rein, wenn was neues kommt - einer der "okayesten" Bands (geht das überhaupt?) da draußen. Hörbar sind sie immer gewesen, um dem Hype wirklich zu glauben waren die Alben meiner Meinung nach aber immer ein bisschen zu sehr mit Füllmaterial durchsetzt, was mich ein bisschen davon abgehalten hat, mich für das Frühwerk zu interessieren. "City Burials" ist da keine Ausnahme. Leider.

    • Vor 2 Monaten

      Wo gibt's denn auf Dead End Kings Fllmaterial? Da ist doch jeder Song der absolute Hammer!

    • Vor 2 Monaten

      Ich denke das ist bei mir so ein klassischer Fall von persönlicher Präferenz, da ich so in reinem Moll getränkten Metal immer ein bisschen unspektakulär finde; habe mir die Dead End Kings tatsächlich noch einmal angehört, aber abgesehen von der gelungenen Umsetzung gibt mir das halt einfach wenig. Man muss die als Hörer wahrscheinlich so intensiv und Leidenschaftlich verfolgen, dass man die Nuancen ausmachen kann, wie man so schön sagt. Aber da das halt nicht mein Paar Schuhe ist, bleibt es für mich nur "nett". Auch nach mehrmaligem Hören. Geschmackssache halt.

    • Vor 2 Monaten

      Wenn Puschel mit dem pupsbaer diskutiert.

    • Vor 2 Monaten

      Poa, die Dead End Kings find ich auch wirklich völlig genial, da ist ja wirklich jeder Song genial :-D

    • Vor 2 Monaten

      Yay, Redundanztag!

  • Vor 2 Monaten

    Ich hab das Album jetzt erst einmal angehört, aber dem Ersteindruck nach finde ich "City Burials" ziemlich enttäuschend. Die Songs sind nicht unbedingt schlecht, plätschern aber meistens eher vor sich hin. Na ja, nach "Night Is The New Day" haben mich Katatonia irgendwie verloren. Mir fehlt die Intensität. Wenn "City Burials" wenigstens irgendwie frisch klingen würde...

  • Vor 2 Monaten

    Mir gehts ähnlich wie den meisten Kommentatoren hier. Katatonia sind immer gut, entwickeln sich musikalisch immer weiter, aber die großen Melodien sind nicht mehr da. Fand schon „Fall of hearts“ mit Ausnahme des Titelsongs nicht mehr zwingend. Alles plätschert auf musikalisch allerhöchstem Niveau vor sich hin. Haben für mich ihren Zenit mit „dead end Kings“ erreicht. Da ist jeder Song ein Meisterwerk und man fiebert jedem Refrain entgegnen („ja gleich kommt’s, gleich, noch einen Moment, jaaaaa geil“)

  • Vor einem Monat

    Wie kann man dieses Album als Freund des melancholischen Prog Rock/Metal nicht feiern? Und wo sind die Katatonia-Fans? Kompositorisch wie immer fordernd, aber auch die Produktion ist wie gewohnt glasklar, sodass wirklich jedes Detail dieser ausdifferenzierten Musik erkennbar ist, dann sind da die schwelgerischen Melodien und die klagende, anklagende, traurige und dann wieder stolze bis wütende Stimme Renkses, die, mal kryptisch, mal metaphorisch, mal sehr konkret ausgestaltet, lyrisch durchaus Ansprechendes abliefert, und dann kommt der fucking groove (nicht zwingend), dann der finale Refrain, dann die Unendlichkeit.. zusammengenommen ergeben diese Zutaten diese einzigartige Stimmung/Atmophäre, aus der sich Melodien herausschälen, die dich, unter melancholischen Vorzeichen, auf eine kathartische Reise schicken mit ungewissem, von dir selbst abhängigem Ausgang.

  • Vor einem Monat

    Das ist ne 5 ey auch wenn's keine Neuerfindung darstellt ist es kompositorisch auf ganz hohem Niveau und die Stimme ist erhaben