laut.de-Kritik

Mehr als nur eine skandinavische Radiohead-Reinkarnation.

Review von

Ein dunkel pulsierender Synthesizer und leises Marschtrommelgeknister läuten "Blood Beech" ein und lassen noch kaum erahnen, in welch verträumte Gefilde Kashmir ihre über 22 Jahre gesammelte Hörerschaft auf "E.A.R." mitnehmen. Zwar bricht Kasper Eistrup schon nach wenigen Takten das Schweigen, doch in den anschließenden gut vier Minuten macht sich vor allem eine Erkenntnis breit: Kashmir haben Zeit. Viel Zeit.

Was nicht nur für den Opener, sondern eigentlich für die gesamte siebte Platte der dänischen Chartstürmer gilt. Ganz behutsam zieht das Quartett die Spannungsbögen, stattet seine Songs mit auslandenden, mitunter progressiven Arrangements aus. Und das völlig zurecht - wer Melodien wie etwa "Seraphina" im Gepäck hat, darf diese auch angemessen vorbereiten und auftischen.

Insgesamt führt die ruhigere Herangehensweise die Band erstaunlich oft auf zuckersüßes Dream Pop-Terrain. Orgelsounds erinnern gelegentlich an Beach House, für die ganz großen musikalischen Gesten fahren Kashmir hier und da gar Harfen ("Piece Of The Sun") oder einen Kinderchor ("E.A.R.") auf. Einzig das ausnahmsweise tanzbare "Purple Heart" hätte sich mit schmissigem Drumgroove und treibendem Synthie-Riff auch anstandslos in das drei Jahre zurückliegende "Trespassers" eingereiht.

"Remember when we were just me and you and time", schwelgt Kasper Eistrup, der die ewigen Thom Yorke-Vergleiche wohl auch 2013 nicht loswerden wird, in "Peace In The Heart". Der Refrain fungiert nicht nur hier ganz im Sinne des Pop: als brillante Krönung des Songs, als Höhepunkt in Sachen Leidenschaft und Intensität.

In Dänemark haben es Eistrup, Tunebjerg, Techau und Lindstrand längst geschafft. Die letzten drei Platten gingen von null auf eins, "E.A.R." dürfte der Begeisterung keinen Abbruch tun. Bleibt zu hoffen, dass allmählich auch der Rest der Welt einsieht, dass sich weder David Bowie, noch Lou Reed einst zufällig zu Kashmir ins Studio verirrt haben. Die späte Erkenntnis, dass es sich hier um mehr als nur eine skandinavische Radiohead-Reinkarnation handelt, untermauern sie mit der Platte jedenfalls eindrucksvoll.

Trackliste

  1. 1. Blood Beech
  2. 2. Piece Of The Sun
  3. 3. Peace In The Heart
  4. 4. Seraphina
  5. 5. Milk For The Blackhearted
  6. 6. Trench
  7. 7. Purple Heart
  8. 8. Pedestals
  9. 9. This Love, This Love
  10. 10. Foe To Friend
  11. 11. E.A.R.
  12. 12. Peace In Our Time

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5 Kommentare

  • Vor 8 Jahren

    Kashmir sind absolut grandios!
    Es ist natürlich eine riesige Ehre mit Radiohead verglichen zu werden aber die großartige Musik von Kashmir steht für sich alleine. Irgendwie habe ich diesen Vergleich auch nie so ganz verstanden, weil die nicht mal wirklich ähnlich klingen.
    Freue mich auf jeden Fall schon auf morgen, wenn das Album endlich erscheint.

  • Vor 8 Jahren

    wow, krasse review, die mein interesse an kashmir wiedererweckt! :) ihr album "zitilites" ist ganz große kunst, auf die ich immer wieder zurückkomme (v.a. "the aftermath", "melpomene" und "ramparts") und diese band hat vergleiche nicht nötig, wie mein vorposter schon sagte. e.a.r. werd icb def. mal ein ohr leihen, ganz ohne radiohead!

  • Vor 8 Jahren

    Leider kann ich diesmal den werten laut.de Rezensenten in kleinster Weise zustimmen. Zu beliebig und austauschbar klingen die meisten Lieder auf dem neuen Album, zu langatmig und ohne wirkliche Highlights blubbert die gesamte Platte vor sich hin. Als Kashmir Fan der ersten Stunde bin ich zum ersten Mal so richtig enttäuscht von Herrn Eistrup und seinen Mannen. Ich wuerde Interessenten auf jeden Fall einmal Probehören vor dem Kauf empfehlen - nicht dass dieselbe Enttäuschung aufkommt wie bei mir...

  • Vor 8 Jahren

    Muss meinem Vorredner leider zustimmen. Das Album ist eine banale und langatmige Mischung aus Geplätscher, Geräuschen und Zuckerguss und nichts, schon gar nichts davon bleibt hängen. Sehr schade, das können sie besser.

  • Vor 8 Jahren

    Habe das Album jetzt seit einigen Tagen in meinem Cd Player und es tönt wirklich sehr relaxed und oft mit ambienten Klängen aus den Speakern. Das haben Kashmir vorher so noch nicht gemacht und wie bei jedem Stilwechsel einer Band sind teilweise enttäuschte Stimmen nicht verwunderlich.
    Der neue Ansatz geht meiner Meinung nach am Anfang der Platte gut auf, das Album beginnt stark.
    So gibt es schöne Melodien mit wie in der Rezension beschriebenen Dreampop-Elementen, zum Beispiel in 'Milk For The Blackhearted' (inzwischen einer meiner Lieblings Kashmir Songs überhaupt. Die erzeugte Atmosphäre, Kaspers Stimme und diese Gesangsmelodie im Refrain, das streichelt die Gehörgänge auf beste Art und Weise!),
    'Seraphina' und 'Peace In The Heart'; das sind geniale Lieder.
    Doch ab 'Trench' schaltet das Album einen Gang herunter, vor allem was die Melodien und Intensität der Lieder angeht.
    Ambiente Soundcollagen, die mich vereinzelt an den Beginn von Coldplays 'Life In Technicolor' erinnern, wobei ich da bei Coldplay eine Gänsehaut bekomme. Hier ist das manchmal schon ein wenig schläfrig. Solch ambiente Klänge sind ja etwas Schönes, aber Kashmir schaffen es meistens nicht, mich wirklich zu packen.
    Mit 'Foe To Friend' fängt sich das Album und wird zum Ende nochmal richtig gut.

    Alles in allem ein schönes Album mit ein paar Highlights und einigen etwas zu langatmigen Passagen.
    Es kommt nicht an Alben wie 'Trespassers' oder 'Zitilites' heran aber ich freue mich, dass Kashmir hier etwas probieren und ihre Soundpalette erweitern.