laut.de-Kritik

Tourbus interruptus - das seltsame Gefühl von Freiheit.

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"Jede Krise birgt auch immer ein Chance", lautet einer der müdesten Kalendersprüche aller Zeiten. Sicher ausgelutscht, aber manchmal einfach wahr. So dachten sich vielleicht auch die Berliner Proto-Rocker Kadavar, als sie sich zusammen mit dem Rest der Welt im Frühjahr plötzlich in Isolation befanden: mit dem kürzlich erschienenen Hitalbum "For The Dead Travel Fast" im Rücken, Konzerte weltweit vor der Brust – und plötzlich eingeschlossen im Proberaum. Tourbus interruptus, oder so.

Musik-Nerds halten es mit einer ordentlichen Plattensammlung und genug Rotwein durchaus eine Weile zu Hause aus. Dass Kadavar möglicherweise zu dieser Gattung gehören, war schon länger zu vermuten. Zumindest könnte es auf diese Art und Weise zu einem Album wie "The Isolation Tapes" gekommen sein. Inspiration in Form alter Proto- und Prog-Platten dürfte dabei reichlich vorhanden gewesen sein.

Etwas mystischer und ruhiger zum Start ging es schon auf dem Vorgänger zu, nun lässt sich auch der Opener "I - The Lonely Child" viel Zeit. Und sofort fällt auf: Oha! Synthie. Statt sich in einem satten Gitarrenriff aufzulösen, dudelt es in bester Sci-Fi-Manier aus den Boxen. Die Gitarre kommt erst später ins Spiel. Anstatt an dieser Stelle düster zu werden, klingt der Song ungewohnt optimistisch, fast euphorisch. Von wegen Isolation-Blues!

"II - I Fly Among The Stars" schließt nahtlos an, animiert eher zum Träumen als zum Haare schütteln. Hier könnten sowohl Chris Isaaks "Wicked Game" wie auch Pink Floyd Pate gestanden haben. "III - Unnaturally Strange (?)" hätte auf dem Soundtrack eines Psychedelic-Beat-Experimentalstreifens aus den 60ern locker Platz gefunden. Die Inspiration für diese Platte kommt also nicht etwa wie gewohnt aus dem 70s-Doom, sondern der vollen Bandbreite dieser Generation. Spannend!

"IV - (I Won't Leave You) Rosi" startet mit einer zurückgenommenen Piano-/Synthie-Landschaft, auf der Lupus über seine Rosi singt. Kritiker seiner Sangeskunst werden sich hier nicht umstimmen lassen, eine Weiterentwicklung ist aber nicht zu überhören. Besonders in der zweiten Hälfte, wenn der Track in einen atmosphärischen Garagerock-Song umschwenkt, kommt die Unverwechselbarkeit noch stärker zum Ausdruck. Die ruhigen Synthie-Passagen, wie sie auch auf "V - The World Is Standing Still" zu hören sind, bieten genug Raum für gefühlvolle Vocals und ausufernde Gitarrensoli.

"Eternal Light (We Will Be OK)" klingt dann wieder deutlich psychedelischer. Die dominierenden Synthieklänge im Intro, diesmal mit Kinderstimmen vermischt, münden in einen treibenden Rocksong. Dieses typische Kadavar-Gefühl findet sich immer irgendwo, die neuen Wege klingen nie völlig ungewöhnlich. Das kurze Zwischenspiel "Peculiareality (!)" nimmt sich dann eine Auszeit, um in den Schlüsselsong des Albums überzugehen.

"Everything Is Changing" klingt genau wie die Erfahrung, die zumindest manche Menschen während des Lockdowns irgendwann einmal gehabt haben dürften: ein seltsames Gefühl von Freiheit. Nichts müssen, nirgends sein müssen, sondern einfach mal machen, was man immer machen wollte. Diese Ziellosigkeit mündet manchmal in Großartiges.

Mit "The Flat Earth Theory" folgt ein weiteres kurzes Zwischenspiel, bevor mit "Black Spring Rising" das mystische Ende des Albums erreicht ist. Diese mit Cello garnierte Ballade setzt einen Punkt hinter eine Scheibe, die vor einem Jahr so vermutlich nicht möglich gewesen wäre. Was sich nicht alles von heute auf morgen ändern kann ... Kadavar haben aus dieser Krise das Bestmögliche gemacht und ihrer ohnehin schon großen musikalischen Bandbreite weitere Facetten hinzugefügt.

Trackliste

  1. 1. I - The Lonely Child
  2. 2. II - I Fly Among the Stars
  3. 3. III - Unnaturally Strange (?)
  4. 4. IV - (I Won't Leave You) Rosi
  5. 5. V - The World Is Standing Still
  6. 6. Eternal Light (We Will Be OK)
  7. 7. Peculiareality (!)
  8. 8. Everything Is Changing
  9. 9. The Flat Earth Theory
  10. 10. Black Spring Rising

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