8. Juni 2010

"'Rap' wurde von Geschäftsleuten erfunden!"

Interview geführt von

K'Naan verbindet afrikanische Traditionen mit Rap und Folk. Ein weiteres Markenzeichen des selbsterklärten "Dusty Foot Philosopher": der Verzicht auf festes Schuhwerk.Die Auswahl seines Songs "Wavin' Flag" zum offiziellen, von Coca Cola subventionierten WM-Song brachte den in Somalia geborenen und nach Kanada emigrierten Keinan Abdi Warsame an einem Sommerabend im Mai auf die Bühne der Millionenshow "Wetten Dass...?".

In modischen Trendsneakers zu eng anliegender, weißer Jeans zelebrierte K'Naan seine Ankunft im hiesigen, seichten Jedermanns-Pop-Kosmos. Kurz vor seinem Auftritt fand er wenige Minuten für ein Telefoninterview und beantwortete Fragen über das Leben als Reisender, musikalische Schubladen und Inspirationen.

Du bist gerade überall auf der Welt unterwegs und promotest für Coca Cola die Weltmeisterschaft, oder?

Nein, nicht mehr. Ich bin gerade auf Mallorca bei irgendeiner ziemlich großen Fernsehshow.

Der größten TV-Show, die es in Deutschland gibt, um genauer zu sein. Siehst du dich eigentlich selbst als Reisender?

Das Reisen liegt in meiner Natur. In meinen jungen Jahren, als ich aus Somalia flüchten musste, hatte ich natürlich keine andere Wahl. Da musste ich reisen. Aber mittlerweile bin ich ein Reisender aus freiem Willen.

Bist du ein rastloser Mensch?

Manchmal vermisse ich es, für eine längere Zeit an einem Ort zu sein. Ich bin ein Beobachter. Ich ziehe mich gern zurück und beobachte die Menschen um mich herum. Aber weil ich gerade so viel auf Reisen bin, kann ich das leider nicht. Aber wenn ich länger an einem bestimmten Ort bin, werden meine Füße kribbelig und dann merke ich, dass ich wieder weiterziehen muss.

"Das Reisen ist mein Lieblingslehrer"


Gibt es etwas Bestimmtes, das du vom Reisen gelernt hast?

Absolut. Das Reisen ist mein Lieblingslehrer. Es ist der beste Weg, die Menschen zu beobachten und über ihre Gemeinsamkeiten zu lernen. Über das große Ganze, das in uns allen steckt. Beim Reisen wird mir immer bewusst, wie ähnlich sich die Menschen trotz all ihren Unterschieden sind. Eigentlich erkenne ich immer mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede.

Reist du mit einem Ziel? Oder gibt dir der Weg das Ziel vor?

Ich habe kein Ziel. Ich gehe dort hin, wo ich hin muss. Die Musik bringt mich an ganz unterschiedliche Orte.

Tolkien hat mal geschrieben "Not everybody who wanders is lost.

Wow, das gefällt mir.

Fühlst du dich manchmal verloren?

Nicht wirklich. Ich bin ziemlich auf dem Boden geblieben. Ich habe mich in der Liebe für meine Kunst gefunden. Ich habe eigentlich nie das Gefühl, dass ich nicht mit beiden Beinen auf dem Boden stehe. Auch dann nicht, wenn ich fliege.

Und musikalisch? Verlierst du dich manchmal in deiner Musik oder weißt du immer, wohin es geht?

Naja, ich verliere mich schon, wenn ich etwas tue. Wenn ich einen Song aufnehme, dann verliere ich mich darin. Aber nur so finde ich auch meinen Weg. Wenn ich einen Song fertig habe, weiß ich, in welche Richtung ich gehe. Ich fange nicht mit dem Schreiben an und habe bereits die Antworten auf alle Fragen. Erst wenn ich den Text habe, erkenne ich, wo ich bin. Die Gewissheit habe ich mit dem fertigen Lied.

"Ich muss jetzt vor die Kamera"


Als was bezeichnest du dich selbst? Als Rapper?

Ich bin kein großer Freund von Bezeichnungen, die Leute mit Geschäftsinteressen erfunden haben, um irgendwelche Schubladen zu produzieren. Ich möchte die Musik machen, die ich will. Auf meinen Alben hört man, dass ich nicht jemand bin, den man über wirtschaftliche Schlagwörter definieren kann. Ich mache, was mir gefällt. Wenn du dich selbst definierst und dir einen Stempel aufdrückst, dann nimmst du dir jede Möglichkeit, etwas anderes zu sein. Deswegen verschreibe ich mich keiner bestimmten Idee. Manchmal singe ich Folk-Songs. Manchmal trällere ich Melodien. Manchmal rappe ich. Ich mache Rock-Songs, Pop-Songs und noch viel mehr. Ich wehre mich gegen eine eindimensionale Auffassung von Musik.

Ist das auch der Grund, wieso dich Nas und Damian Marley gefragt haben, ob du ihnen bei der Produktion ihre Albums "Distant Relatives" helfen kannst?

Eigentlich haben sie meine Hilfe gar nicht gebraucht. Sie beide sind unglaublich, wegweisend und legendär. Aber sie respektieren meine musikalische Vision. Sie haben mir von ihrem musikalischen Plan erzählt und erklärt, welche Ideen sie verwirklichen wollen. Nach der Produktion des Albums sagten sie dann, dass ich einen enormen Anteil an dem Projekt hatte und ihnen die Inspiration für ihre musikalische Richtung gegeben habe. In erster Linie ist das eine riesige Ehre für mich.

Es macht auf jeden Fall Sinn, weil du musikalisch perfekt in die Mitte passt.

Ja, das stimmt. Damian Marley macht Reggae Musik, Nas macht Rap Musik, und zusammen machen sie K'Naan Musik.

Ich würde vielleicht noch Femi Kuti dazu nehmen.

Mann, du hast recht. Da bin ich hundertprozentig bei dir. Den braucht es auf jeden Fall auch noch. Aber um meine Musik noch perfekter zu treffen, müsste man auch noch die amerikanische Singer/Songwriter-Perspektive addieren. Meine Songs reflektieren immer ganz stark mich selbst als Person. Es ist gar nicht so leicht, das in Einzelteile zu zerlegen.

Also Bob Dylan, Bob Marley und Fela Kuti. Den drei hast du ja auch mit J.Period jeweils ein Tribute-Mixtape gewidmet.

Um ehrlich zu sein, ist das eigentlich die beste Beschreibung meines Sounds. Diese drei. Das habe ich realisiert, als mich Mos Def vor einigen Jahren Russell Simmons vorstellte. Er sagte "Hey Russell, das ist K'Naan. Er ist der Dylan, Marley und Fela der Gegenwart." Mich hat das ziemlich überwältigt und eigentlich wollte ich sowas gar nicht hören. Ich habe Mos angeschaut und nur gesagt, er soll damit aufhören. Er meinte natürlich nicht, dass ich wie sie bin. Oder so gut wie sie. Er wollte darauf hinaus, dass ich in allen drei meine Wurzeln habe. Meine Inspirationen bekomme ich von ihnen.

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Die Stimme des Managers klingt im Hintergrund. Ein fragendes "Jetzt?" klingt durch den Hörer. Es ist Zeit für die große Show. "Entschuldige, ich muss abhauen. Ich muss jetzt vor die Kamera."

Es folgt ein kurzes Dankeschön und eine hastige Verabschiedung. Die Liste der Fragen ist noch lang. Und das, auch ohne den tiefsinnigen Troubadour danach zu fragen, für welches Team er bei der WM seine Daumen drückt. Oder ob er den Namen eines deutschen Fußballspielers kennt.

Auf Gottschalks Couch darf er eine halbe Stunde später nicht Platz nehmen. Die Logenplätze gehören Bohlen, Ballack und anderen B-Prominenten des hiesigen Unterhaltungshorizonts.

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