laut.de-Kritik

Eine Scheibe so cheesy, man nenne sie Käseplatte.

Review von

Die öffentliche Meinung zu Justin Bieber variiert wie Bitcoin-Kurse. Vom nervigen YouTube-Cover-Futzi erhob er sich um 2010 zum persönlichen Antichristen der Popmusik. Dann kam mit "Purpose" die vermeintliche Wiedergutmachung, nur, um das fantastische EDM-Pop-Album mit dem ereignislosen und gleichwohl dämlichen "Changes" wieder zunichte zu machen. "Justice" zeigt Justin nun an einem Punkt seiner Karriere, an dem es die Öffentlichkeit erstmals nicht so richtig juckt, was gerade bei ihm los ist. Dabei ist die Platte mit ein paar Abstrichen eigentlich sogar eine kleine Rückkehr zur Form.

Zwar sitzt er immer noch der Illusion auf, eigentlich ein R'n'B-Sänger zu sein, aber im Gegensatz zum monotonen Gesäusel auf "Changes" versucht "Justice" zumindest nicht mehr so doll, danach zu klingen. Dieses Album klingt wie ein friedlicher Sonntagvormittag im Vorgarten eines reichen, frisch verheirateten Pärchens, das gerade von der Kirche kommt, um zum Klang von Easy Listening und Baby-Lachen an John F. Kennedy zu denken. Die Genießbarkeit von "Justice" ist proportional zur Fähigkeit des Hörers, Sitcoms aus den Fünfzigern zu sehen.

Aber hey, auch das Leben reicher und schöner Christen verdient seinen Soundtrack, und selbst wenn man nicht dazu gehört, kann es ganz heilsam sein, sich an so weltfremder, geruhsamer Sorglosigkeit zu weiden. Nicht, dass Justin auf dieser Platte keine Sorgen zu besprechen hätte, aber klanglich gibt es hier kaum einen Konflikt. Hauptthema: Seine Frau. Die liebt er. Sehr. Die Liebesballaden sind so schillernd blau- und kulleräugig, man muss respektieren, wie scham- und kompromisslos er da das Blaue vom Himmel sülzt.

Die erste Hälfte der Scheibe ist so cheesy, man nenne sie eine Käseplatte. Aber süß! Nach einem Jahrzehnt im Spotlight ist eben bekannt und akzeptiert, dass Biebs nicht der Allerhellste ist, aber das macht seine ungestüme Labrador-Energie auf diesen zuckrigen Liebes-Balladen eigentlich erst so zugänglich. "2 Much" kommt mit wertigem Piano (ulkigerweise von Skrillex komponiert), "Off My Face" bietet eine angenehme und eingängige Vocal-Melodie.

Dass in der zweiten Hälfte das Tempo etwas angezogen wird, tut "Justice" aber doch sehr gut. "Hold On" und "Die For You" mit Dominic Fike fahren mit groovenden Synth-Bässen und kleinen Augenschlägen in Richtung Retro auf, besonders Ersteres braust gegen Ende zu einer von Biebers stärksten und charaktervollsten Vocal-Performances auf. "Peaches" mit Daniel Ceasar und Giveon hat als einziger Song der Platte so richtig das Recht, sich als R'n'B zu bezeichnen und kommt mit unverschämt einschlägigem Refrain daher. Sogar Vorab-Single "Holy" klingt – mal abgesehen vom Jesus-Geseier im Text – dank super-entspanntem Beat ziemlich angenehm.

Natürlich gibt es trotzdem auch Hänger, die oft mit Biebers altbekannten Limitationen als Performer einhergehen. "Unstable" mit Emo-Rap-Parasit Kid Laroi wälzt sich etwas zu uninteressant durch die immergleichen Stimmregister, und Schlusstrack "Lonely" hat einfach nicht die stimmliche Intensität, um das Finneas-Instrumental so richtig überzeugend zu bespielen. Um diesen Tearjerker mitzumachen, muss man ein Belieber der Stunde Eins gewesen sein, denn das gejodelte "Lo-o-onely" geht sonst nämlich nur aus den falschen Gründen unter die Haut.

So hätte man die Tracklist durchaus noch ein bisschen trimmen können, denn der Bieber ist immer nur so effektiv wie die Komposition um ihn herum. Seine Stimme verfügt über diese einzigartige Fähigkeit, sich in ihrer Essenz immer der Qualität seiner Produktion anzupassen, was dazu führt, dass der Junge auf einem großartigen Beat verlässlich eine großartige Performance liefern wird, aber zwischen generischem Gedudel genauso uninteressant klingt.

Außerdem müssen wir noch über den "MLK Interlude" sprechen: Für den hat Justin nämlich auf den Deckel bekommen. Aber wichtiger als die Frage, ob es nun sensibel ist oder nicht, eine wichtige Rede über Antirassismus und Bürgerpflicht im Kontext eines Bieber-Albums zu samplen, sollte man erst einmal fragen, was dieser Kontext überhaupt ist. Beziehungsweise, nicht ist, denn: Es gibt verdammt noch einmal keinen. Diese MLK-Rede hat so viel Sinn wie eine Werbeunterbrechung; die Themen der Platte sind Liebe, Einsamkeit und Gott, dazu sagt King nichts. Auch die titelgebende Gerechtigkeit kommt auf "Justice" nicht wieder vor. Was zur Hölle macht dieser Interlude hier? Will er sich zum Aktivisten aufschwingen? Warum hat er dann außerhalb davon niemals irgendetwas derartiges gesagt? Man kann nur mutmaßen. Aber vielleicht ist man besser daran, ihn einfach zu skippen und so zu tun, als gäbe es ihn nicht.

Schlussendlich bleibt "Justice" eine Bieber-Platte, die relativ kohärent daran bleibt, was der Junge kann, sich deswegen nicht verhebt, aber eben auch keine Maßstäbe setzt. Sein früheres Leben als Kinderstar scheint inzwischen auserzählt, und sein derzeitiges Leben als Vorzeige-Jesus-Boy mit wunderschöner Frau und viel Geld gibt eben nicht die größte dramatische Fallhöhe her. Was er daraus macht, ist ein aufrichtiges und eingängiges Pop-Album ohne beeindruckenden Tiefgang, dafür aber mit ein paar überzeugenden Treffern. Sollte er nicht noch einmal abdrehen, dürften sich seine Tage als hochspannendes Gestirn am Pop-Himmel langsam dem Ende neigen. Aber wie es klingt, scheint er sich ja am Ende dieses Karriere-Bogens an einem guten Ort zu befinden. Und das ist Leuten mit einer so turbulenten Geschichte doch eigentlich nur zu wünschen.

Trackliste

  1. 1. 2 Much
  2. 2. Deserve You
  3. 3. As I Am (feat. Khalid)
  4. 4. Off My Face
  5. 5. Holy (feat. Chance The Rapper)
  6. 6. Unstable (feat. The Kid Laroi)
  7. 7. MLK Interlude
  8. 8. Die For You (feat. Dominic Fike)
  9. 9. Hold On
  10. 10. Somebody
  11. 11. Ghost
  12. 12. Peaches (feat. Daniel Ceasar & Giveon)
  13. 13. Love You Different (feat. BEAM)
  14. 14. Loved By You (feat. Burna Boy)
  15. 15. Anyone
  16. 16. Lonely (feat. Benny Blanco)

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