Porträt

laut.de-Biographie

Juicy Gay

Dass jemand heteronormativ über sein bestes Stück rappt, ist im Game noch nie eine Meldung wert gewesen. Hip Hop war und ist eben vor allem ein sogenanntes "Sausage Fest". Frauen etwa haben da einen naturbedingten, vor allem aber einen auf Sexismen beruhenden Nachteil. Bislang ebenfalls noch nicht auf der Penislandkarte: homosexuelle MCs.

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Abseits des dezidiert politischen Queer-Raps einer Mykki Blanco oder dem lesbischen Act THEESatisfaction präsentiert sich Hip Hop auch Mitte der Nullerjahre noch als homogen heteronormatives Genre. Höchste Zeit also für Arthur Rudt alias Juicy Gay, den (vermeintlich) ersten (vermeintlich) homosexuellen Swag-MC Deutschlands.

Ende 2014 taucht auf YouTube erstmals ein "Juicy Gay" betiteltes Feature von MoneyBoy auf. Österreichs Dada-Swagrapper Nummer eins fantasiert darin gemeinsam mit Juicy Gay von verschwitztem Körpersport und Afterfesten. Ein erstes Hallo von Gay, der 2015 mit seinem Debüt-Mixtape "Trapgaylord" nachlegt. Titelauswahl: "Hard Cock Life", "Alles Gayt" und "Schwule Rapper 1 & 2".

"Seit Jahren sagen Rapper zueinander: 'Ich ficke dich, ich ficke dich', wenn die Beef haben. Wenn ich sowas höre, finde ich das natürlich etwas lustiger als andere", so Gay. Ehemalige Mitschüler erklären gegenüber der Presse allerdings, der MC sei keineswegs homosexuell, sondern nutze hier nur geschickt eine Nische im Trap-Genre. Bei Noisey notiert man hierzu wiederum nicht unklug: "Wenn LGoony nicht wirklich Millionen Euro in der Schweiz hat und Kollegah nicht wirklich Zuhälter war, dann muss Juicy Gay auch nicht wirklich schwul sein."

Ganz eindeutig setzt Rudt, der schon mit 15 als Kalkbrenner- und Funke-Fan ein erstes, rein elektronisches Projekt umsetzt, auf ähnliche Post-Humorismen wie Hustensaft Jüngling. Im Umfeld von MoneyBoys Glo Up Dinero Gang wird weiter US-Trap persifliert, ohne die Persiflage völlig erkenntlich zu machen. Rapskills stehen im Hintergrund, Autotune, Dilettantismus und codeinkompatible Beats vorne.

Rapjournalist Falk Schacht gefällts. Er teilt 2015 einen Juicy Gay-Track und macht ihn damit einem großen Publikum bekannt. Nicht nur Trap, sondern auch das homophobe Rap-Tag #nohomo kommen beim Trapgaylord aus dem münsterländischen Borken auf die Schippe, nachdem er das zwischenzeitliche Pseudonym Kellerkind abgelegt hat. "Rapper sagen 'No Homo', aber lutschen mir den Schwanz / Und danach putzen sie die Guns und küssen meine Hand", heißt es etwa in "Bei Tag".

Juicy Gay - Blaue Orchidee Aktuelles Album
Juicy Gay Blaue Orchidee
Der Fluch der Meme-Rapper.

Das Politische und Kritische geht dem Münsterländer also nicht ab: "In der deutschen Rapszene ist alles noch sehr steif", erklärt der Teenager 2015 im Interview. "Keiner traut sich wirklich, was zu sagen. Beleidigungen wie 'schwul' haben sich leider eingebürgert, genauso wie Wörter wie 'behindert' oder 'Spast'. Ich hoffe, dass das irgendwann ein Ende haben wird."

Auch der aggressive Track "Nazis Raus" ist für Deutschtrap-Verhältnisse erfrischend eindeutig. Mehr absurd-sarkastisch denn eindeutig politisch positioniert sich der Trapgaylord im Frühjahr 2015 mit dem Clip zu "Musik Ist Haram", in dem der zur Terrororganisation IS übergelaufene Berliner EX-MC Deso Dogg bei einer islamistischen Demonstration zu sehen ist.

Zu seinen Vorbildern rechnet Juicy Gay neben MoneyBoy die aktuellen US-Künstler Kanye West, Young Thug und den A$AP Mob. "Aber erst durch Money Boy habe ich gemerkt, dass Trap in Deutschland auch ein großes Ding werden kann, und habe selber damit begonnen", gibt er zu Protokoll.

Die alte Hip Hop-Schule dagegen ficht Juicy abseits seiner 90er-Rappersona Kellerkind, die weiterhin existiert, nicht sonderlich an: "Ich scheiß' auf Curses 'Zehn Rap Gesetze' / Denn der Opa hat heutzutage nur noch wacke Texte."

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