laut.de-Kritik

Auf der sicheren Seite - ein zu perfektes Tribute an Bill Withers.

Review von

José James zollt auf ganzer Albumlänge dem Soul-Songschreiber Bill Withers Tribut. Anlass für die Veröffentlichung war dessen 80. Geburtstag am 4. Juli 2018. Andere Altvordere sterben, José James wollte den Lebenden ehren. Das Projekt verfolgte José James schon länger. Er fragte Withers für das Cover-Album persönlich um Erlaubnis, und der wünschte ihm gutes Gelingen für "Lean On Me". Withers gehört für James in den "Olymp der Großen" unter den Songwritern.

Bill Withers neu zu vertonen umreißt aber ein ganz anderes Aufgabenfeld für einen Musiker, als etwa einen Bob Dylan zu covern. Withers eigene Aufnahmen waren stets sowas von perfekt, dass es im Grunde nichts hinzuzufügen gibt.

José James Interpretationen werden der Herausforderung nicht ganz gerecht, denn es gibt schon zu viele kreative andere Lösungen, aus den Songideen das letzte Quäntchen hervor zu kitzeln: Grace Jones mit ihrer Version von "Use Me" etwa, Will Smith mit "Just The Two Of Us", Blackstreet mit "No Diggity" (beruhend auf einem prägnanten Sample von Withers "Grandma's Hands"), "Lean On Me" neben vielen anderen Fassungen in der deutschen "Ich Bin Da" (Stefan Gwildis feat. Laith Al-Deen). Al Jarreau nahm schon 1987 ein ganzes Bill Withers-Tribute-Album auf. Zudem erschien alleine der Song "Ain't No Sunshine" in Hunderten Versionen, alle einander so ähnlich wie heutige Fußgängerzonen. Was macht José James? Wählt aus den verfügbaren über 100 Bill-Songs natürlich auch wieder "Ain't No Sunshine" aus. Oh weh!

Doch wenn jemand so scharf darauf ist, sein Vorbild zu covern und das Vorbild ihm freie Hand lässt, kann ja nicht alles schlecht sein. Die trancehafte Wiederholungsschleife der Songzeile "Back Damita, who is he and what is he to you?!" in "Who Is He" hat schon ihren Reiz. Vieles verpufft aber auch ansatzlos. "Who Is He" lebt von der Coolness der Lyrics. Als von Natur aus wandelbares Lied böte es sich gut für eine richtig kreative Coverversion an. An diesem Punkt fällt José James also (bei mir) durch.

"Lean On Me", der Titelsong, gelingt ihm vorzüglich. In "Lovely Day feat. Lalah Hathaway" paart sich die Lockerheit von José James Lead-Vocals und des Schlagzeugs mit der des von Lalah Hathaway übernommenen Parts. Lalah, Tochter des einst aus einem Hotelfenster gefallenen Soulstars Donny Hathaway, gibt an ihren wenigen Parts in dem Song einen neuen Anstrich. Die Jazzrapperin Akua Naru bezeichnete Lalah in mehreren Interviews als eines ihrer Vorbilder - jetzt für mich nachvollziehbar, denn ihr Nachhall ist stark.

"Better Off Dead" war kein so bekanntes Stück. Der rootsige, leicht psychedelisch gedrehte Funk an den Instrumenten macht diesen Beitrag zum wertvollsten auf der CD. "Just The Two Of Us" besticht im Original auf dem 1980er Album "Winelight" des Saxophonisten Grover Washington Jr. durch dessen Solo. Daneben hat der Text in seiner unbeschwerten Emotionalität und Zuversicht etwas extrem Freundliches und ist auch stirring, wie der Engländer sagen würde, so eine Mischung aus ergreifend, berührend und den Kopf verdrehend. José James behält alle Originalzutaten bei und setzt ans Ende des Covers eine kleine Jazz-Improvisation. Ab dem Moment hat er mich. Und jetzt mein Aufschrei des Entsetzens: Waaaaaa! Er blendet den Impro-Teil nach einer halben Minute ab.

Der Wunsch nach Überraschungen begleitet Musikfans zu Recht beim Entdecken von Cover-Interpretationen. José James setzt sich einen anderen Anspruch: "Ich wollte keine Hip Hop-Beats darunterlegen oder sie mit zehnminütigen Be Bop-Soli dekonstruieren. Es gab für mich nur einen richtigen Weg: mit einer Killerband ins Studio gehen, das Band laufen lassen, die Stimmung des Moments einfangen."

Klar, die Band inklusive Nate Smith am Schlagzeug und dem sicher teuer zu buchenden Pino Palladino am Bass erzeugt einen Hammer-Sound voller Tiefe und Trockenheit - alles ganz so, wie's gewollt war. Lenny Castro fügt auf einem der Songs Congas hinzu, eine Flöte bereichert das Album. Als fad erweist es sich nur, dass sich dieses Konzept völlig risikobefreit auf der sicheren Seite festklammert.

Dabei zeichnet sich das Album durch angenehme Wärme aus. Zum Beispiel perlt "Hello Like Before" honigsüß-verträumt und gefühlvoll. José James baut ein schönes Klaviersolo ein und nimmt sich Zeit für den Song. Doch es kommt nichts Freches, es passiert nichts Unerwartetes, und es entstehen nur selten Stimmungen, weil die Emotionen zu einstudiert und unspontan wirken.

So ist "Lean On Me" vielleicht ein Verlegenheitsgeschenk zu Weihnachten, es ist besinnlicher Souljazz und wohltuende Begleitmusik. Über die pragmatischen Seiten hinaus jedoch stagniert dieses handwerklich perfektionistische Tribute.

Schaut man sich zum Beispiel bei einem Namika-Konzert an, wie die junge Sängerin sich als Teil der "90s Kids" darstellt und im Vorlauf zu ihrem eigenen Song zu "No dig-gi-ty, no doubt" anstimmt, wie sie das Erbe von Bill Withers wirklich in ihr heutiges Leben integriert, dann springen Emotionen rüber. Diese Erfahrung habe José James live bei seinen eigenen Konzerten auch gemacht, meint er. So erzählt er, dass es sich wie "die ideale Kirche anfühlte: die Leute weinten, tanzten, sangen, schrien ...". Das würden wir hier gerne auch hören.

Trackliste

  1. 1. Ain't No Sunshine
  2. 2. Grandma's Hands
  3. 3. Lovely Day feat. Lalah Hathaway
  4. 4. Lean On Me
  5. 5. Kissing My Love
  6. 6. Use Me
  7. 7. Who Is He
  8. 8. Hello Like Before
  9. 9. Just The Two Of Us
  10. 10. Hope She'll Be Happier
  11. 11. The Same Love That Made Me Laugh
  12. 12. Better Off Dead

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