laut.de-Kritik

All you can eat, liebe Frickelfreunde.

Review von

Ein Platz in den Jahresabschlusslisten ist Jordan Rudess sicher. Dank Dream Theaters "Distance Over Time" vielleicht sogar in der Königsdisziplin "Bestes Album", ganz bestimmt aber bei "Schlimmstes Cover-Artwork". Ernsthafte Konkurrenz für Mr. Tornadobart (look closely!) sind hier aktuell nur die Jahrmarktherzen von Roulette. 'Hat ja mit der Musik nicht viel zu tun', könnte man meinen. Tja, schön wärs. "Wired For Madness" ist nicht nur optisch, sondern auch musikalisch zu verschwurbelt, überkandidelt, protzig und zumindest klanglich teilweise auch billig verarbeitet.

Als hätte man in 20 Jahren Dream Theater noch nicht genug Noten von Rudess gehört, startet er das Album mit einem 34-minütigen Frickelfest in zwei Teilen: "Wired For Madness Part 1" und "Wired For Madness Part 2". Zwar komponierte der Keyboarder die Übergänge zwischen den unzähligen, stilistisch unterschiedlichen Abschnitten (a-capella-Nerdiness, elektronisches Flimmern mit Frauengesang, Metalriffs von Dream Theater-Kollege John Petrucci, abgedrehter Zirkusprog, Jazz-Intermezzi mit Saxophon und Lounge-Piano, misslungener Dubstep-Ausflug, klassische Sinfonik und und und...) einigermaßen flüssig. In seiner Gesamtheit bleibt das Titelabenteuer trotzdem eine diffuse Ideensammlung – um nicht zu sagen ein wirrer Haufen. Nachvollziehbare, dramatische Struktur fehlt. Sogar die vermeintliche melodische Auflösung am Ende des ersten Teils, wo Rudess mit James LaBrie samtene Harmonien flicht, durchkreuzt er in letzter Minute noch einmal mit einem All You Can Eat-Büffet weirder Keyboard-Sounds.

Wenigstens in sich etwas fokussierter – ausgenommen das zerfahrene "Drop Twist" – geht es mit den folgenden, bedeutend kürzeren Tracks weiter. Durch "Perpetual Shine" sprudeln abgefahrene Notenkaskaden, die teilweise an Joe Satriani erinnern. "Why I Dream" biegt gen Fusion ab und Drummer Marco Minnemann, zeigt, wie viel Groove er aus krummen Takten holt. Weg vom Prog und mit viel Bläsereinsatz rein in den Swinging Pool gehts bei "Just Can't Win". Rudess zerstört den Groove mit Fingerübungen auf einem blechernem Reverb-Keyboard. Deutlich besser zum Song passt sein zweites Solo, das er auf klassischem Piano klimpert.

Für Musiker wird der Track besonders dank Joe Bonamassas Gastauftritt interessant. Der soliert nämlich erst bewusst an typischen Bluesskalen vorbei, packt dabei einige interessante Licks aus und erzeugt Spannung. Die Erlösung kommt im zweiten Anlauf, als er sich mit ganzem Gewicht in seine Komfortzone fläzt. Ein ähnliches Highlight gelingt Guthrie Govan in "Off The Ground". Der ehemalige Steven Wilson-Gitarrist veredelt den Song mit unverkennbarem Ton und bending-lastigem Legato.

Das Problem bleibt: Technisch ist Rudess auf "Wired For Madness" über alle Zweifel erhaben, bietet aber wenig darüber hinaus. So schnell wie sie kommen, sind die Noten in den allermeisten Fällen auch wieder vergessen, Govans Sahnesolo versinkt in einer abgesehen davon völlig unspektakulären Standard-Ballade, wie sie seit Jahrzehnten auf durchschnittlichen Prog-Rock-Platten stehen. Sogar noch generischer gerät die zweite, an Pink Floyd angelehnte Ballade "Just For Today". So schön zart die Klavierakkorde hier auch perlen, die Melodien haften nicht. Das liegt teils auch daran, dass Rudess das Album mit einem schier endlosen Vorrat an sich ständig abwechselnden Keyboard-Sounds bombardiert – von denen die Hälfte wegen allzu digitalen, unnatürlichen Klangs in den Ohren schmerzt.

Wenigstens einige dominante, charakteristische Töne herauszukristallisieren hätte "Wired For Madness" ungemein geholfen – siehe Guthrie Govan. Das Masseproblem verfolgt Rudess auch bei seinen Soli: Durch Überangebot, Dauerfeuer und ständig ohne ersichtlichen Grund wechselnde Sounds schmälert er seinen eigenen Impact. Ein Spotlight, das die gesamte Show lang gleißend hell strahlt, verfehlt seinen Zweck.

Ob "Wired For Madness" sich lohnt, liegt letztlich vor allem am Hörer. Die Scheibe ist eine Feier keyboarderischer Möglichkeiten und bunt beleuchtete Zeremonie für Instrumental-Enthusiasten, die auf Prog-Virtuosität in all ihrer Verschrobenheit und manchmal etwas zu arg funkelndem Glanz stehen. Darunter leidet der Mehrwert der Kompositionen über die spieltechnische Dimension hinaus. Zwar sind die spielerischen Parts beeindruckend, doch weder klingen sie besonders gut noch sind sie in ansprechende Songs verpackt. Das Album als geschlossenes musikalisches Werk zu genießen, fällt deshalb schwer. Fragmentesammlung mit völliger Narrenfreiheit trifft es besser.

Trackliste

  1. 1. Wired For Madness Part 1
  2. 2. Wired For Madness Part 2
  3. 3. Off The Ground
  4. 4. Drop Twist
  5. 5. Perpetual Shine
  6. 6. Just Can't Win
  7. 7. Just For Today
  8. 8. Why I Dream

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3 Kommentare

  • Vor 7 Monaten

    Das Großartige an Distance Over Time ist ja, dass sich JR wirklich zurück hält und auch beim Songwriting einiges an Schmalz und Butter im Gigbag gelassen hat.
    Deswegen bin ich nicht unbedingt scharf auf seine Soloarbeiten und enthalte mich nach einmaligem Hören eines belastbaren Kommentars. Zum Artwork: Ich hätte das gerne mit meinem Gesicht für mein What's App Profil. Wo kann ich ein Bild von mir hochladen?

  • Vor 7 Monaten

    Also ich bin so ein bisschen hin und her gerissen. Natürlich muss ich der Review auch zustimmen was den Frickel- und Show-Off-Faktor angeht. Andererseits bin ich als "gelernter Keyboardspieler" auch echt begeistert von den immer wieder neuen Klängen, die Rudess aus dem Ärmel schüttelt. :-D Mir gefällt das auch besser als DT mittlerweile (vor allem weil LaWeichkäse nicht dabei ist). Instrumental gefiel mir das eh immer besser, auch schon bei LTE damals. Wenn man grundsätzlich auf vertrackten Frickelprog steht ist das schon ziemlich gut gemacht alles, auch wenn Jordan immer wieder auf bereits bekannte Harmonieführung und Licks setzt - wenn die allerdings gut sind, ist das ja auch in Ordnung so.
    Es gab von ihm mal so kurze 2-minütige Videos auf YouTube, wo er so ethno-world-musik gespielt hat - von sowas würde ich mir mal mehr Einflüsse wünschen. Das war echt gut!
    2/5 für Leute, die mit so ner Mukke generell nix anfangen können. Für mich 3,5-4/5 :)

  • Vor 7 Monaten

    Ich liebe Prog - aber im Idealfall ohne songundienliches Gefriggel. Und wenn gefriggelt wird, dann so kurz wie nur möglich. Von daher ist das wohl nichts für mich.