laut.de-Kritik

Filthy Frank kann auch gut den Sadboy geben.

Review von

Es ist doppelt schwer, sich in einem neuen Metier zu beweisen, wenn man den Leuten schon aus einem anderen bekannt ist. Ganz besonders dann, wenn die beiden künstlerischen Domänen, in denen man sich austoben will, diametrale Gegensätze zueinander sind. Trefft deshalb Joji, das japanisch-australische Multitalent, das vor seinem Werkeln im alternativen R'n'B-Kosmos vor allem im Internet als Filthy Frank bekannt war.

Wer den tatsächlich bisher verpasst hat, hier in Kurzfassung: Tote Rattenbabys, Selbstmord als zentrales Motiv seiner Comedy und Videos, in denen er im pinken Ganzkörperanzug Passanten anbrüllt. Dass der Schritt zum ernsten Musiker nicht der selbstverständlichste ist, erklärt, warum seine erste EP "In Tongues" da fast schon ein bisschen überkompensieren musste, warum die tiefschwarze Melancholie und der Trap-Minimalismus so exzessiv um das Herz von Sadboys weltweit buhlte.

Sein Debutalbum "Ballads 1" scheint da einen Schritt zu sich selbst darzustellen. Auf Albumlänge schwelt Joji zwar weiterhin zumeist in etwas juvenilem Beziehungs-Melodrama, zeigt aber musikalisch deutlich mehr Facetten als noch auf der vorigen EP. Dass dabei die Intensität seiner sehr eigenwilligen, formlosen Stimme nicht im Geringsten einbüßt, ist eine bemerkenswerte Leistung.

Songs wie "Slow Dancing In The Dark" oder "XNXX" geraten in ihrem Kontrast aus bombastischen Chorus und hypnotischer, psychedelischer Synthesizer-Arbeit mitreißend. In seinen besten Momenten beweist Joji genug stimmliches Talent, um die Form einer Ballade voll und ganz zu tragen und dem eher durchwachsenen Trap-Soul-Genre die nötige Tiefe und Persönlichkeit zu geben.

Trotzdem fällt er vielleicht etwas zu oft auf diese Formel zurück. Titel wie "Wanted U" oder "Come Thru" unterfüttern ihr niedriges Tempo nicht mit dem angemessenen Pathos und bleiben deswegen eher generisch in der Tracklist. Auch Songs wie "Why Am I Still In LA?" und "No Fun" kommen musikalisch nicht ganz aus ihrem eigenen Saft, auch wenn sie inhaltlich dank zynischen Prämissen eigentlich einen interessanten Biss mitbringen. Sich darüber aufzuregen, dass die Freunde nicht die Afterhour der Afterhour der Afterhour mitnehmen und sie deswegen für ihre Spießigkeit anzupampen, während man selbst stimmlich bereits mehr oder weniger nach Wachkoma klingt, ist ein Move, der zu Unrecht noch nie in einen Song verdichtet wurde.

Trotz der Längen gestaltet "Ballads 1" ein paar interessante Ausreißer-Momente. "Can't Get Over You" ist ein absoluter Standout, der dank der Produktion von Clams Casino und einer Bassline von Thundercat eine dringend benötigte Up-Tempo-Injektion in die Platte darstellt. "R.I.P." mit Trippie Redd leidet etwas unter zu klotziger Produktion, aber die Synergie zwischen Trippie und Joji scheint dennoch durch.

"Ballads 1" beweist ein Stück weiter, dass Joji es durchaus verdient, als Musiker ernst genommen zu werden. Die Highlights wie "Slow Dancing In The Dark" oder "Can't Get Over You" schaffen es fast im Alleingang, die gesamte Platte zu tragen und auch auf den anderen Tracks tummeln sich genug interessante Vocal-Melodien, Produktionsideen und kurze Momente, die das Album zu einem spannenden Hördurchgang machen. Würde der Mann sich jetzt trauen, seine Formel noch weiter aufzufächern, dürfte man ihm in Zukunft durchaus Potential für noch weiteres Wachstum attestieren.

Trackliste

  1. 1. Attention
  2. 2. Slow Dancing In The Dark
  3. 3. Test Drive
  4. 4. Wanted U
  5. 5. Can't Get Over You (feat. Clams Casino)
  6. 6. Yeah Right
  7. 7. Why Am I Still In LA (feat. Shlomo & D33j)
  8. 8. No Fun
  9. 9. Come Throu
  10. 10. R.I.P. (feat. Trippie Redd)
  11. 11. XNXX
  12. 12. I'll See You In 40

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