laut.de-Kritik

Alles beim Alten, Nazis aufs Maul.

Review von

"Ich weiß ja nicht, was es bedeutet", krakeelen die Gören durchs "Intro" der "Mausmission". "Aber es klingt cool." In Johnny Mausers Fall scheint die lauthals herbeiskandierte "Anarchie, Anarchie!" darin zu bestehen, auf jede althergebrachte Erkenntnis, wie man eine Hörerschaft in seinen Bann zieht, gepflegt zu scheißen. Den längsten und zugleich langatmigsten Track der ganzen Platte an ihren Anfang zu setzen: eine fragwürdige Entscheidung.

Der Beat weckt zwar fast verschüttete, deswegen nicht weniger willkommene Erinnerungen an "Koyaanisqatsi". Das täuscht aber nur bedingt lange darüber hinweg, dass die Selbstinszenierung als "bester Sprüher, der außerdem noch spitten kann" (oder eben "der einzige MC, der hier wirklich noch Graffiti kann") zwar glaubwürdig rüberkommt, aber halt trotzdem nur Stoff für knapp zwei Minuten liefert.

"Hör Mal Wer Da Hämmert" dauert derer aber vier, was bedeutet: Mindestens die Hälfte der Spielzeit dreht sich Johnny Mauser in Wiederholungen im Kreis. Nach der Einleitung und der Eröffnungsnummer hat er nachhaltig den Eindruck erweckt, er könne zwar ganz ordentlich rappen, habe über die Beteuerung dieses Umstands hinaus aber wenig zu sagen. Total bescheuert, das. Weil es schlicht nicht stimmt.

Genau wie den anderen neonschwarzen Genossen kann man Johnny Mauser manches vorwerfen, jedoch keinesfalls einen Mangel an Haltung. Auch mit seinem Alleingang positioniert er sich wieder furchtlos und entschieden weit, weit links außen. Im Septembersonnenschein nimmt er Anlauf und steuert sein "Cabriolet" auf schönstem Westcoast-Vibe dahin, wo es zur Abwechslung einmal nützlich ist: "mit 120 Sachen in den Stand der AfD".

Mauser prangert - unter anderem in "Daddy" - an, was nicht nur hierzulande, sondern Europa- und weltweit gerade wieder besonders hässliche Blüten treibt: Umweltzerstörung, Profitgier, Zensur, nationalistisch-rassistisch vernagelte Denke, rechte Hetze, Rücksturz ins Mittelalter auf allen Ebenen. "Boomerang" etwa warnt mit bedrohlichen, in der Hook dramatisch aufgerüschten Streichern vor der Quittung, die vielleicht spät, ganz sicher aber doch irgendwann eintrudeln wird.

Unentwegt nur das große Drama zu erörtern, geriete aber einigermaßen anstrengend. Deswegen wechselt Johnny Mauser immer wieder die Perspektive. Wenn er vom "Mond" aus mit dem Fernglas aufs Weltgeschehen kuckt, stört eigentlich nur die Hook, und das vermutlich auch nicht jeden. Der dezente Reggae-Vibe, der auch irgendwo tief drinnen im träge verschleppten "Montag" steckt, geht mehr als klar. Der Gesang ist halt einfach nicht so wirklich mein Fall.

"Mir Geht Es Gut" entsendet Grüße an Eins Zwo und weckt leise Wehmut beim Gedanken an die Zeit, in der der DJ vor dem MC auf dem Flyer stand - und das, obwohl Dendemann damals fraglos noch einer von den derbsten Reimern war. Lang ists her.

So richtig blüht Johnny Mausers "politisch motivierte Sprachgewalt" aber erst in der zweiten Hälfte des Albums auf. Eingeleitet von besagtem "Boomerang", drängeln sich da nicht nur plötzlich die Tracks mit Aussage, sondern es geht auch musikalisch noch einmal eine gute Portion abwechslungsreicher zur Sache.

Von den gespenstischen Vibes in "Daddy" über den Chillout-Nachschlag von "Delfine" und die Cabrio-Ausfahrt an die Westküste führt der Weg über nervös frickelnde Elektronik ("Krise") zurück in den "KDT". Zuhause ist es halt doch am schönsten. Vor allem, wenn dort ungebrochen gilt: "Alles beim Alten, Nazis aufs Maul."

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Hör Mal Wer Da Hämmert
  3. 3. Mond
  4. 4. Mir Geht Es Gut
  5. 5. Montag
  6. 6. Boomerang
  7. 7. Sei Still
  8. 8. Daddy
  9. 9. Delfine
  10. 10. Cabriolet
  11. 11. Krise
  12. 12. KDT
  13. 13. Je Ne Sais Pas

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