laut.de-Kritik

Am Scheideweg zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Review von

Was für eine Sensation! Ein halbes Jahrhundert nach John Coltranes Tod erscheint mit "Both Directions At Once: The Lost Album" ein brandneues, taufrisches und nie zuvor veröffentlichtes Studioalbum. Dessen musikhistorische Bedeutung kann man nicht hoch genug bewerten. Qualität und Hintergrundstory der 55 Jahre lang verschollenen Aufnahmen stehen dem archäologischen Paukenschlag in nichts nach.

New Jersey am 6. März 1963: Die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung steckt in den Kinderschuhen, Präsident Kennedy lebt noch. Für John Coltrane ist diese Zeit in besonderer Hinsicht speziell. Privat erlebt der sensitive Musiker eine Phase des Umbruchs, die sich auf seine Kunst auswirkt. Gerade lernt er seine zukünftige Ehefrau Alice kennen, verliebt sich und wird kurz nach dieser Session seine bisherige Gattin Naima (für die er 1956 die gleichnamige, kultisch verehrte Ballade schrieb) verlassen.

In seinem Spiel sieht es ähnlich aus. Das erfolgreiche Ensemble mit Miles Davis liegt genau so hinter ihm wie etwa die nicht minder faszinierende Kollabo mit Duke Ellington. Großtaten wie "Sun Ship", "Ascension" oder der Meilenstein "A Love Supreme" sind im wahrsten Sinne des Wortes noch Zukunftsmusik. Nur einen Tag nach diesen Aufnahmen wird der manisch arbeitende Coltrane seine bedeutende Arbeit mit Johnny Hartman einspielen.

An diesem einen Tag jedoch läuft alles anders. Im sagenumwobenen Van Gelder-Studio legt das klassische Quartett mit McCoy Tyner, Jimmy Garrison und Elvin Jones entfesselt los und spielt wie im Rausch eine komplette Platte ein. Auch den Albumtitel wählt Trane mit Bedacht, da er sich bewusst ist, im Leben wie in der Kunst am Scheideweg zwischen Vergangenheit und Zukunft zu stehen.

Tragischerweise kam das Masterband abhanden. Die Versionen des Geschehen gehen auseinander. Einige behaupten, Mixer Rudy van Gelder habe das Tape versehentlich zerstört. Andere glauben, das Label habe den Tonträger unachtsam weggeworfen. Noch kurioser: Trane nahm einen Abzug mit nach Hause, der ebenfalls im Kuddelmuddel der sich auflösenden Ehe verschwand und vergessen wurde. Eher zufällig entdeckte Naimas Familie das Band 2017 im ihrem Nachlass.

Die spirituelle Parallele hätte Trane gefallen. Genau wie große Teile seiner Musik auf der Inspiration beider zentraler Frauen beruhen (mit Naima blieb er nach der Trennung eng befreundet), treffen auch hier beide Energien aufeinander. Die Familie aus erster Ehe holte den Fund ans Licht. Sohn Ravi - aus zweiter Ehe - half bei der Nachproduktion und ermittelte die chronologische Originalreihenfolge der Stücke.

Es gibt kein einziges schlechtes oder auch nur mediokres Coltrane-Album. Diese Lieder bilden keine Ausnahme. Spielfreude und Ideenreichtung der Viererbande klingen auch heute noch so berückend wie damals. "Untitled Original 11383" und "Untitled Original 11386" sollten das Herz jedes Fans bis zum Halse schlagen lassen. Ersteres ist ein Fest für Freunde des Bass-Solos.

Letzteres wirkt besonders, weil es das Grundthema zwischen den einzelnen Solo-Ausflügen immer wieder aufnimmt. Solch refrainartiges Strukturieren war damals unüblich und verleiht dem Lied trotz ausufernder Improvisationsfreude eine auflockernde, erheiternde Eingängigkeit. Beides zusammen ergibt großes Entertainment.

"Impressions" und "Nature Boy" existieren sonst nur als Livepressungen. Hier gibt es Studiofassungen. Bei "Nature Boy" - erstmal gesungen von Nat King Cole - handelt es sich um einen der renommiertesten Standards überhaupt. Bis hin zu David Bowies gelobter Variante existieren zahllose Einspielungen. Coltranes schroffer Ansatz kommt hier meines Erachtens nicht ganz an intensive Emotionsbomben von Kollegen wie dem Modern Jazz Quartet oder Art Pepper heran.

Deutlich interessanter klingt "Vilia" aus Franz Lehárs Operette "Die Lustige Witwe". Unglaublich, mit welcher Lässigkeit sie die Nummer aus ihrem stilistischen Kontext brechen. "One Up, One Down" rast als schmissiger Bebop ins Ohr und erinnert an hektische Verfolgungsjagden im Chicago der Gangster. Coltrane spielte den Song live als Hommage gen Charlie Parker, nahm es aber nie regulär auf. Mit der Sahneschnitte "Slow Blues" rundet sich das Bild ab.

Trackliste

  1. 1. Untitled Original 11383
  2. 2. Nature Boy
  3. 3. Untitled Original 11386
  4. 4. Vilia
  5. 5. Impressions
  6. 6. Slow Blues
  7. 7. One Up, One Down

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1 Kommentar

  • Vor 4 Monaten

    Ausgesprochen zugänglich (Interpretation des Millionensellers "Nature Boy" inklusive) im Vergleich zu der erhabenen, spirituellen Aura des Nachfolgers "A Love Supreme", aber ein klasse Sensationsfund aus der Hochphase eines Genies.