Porträt

laut.de-Biographie

Joe Rilla

Radio kann eine feine Sache sein. Schon so manchen hat die kluge Auswahl kundiger Radio-DJs auf den richtigen Pfad geführt. Joe Rilla, Berliner Rap-Schwergewicht, Ex-Analphabet sowie Gründer und Inhaber von Alpha Beatz Musikproduktion und Ostblokk Plattenbau, startet seine Hip Hop-Karriere als Radiohörer, und das in Zeiten lange vor laut.fm.

Doubletime: Corona-Party mit Strippern
Doubletime Corona-Party mit Strippern
Ach, Blueface ... andere Rapper übernehmen "Fortnite", dissen zehn Minuten lang Fler oder arbeiten jetzt als Türsteher, wie Massiv.
Alle News anzeigen

1985 in Ostberlin: Hagen Stoll lauscht dem Jugendradio DT64, als ihm Moderator Andre Langenfeld eine völlig neue Welt eröffnet. Wie jeder Hip Hop-Addict weiß, bergen die Platten von EPMD, Public Enemy und Konsorten ein immenses Suchtpotenzial. Stoll ist sofort am Haken. Er sammelt, was er bekommen kann und beginnt, die Texte mitzurappen.

Filme wie "Wild Style" und "Beat Street" zeigen weitere Möglichkeiten, das Leben in den Plattenbausiedlungen Marzahns bunter zu gestalten. Besonders letzterer läuft, um den Ost-Kids die dramatischen Zustände in der westlichen Welt warnend vor Augen zu führen, im DDR-Fernsehen rauf und runter und verfehlt seine Wirkung offenbar nicht.

Zum Rap gesellt sich auch bei Stoll eine Leidenschaft für Graffiti. Die ersten Tags zieht er in den späten 80ern. Um 1990 ist er Mitglied der über die Stadtgrenzen Berlins bekannten Writer-Crew CAF und ersprüht sich ein festes Standbein in der Hip Hop-Szene.

Joe Rillas Interesse an der anderen Disziplin, dem MCing, flammt wieder auf, als er 1994 die Bekanntschaft von DJ Danetic macht. Er beginnt zunächst, auf Englisch eigene Texte zu verfassen. 1997 schließt er sich mit Dave Q und MC Poise zu Da Mash zusammen, die Crew veröffentlicht noch im selben Jahr das Album "Plus & Minus".

Gemeinsam mit Joy Denalane und MC Poise sammelt er (unter dem Namen Family Affair) auf einer Tour quer durch Europa jede Menge Live-Erfahrung. Der Release seines Solo-Debüts ist nur eine Frage der Zeit: 1998 gelangt "Zeitgeist" auf den Markt.

Mit seinem alten Weggenossen Danetic produziert Joe Rilla mehrere Tapes. 1999 schließen sich die beiden mit SMC und DJ N.Y.C.O. zu den Analphabeten zusammen. In wechselnder Besetzung veröffentlicht die Truppe bei Upgrade Records eine EP ("Waz Louz", 1999) und zwei Alben ("... Punkt!" und "1Deutige 2Deutigkeiten", beide 2001). 2001 begeben sich die Analphabeten unter anderem gemeinsam mit Pyranja und Azad auf Tournee. Die Kritiken fallen positiv aus: Joe Rilla sieht sich am Ende mit dem Angebot von 3p konfrontiert, Azads Debüt-LP abzumischen.

Diese und weitere Anfragen münden in der Gründung der eigenen Firma Alpha Beatz Musikproduktion, die Joe Rilla gemeinsam mit seinem Kollegen Andreas Petsch aka Mesa betreibt. Alpha Beatz mit Sitz am Potsdamer Platz blickt (unter vielen anderen) auf Kooperationen mit Mista Sinista, Curse, Zion I, Pyranja, Harris, Phlatline, Karibik Frank und Aggro Berlin zurück. 2003 entstehen zudem Label und Vertriebsplattform Ostblokk Plattenbau.

Gemeinsam mit einer Münchener Produktionsfirma sowie Rapper DraQ zeichnen Alpha Beatz für die (seit der Werbekampagne einer führenden Fastfood-Restaurant-Kette allgegenwärtige) Single "Ich Liebe Es" verantwortlich. Joe Rilla stellt darüber hinaus den Supportact der Aggro-Ansage-4-Tour. Als Vorbereitung auf sein Album veröffentlicht er 2005 vorab das Mixtape "Gunz Nach Oben".

Für "Aus Der Platte Auf Die Platte" holt sich Joe Rilla die komplette Aggro-Familie ins Boot. Wie er sagt: "Künstler, mit denen ich schon immer arbeiten wollte". Den Großteil der Beats stellt der "Dikke vom Blokk" selbst, lediglich für zwei Tracks holt er sich Unterstützung bei den Kollegen von den Beathoavenz. Die Tour zum Album soll Joe Rillas Position im Deutschrap demonstrieren: der letzte tighte Ostler, auf der Straße zum Erfolg.

In den nächsten beiden Jahren zieht er sich allerdings wieder weitgehend hinter das Mischpult zurück. Beats aus Joe Rillas Schmiede hört man unter anderem auf Snaga und Pillaths "Aus Liebe Zum Spiel", bei Alpa Gun ("Geladen Und Entsichert") oder auf B-Tights umstrittenen "Neger Neger" betitelten Oeuvre.

Die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Aggro Berlin setzt sich fort. Der Ostblokk-Boss geht erneut mit Künstlern des Westberliner Labels auf Tour und quirlt zahlreiche Singles von Aggro-Künstlern durch den Remix-Fleischwolf. Im November 2007 moderiert er eine Ausgabe von Aggro TV. Die logische Konsequenz: Sein eigenes Album "Auferstanden Aus Ruinen" erscheint im gleichen Monat ebenfalls über Aggro.

Haudegen - Blut Schweiß & Tränen
Haudegen Blut Schweiß & Tränen
30 Songs: Eine Album-Trilogie mit Schwächen im Mittelteil.
Alle Alben anzeigen

Mit dem Titel wolle er nicht nur auf seine ostdeutsche Herkunft anspielen, betont Joe Rilla im Interview mit mzee.com: "Vor zwei Jahren war ich am Ende, denn ich habe ein Kind verloren. Wenn du ein Kind verlierst, verlierst du den Sinn des Lebens, das ist wie Stillstand. Jetzt bin ich wieder hier und fühle mich, als wäre es mein erstes Album ... eben 'Auferstanden Aus Ruinen'."

Seine persönliche Tragödie verarbeitet er auf seinem Longplayer, der sich auch sonst stark auf seine Person konzentriert. Neben Shizoe, der zwei Hooklines beisteuert, ist Fler als einziger Besucher zu hören. "Ich denke, das Album kommt bestens ohne weitere Features aus", so der Gastgeber.

An den Reglern teilt sich Joe Rilla aber diesmal die Arbeit: Shuko, DJ Shusta, DJ Desue und die Goofiesmackerz leisten musikalische Schützenhilfe, die nahezu durchgehend für eine beklemmende, finstere Atmosphäre sorgt.

Eigentlich hätte auch sein Album "Deutsch-Rap-Hooligan" bei Aggro Berlin erscheinen sollen, es kam jedoch anders. Die Platte, auf der sich Joe Rilla mit seiner eigenen Geschichte als Hooligan befasst, veröffentlicht er 2008 auf eigene Faust.

Gleiches gilt für das im Jahr darauf folgende Fan-Album "Loyalität". Darauf versammelt Joe Rilla nach eigener Aussage Tracks aus den letzten Jahren, die es auf keines seiner regulären Alben geschafft haben.

Das wars dann auch für ziemlich lange Zeit mit dem Hip Hop. Joe Rilla mottet 2010 seinen Künstlernamen ein, nennt sich fortan wieder, wie es in seinem Ausweis steht, Hagen Stoll und hebt zusammen mit seinem langjährigen Freund Sven Gillert das Rock-Duo Haudegen aus der Taufe: der Beginn einer über Jahre währenden Erfolgsgeschichte.

Auch sein Solo-Album "Talismann" veröffentlicht Hagen Stoll 2014 unter seinem bürgerlichen Namen. Von Rap auch hier keine Spur. Dennoch ... seine alte Liebe wird man eben nicht so ohne weiteres los.

Sein Kollabo-Track mit der 187 Strassenbande aus dem Jahr 2011 liegt schon einige Jahre zurück. Deswegen kam die Ankündigung "Sag ihnen, Rilla ist zurück" im Sommer 2019 für die meisten wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

... und wie der zurück ist, allerdings ist der Joe irgendwo unterwegs auf der Strecke geblieben. Schlicht unter dem Namen Rilla legt der Rapper in Hagen Stoll im November mit "Platte" ein Comeback hin, das sich gewaschen hat.

Das wendet sich gleichermaßen an die Nostalgiker und Fans von früher wie an die nächste Generation. Alle miteinander lässt Rilla unmissverständlich wissen: "Kein Respekt vor der Vergangenheit? Dann hast du keine Zukunft verdient."

News

Alben

Surftipps

1 Kommentar mit 2 Antworten

  • Vor 6 Monaten

    "Platte" ist übrigens n richtiges Brett geworden. Ging wohl leider auf Grund anderer starker Releases etwas unter. Aber Produktion und Atmosphäre sind echt top. Erstes Rilla Album, dass man wirklich am Stück durchhören kann.

    • Vor 6 Monaten

      Bin auch gerade dabei.
      Aufgrund seiner weichen Seite die man von Haudegen kennt stellt sich hier allerdings die Frage nach der Realness?!
      Und da wir schon dabei sind....ist
      er eigentlich diqq wie dieser Manuellsen oder hat er nur ein diqques Möhrengesicht wie dieser Fler?

    • Vor 6 Monaten

      Also auf Grund der Sachen, die man gehört hat, würde ich Ihn das nicht persönlich fragen. :D
      Aber über Realness muss man bei Rilla nicht ernsthaft reden, denk ich.
      Abgesehen davon war sein Hagen Stoll Album besser als alle Haudegen Alben zusammen.