laut.de-Kritik

Songs wie verstreute Seiten aus einem guten Buch.

Review von

Im Mai 2019 gab der Produzent und Singer/Songwriter bei einem Auftritt bekannt, an Krebs erkrankt zu sein. "Es gibt Zeiten im Leben, in denen dir der Wind den Hut vom Kopf bläst. Dann musst du ihm auf der Straße hinterherlaufen, ihn abklopfen und wieder aufsetzen", erklärte Henry, der selten ohne Kopfbedeckung auftritt. Die Therapie zeige zum Glück Wirkung, er sei zuversichtlich.

Er spielte auch Lieder, die er nach der Diagnose im vorangegangenen Herbst geschrieben hatte. Nur eine Auswahl, denn die Songs seien nur so aus ihm heraus geflossen. Mit kleiner Begleitung ging er im Anschluss für zwei Tage ins Studio, um Demos aufzunehmen. Diesmal nicht im eigenen, sondern bei Groundlift Research and Development, das sein Freund Steinar "Husky" Hoskulds betreibt. Die Studiozeit war ein Dankeschön für ein Klavier, das Henry ihm nach einem Umzug geschenkt hatte.

Als Henry sich die Aufnahmen anhörte, stellte er fest, dass er nichts mehr hinzuzufügen hatte und beschloss, sie ebenso zu veröffentlichen. Was im Prinzip nichts Neues ist, schließlich ist es ein Merkmal seiner Alben, sowohl als Produzent als unter eigenem Namen, den besonderen Augenblick einzufangen. Der entsteht nicht bei endlosen Sessions und Dutzenden Overdubs, sondern beim gemeinsamem Musizieren. Die Aufnahme ist in der Regel schnell durchgezogen, sobald alle Anwesenden aufeinander abgestimmt sind.

Und doch ist "The Gospel According To Water" anders als der Vorgänger "Thrum" (2017). Einerseits ist es noch minimalistischer, denn neben Henrys aufgekratzter Stimme sind im Wesentlichen nur zwei Akustikgitarren, ein Klavier und sein Sohn Levon an Klarinette und Saxophon zu hören. Andererseits klingt es lebensbejahender. Das mag merkwürdig erscheinen, doch Henry hat noch nie autobiographische Lieder geschrieben. Natürlich fließt sein Gemütszustand in seine Musik, anders könnte es bei einem Künstler nicht sein, doch der war trotz Diagnose und Therapie positiv. "Das ist nicht ein Hindernis auf meinem Lebensweg. Genau das hier ist mein Lebensweg", erzählte er der Los Angeles Times nach dem Auftritt.

Ein Lied wie "Surfin' USA" oder "Rock'n'Roll All Night" werden wir von Henry vermutlich nie hören, doch das beste Stück des Albums, "Green Of The Afternoon", klingt für seine Verhältnisse schon fast gut gelaunt. In "The Fact Of Love" und "In Time For Tomorrow" ist souliger weiblicher Hintergrundgesang zu hören. Neben Sohn Levon zeichnen sich auch John Smith (Gitarre) und Patrick Warren (Klavier) durch kreative Spielfreude aus.

Bei den Melodien hat sich Henry diesmal an bereits Vorhandenem orientiert. Das fällt besonders bei "Book Of Common Prayer" auf, das stark an Glen Campbells "Gentle On My Mind“ erinnert. "Bloom" könnte auch ein Auszug aus Bob Dylans Album "Blood On The Tracks" sein, wie auch "Salt And Sugar", dessen Refrain im Prinzip aus "It's All Over Now, Baby Blue" stammt.

Nicht die schlechtesten Vorbilder. Der Klang des Albums ist wie bei Henry gewohnt hervorragend und vermittelt den Eindruck, als säße man mitten drin. Genau dazu lädt dieses nachdenkliche, dennoch zugängliche 15. Werk Henrys ein, der im Booklet nach wie vor darüber grübelt, was das Wesen seiner Lieder sein möge. "Woher ein Song kommt, ist nicht das, was ein Song ist. Sie alle entgleiten mir, sobald ich sie spiele. Wie Seiten, die aus einem Buch fallen, dessen Rücken aufgebrochen ist. Jeder Song erzählt seine eigene Geschichte, während er sich verstreut, völlig unabhängig von meiner eigenen".

Trackliste

  1. 1. Famine Walk
  2. 2. The Gospel According To Water
  3. 3. Mule
  4. 4. Orson Welles
  5. 5. Green Of The Afternoon
  6. 6. In Time For Tomorrow
  7. 7. The Fact Of Love
  8. 8. Book Of Common Prayer
  9. 9. Bloom
  10. 10. Gates Of Prayer Cemetery #2
  11. 11. Salt And Sugar
  12. 12. General Tzu Names The Planets For His Children
  13. 13. Choir Boy

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