laut.de-Kritik

Mit neuen Märchen ziehen Rollenspieler in die Schlacht.

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Auf "Rübezahl" von 2018 folgt nun "Rübezahls Rückkehr": Joachim Witt denkt auch mit 71 Jahren nicht ans Aufhören. Dafür befindet sich die Welt zu sehr in Schieflage. Mit den elf Stücken kommentiert der Hamburger den Irrsinn auf dem Planeten. Dass Witt hierfür eine poetische Fantasy-Roman-Sprache nutzt, wirkt auf die einen anziehend, während es andere wohl eher abschreckt.

"Ich bin zuhaus ewiglich und im kleinsten Augenblick / Dort, wo deine Füße stehen, bin ich zuhaus / In Dunkelheit, ohne Licht, in jeder Leere find' ich dich / Denn du trägst tief in dir, was mich bricht", singt Witt, begleitet von einem orchestralen Streicher-Arrangement. Wer den NDW-Star nur als "Goldenen Reiter" kennt, wird sich über die Entwicklung der letzten drei Dekaden wundern. Witt hat sich zur grauen Eminenz des Deutsch-Metals gemausert.

Auf Nummer sicher geht der Ruhestand-Verweigerer trotzdem nicht. Mittelalter-Rock, Dark Wave, Industrial und Schlager: Auf "Rübezahls Rückkehr" mischt er die Genres wild durcheinander. Klavier und Streicher bilden dabei die durchgängige Grundlage. Spannend wird es, wenn Witt elektronische Elemente einsetzt: "Geist An Das Licht" eröffnet mit einem aufgedrehten Distortion-Effekt, "Gib Mir Den Himmel" setzt auf Percussions aus dem Computer.

Witts tiefbrummige Stimme erinnert an Rammstein-Sänger Till Lindemann. Ähnlich kontrovers geht es inhaltlich bei Rübezahls Comeback allerdings nicht zu. Ein Stück wie "Kopfschwul" mag verwirren, entpuppt sich aber als harmloser Themensong zu einem wenig behandelten Phänomen: Männer, die geistig besser mit anderen Männern können, aber körperlich auf Frauen stehen. Dass Witt gar nicht vor den Kopf stoßen möchte, unterstreicht er mit "Wo Blüht Der Mohn", einem Aufruf zu mehr Einigkeit.

Den markanten Vortragsstil zeichnet nicht nur Witts bärbeißiges Organ aus. Mal singt er die Refrains wie ein Max Raabe in Metal-Kutte, mal spricht er die Strophen wie ein fieser Märchenonkel. Trotz aller Härte und Kontraste geht "Rübezahls Rückkehr" ins Ohr. Die Kompositionen klingen melodiös und die Kehrverse nehmen wie in "Ich Bin Immer Noch Hier" fast unangenehm poppige Züge an.

Auch auf seinem nunmehr 17. Studioalbum zeigt Witt keine Spur von Altersmüdigkeit. "Wenn die Adler die Gipfel umkreisen und die Tränen Geschichten verklären / Junge Männer die Wahrheit erfinden und Teufel gebären", singt er in "Zora" bezogen auf die "Neue Rechte". All das bedient trotz inhaltlicher Sympathiepunkte allerdings eine musikalische Nische. Wer in einer anderen Welt eine Ausbildung zum Orkschlächter antreten würde, füllt zu "Rübezahls Rückkehr" das Berichtsheft aus.

Trackliste

  1. 1. Geist An Das Licht
  2. 2. Kopfschwul
  3. 3. Die Rückkehr
  4. 4. Schmerzende Welt
  5. 5. Gib Mir Den Himmel
  6. 6. Steinzeit
  7. 7. Ich Bin Immer Noch Hier
  8. 8. Wo Blüht Der Mohn
  9. 9. Zora
  10. 10. Rote Tränen
  11. 11. Windstille

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