laut.de-Kritik

Zwei unterschiedliche Mitschnitte des legendären Auftritts.

Review von

Bevor Jimi Hendrix am 20. August 1969 auf die Bühne trat, um das Woodstock-Festival abzuschließen, war so ziemlich alles schief gelaufen. Es war nicht Mitternacht, wie geplant, sondern neun Uhr morgens. Das Publikum hatte drei Tage lang mit schlechtem Wetter und einer lächerlichen Organisation gekämpft. Den im letzten Moment engagierten Filmemachern war das Filmmaterial so gut wie ausgegangen. Hendrix hatte erst zehn Tage zuvor eine neue Begleitband zusammengestellt, alle waren übermüdet, zugedröhnt, besoffen. Die Voraussetzungen waren also alles andere als positiv.

Mit dem 1970 erschienenen Dokumentarfilm verwandelte sich das Festival zum Symbol einer Generation und Hendrix' Version der US-Nationalhymne zum Symbol des Festivals. Das beweist etwa der italienische Fernsehmoderator Red Ronnie: 1990 verkaufte er seine Wohnung und siedelte mit seiner Familie in einen Wohnwagen um, damit er die ersteigerte weiße Stratocaster bezahlen konnte, die Hendrix in Woodstock gespielt hatte. 195 Millionen Lire, etwa 350.000 DM, blätterte er damals für sie hin. 2-3 Millionen EUR sei sie heute wert, erklärt Ronnie 2005 in einem Interview. Dumm für ihn, dass er sie längst wieder verkauft hat.

Für weitaus weniger Geld ist es nun möglich, das Instrument im Einsatz zu erleben. Dass diese Doppel-DVD trotz der Schwemme an posthumem Hendrix-Material erst 2005 auf den Markt kommt, ist erstaunlich, lässt sich aber mit der Qualität der Aufnahmen und des Auftritts erklären, die beide nicht berauschend ausfallen.

Das ist aber das einzig Negative, was sich dazu sagen lässt. Für diese Veröffentlichung haben sich die wichtigsten Beteiligten interviewen lassen. Der alte und neue Schlagzeuger Mitch Mitchell, Bassist Billy Cox, Gitarrist Larry Lee, Perkussionist Juma Sultan, Woodstock-Organisator Michael Lang und Kameramann Eddie Kramer. Sie alle heben hervor, wie besonders dieser Auftritt war – nicht nur wegen des Ortes, sondern auch wegen des Abschnitts in Hendrix' Leben.

Nach den Erfolgen der ersten drei Alben hatte er beschlossen, sein Begleitduo Experience aufzulösen. Was in Woodstock als Gypsy Sun & Rainbows auf die Bühne trat, verwandelte sich später in die Band Of Gypsies. Wohin der musikalische Weg führen sollte, ist Spekulation – Hendrix starb dreizehn Monate später am klassischen Rockertod, bevor die Aufnahmen des neuen Studioalbums abgeschlossen waren. Zu Beginn herrscht auf jeden Fall Chaos: Jeder spielt vor sich hin, die verschiedenen Teilnehmer passen nicht zusammen, Hendrix zeigt sich genervt. Nicht mal "Spanish Castle Magic" und "Foxey Lady" kommen fehlerlos rüber. Den Tiefpunkt bildet das wirre "Jam Back At The House".

Doch dann stimmt Hendrix "Voodoo Child" an, vergisst seine Umgebung und reißt das Steuer an sich. Zur Überraschung aller beendet er das Stück mit dem "Star Spangled Banner", der US-Nationalhymne. Ein patriotisches Bekenntnis, das er mit Verzerrungen, dem Aufheulen fallender Bomben und den sozialen Spannungen im Land füllt. Beim Übergang zu "Purple Haze" legt endlich auch die Band eine halbwegs anständige Begleitung hin.

Das ist genau der Ausschnitt, der auch im Woodstock-Film zu sehen ist. Dennoch lohnt sich die Anschaffung der liebevoll gestalteten DVD. Neben einer Pressekonferenz mit Hendrix in New York zwei Wochen nach dem Konzert enthält sie einen neuen, alternativen Mitschnitt. Albert Goodmann, ein 22-jähriger Student, hatte sich und seine vorzeitliche Videokamera auf die Bühne geschmuggelt, wo er ungestört filmen durfte. Die Bilder sind zwar wackelig und in Schwarzweiß, die exzellent überarbeitete Tonspur dieselbe der Dokumentation, doch ist hier auch öfters das Publikum zu sehen.

Und das vielleicht schönste Bild der Dokumentation: Während Hendrix das abschließende "Hey Joe" spielt, steht eine junge Frau am Rande der Bühne und streichelt eine Katze. Friede und Freude trotz all der widrigen Umstände und eines Auftritts, der nur wegen einem Lied als historisch eingestuft werden darf. Eines beweist die DVD aber mal wieder eindrucksvoll: Hendrix war der genialste Gitarrist, den der Rock hervorgebracht hat.

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