laut.de-Kritik

Auf dem Höhepunkt seines Liveschaffens.

Review von

Die Geschichte dieses Auftritts lohnt sich, ausführlich erzählt zu werden, ist sie doch bezeichnend für die letzte Phase in Jimi Hendrix' kreativem Leben und den zwielichtigen Schaumschlägern, die eine Zeit des Umbruchs wie das Ende der 1960er Jahre nutzten, um sich in Szene zu setzen. Eine Lose-Lose-Situation, die in diesem Fall ein brauchbares Nebenprodukt erzeugte.

Wie sich Hendrix' Manager Michael Jeffery überzeugen ließ, an einem Filmprojekt namens "Rainbow Bridge" teilzunehmen, bleibt ein Rätsel. Er galt als harter Hund mit Geheimdienstvergangenheit, der versuchte, so viel Geld wie möglich für (und aus) seinen Kunden zu pressen. Nach Jefferys Tod bei einem Flugzeugabsturz 1973 stellte sich heraus, dass er ein Vermögen in die eigenen Taschen abgezweigt hatte. Er ließ sich jedoch von Regisseur Chuck Wein und dessen Kompagnon Barry De Prendergast um den Finger wickeln. Die beiden stellten ihm eine Art Gegenentwurf zum enorm einflussreichen Film "Easy Rider" (1969) vor. Eine Art New-Age-Surferfilm im Dokumentarstil, den sie auf der Hawaii-Insel Maui drehen wollten. Vermutlich beeindruckte Jeffery, dass Wein einige Jahre lang zu Andy Warhols innerem Zirkel gehört hatte und der Entdecker von Edie Sedgwick war, die (kurz) als das It-Girl schlechthin galt.

Jeffery willigte ein, das Projekt mit 500.000 Dollar zu finanzieren, die er Hendrix' Label Reprise abluchste. Zusätzlich verhandelte er einen Vorschuss von weiteren 500.000 Dollar für das nächste Album aus, das der Soundtrack zu diesem sicheren Kassenschlager werden sollte. Das Geld hatte Hendrix' dringend nötig, um das Studio fertig zu stellen, das er seit 1968 mit Hilfe von Tontechniker Eddie Kramer in New York aufbaute. Electric Lady sollte eine der besten und beliebtesten Aufnahmeorte der 1970er und 80er Jahre werden und existiert heute noch, doch hatte es viel mehr gekostet als ursprünglich geplant.

So nahm das Unheil seinen Lauf. Wein flog das Model Pat Hartley nach Maui und kontaktierte die zahlreichen Hippie-Gemeinschaften auf der Insel, um sich mit ihnen über Außerirdische und kosmische Kräfte zu unterhalten. Ein Drehbuch, oder zumindest einen Leitfaden hatte er dabei nicht. Jeffery erkannte schnell, dass das Projekt aus dem Ruder lief. Irgendwie gelang es ihm, Hendrix nach Maui zu locken. Offiziell hatte er ihm eine Auszeit in einer traumhaften Umgebung versprochen, vermutlich musste er aber wüste Drohungen aussprechen, denn der Gitarrist hatte Wein durchschaut und wollte mit dem Projekt nichts zu tun haben. Zwei Wochen lang hing er unnötig herum, um eine Szene aufzunehmen, die ihm vermutlich aus der Seele sprach: Mit einem Gewehr erschießt er einen wild brabbelnden Hippie.

Hendrix' war einer der großen Stars der Musikszene. Schließlich entschlossen sich die Verantwortlichen, als Höhepunkt des Films einen Auftritt zu inszenieren, der in einer Senke auf einer Weide mit Blick auf den mächtigen Vulkan Haleakala (wegen der besonders intensiven kosmischen Energie) stattfinden sollte. Es war der 31. Juli 1970. Auf der winzigen Bühne - kaum mehr als ein paar Paletten auf Stelzen - fanden Hendrix, Bassist Bill Cox und Schlagzeuger Mitch Mitchell mit ihrem Equipment gerade so Platz. Dennoch war es ein idyllischer Ort bei außerordentlich entspannter Stimmung. Mitglieder der Filmcrew hatten auf der Hauptstraße in Maui Menschen angesprochen, die sie für würdig erachteten, und so kamen ungefähr 2000 Hippies, Surfer und junge Familien mit Kindern zusammen, viele von ihnen auf LSD. Die einzige Vorgabe: sie sollten sich nach Sternzeichen aufteilen, sitzen bleiben und vor Beginn des Konzerts die heilige Silbe des Buddhismus, "Om", rezitieren.

Hendrix' zeigte sich zunächst überrascht, dass niemand tanzen wollte, obwohl er im ersten Set ein wahres Feuerwerk an Hits ablieferte. Nach einer Pause kehrte er für ein zweites Set zurück, diesmal mit einer Gibson Flying V statt der klassischen Stratocaster, um eher bluesiges und souliges Material vorzustellen. Ein Auftritt, der zweimal 50 Minuten dauerte und der bei Zuschauern, Mitchell und Cox einen bleibenden Eindruck hinterließ. Hendrix selbst freute sich wohl, dass der Spuk vorbei war. Mit einem Zwischenstopp in Honolulu am nächsten Tag, wo sie nach Cox' Aussage das wohl beste Konzert ihrer Karriere spielten, kehrte der Gitarrist nach New York zurück, um weiter an neuem Material zu arbeiten. "Rainbow Bridge" gehörte für ihn der Vergangenheit an.

Sieben Wochen später war Hendrix tot. Panikartig wies Jeffery Tontechniker Kramer an, einen Soundtrack zusammenzustellen. Der schaute sich als erstes die Aufnahmen des Maui-Konzerts an - und war entsetzt. Ein starker Wind hatte frontal auf die Bühne geblasen. Die Technik-Crew musste improvisieren und hatte Hendrix' Mikrophon dick mit Schaumgummi ummantelt, was die Gesangsspuren entsprechend dumpf machte. Das Schlagzeug war zudem so gut wie nicht zu hören. Mitch Mitchell nahm Teile davon im Studio noch einmal auf, indem er das nachspielte, was er auf einem kleinen Bildschirm sah. Schließlich ließ Kramer den Auftritt links liegen und stellte den Soundtrack aus Material zusammen, das Hendrix im Laufe der letzten Jahre aufgenommen hatte. Als es im Oktober 1971 erschien, war es allerdings schon das zweite posthume Album, denn im März war bereits "Cry Of Love" auf den Markt gekommen.

Kein Wunder. Der völlig überforderte Wein schnitt 40 Stunden Rohmaterial zu vier zusammen, versah sie mit billigen Spezialeffekten und präsentierte den verdatterten Geldgebern ein Werk, das so etwas wie ein Willkommensgruß an Außerirdische war - die Regenbogenbrücke als Übergang zu einer anderen Dimension. Die erste Version, die schließlich ins Kino kam, war um die Hälfte gekürzt, die zweite gar nur 70 Minuten lang. Der Fokus lag auf dem Konzert, das aber nur 17 Minuten dauerte. Egal wie - selten waren sich Kritiker und Publikum so einig. Der Streifen floppte gnadenlos und verschwand in der Versenkung. Ebenso Regisseur Wein, der bis zu seinem Tod 2008 nichts mehr von sich hören ließ, bis auf einen Beitrag zu einer Dokumentation über Film und Konzert, der dieser Veröffentlichung zum 50. Jubiläum beiliegt und den passenden Titel "Music, Money, Madness ..." trägt.

"Live In Maui" ist wirklich eine Schatztruhe. Kramer vollbrachte wie bei allen früheren Hendrix-Veröffentlichungen ein soundtechnisches Wunder. Es gelang ihm sogar, die ursprüngliche Schlagzeugspur zum Leben zu erwecken. Der Gesang bleibt stumpf - was bei Hendrix aber nicht wirklich dramatisch ist. Doch die Rhythmusgruppe ist gut ausgearbeitet und die Gitarre geradezu göttlich. Hendrix hatte Spaß, was man ihm wirklich anhört. Selbst das abgedroschene "Foxey Lady" ist gelungen, auch wenn die Höhepunkte "Voodoo Chile (Slight Return)" und vor allem die ausgedehnte Version des posthumen Klassikers "Hear My Train A Comin'" sind. "Freedom" oder "Dolly Dagger" fallen soulig aus und weisen womöglich den musikalischen Weg, den Hendrix’ in der folgenden Zeit gegangen wäre.

Leider kam es bei der Liveaufnahme zu Ausfällen, weshalb auch hier die Sets nicht in ihrer Gesamtheit vorhanden sind (es fehlen ungefähr 20 Minuten). Auch die Reihenfolge der Stücke war ursprünglich anders als auf diesem Mitschnitt, denn auf die verstrahlte Ansprache Weins folgten ursprünglich "Spanish Castle Magic", "Lover Man" und "Message To Love", die hier in der Mitte der Tracklist platziert sind. Man habe sich dazu entschieden, um das Hörerlebnis zu steigern, erklärt Co-Produzent John McDermott im Booklet.

Der DVD liegen auch die noch verfügbaren Filmaufnahmen des Konzerts bei. Ein weiteres Rätsel ist, warum so wenig davon existiert. Es waren zahlreiche Kameras vor Ort, auf der Bühne und drum herum, dennoch sind die Lücken groß. Wurden tatsächlich nur einzelne Abschnitte gefilmt? Ist der Rest, der es nicht in den Film geschafft hat, für immer verschollen? Bis er hoffentlich eines Tages auf einem Dachboden oder in einem Keller entdeckt wird, macht es trotzdem Spaß, Hendrix und seiner Experience beim Arbeiten zuzuschauen. In einer Kulisse, die an ein Woodstock in klein und ohne Schlamm erinnert. Ein einzigartiger Auftritt, der Hendrix' auf dem Höhepunkt seines Liveschaffens zeigt.

Die Fotos und das Booklet, das die 3LP-Version plus DVD begleiten, sind bunt und schön gestaltet. Irgendwie passt es zum Projekt, dass die Verpackung nicht aus stabilem Karton ist, sondern so dünn, dass sie fast wie Papier wirkt. Ein Fehler im Detail, wie er auch schon beim ursprünglichen Soundtrack zu finden war. Wein wollte unbedingt den Schriftzug "OM" unterbringen. Der Grafiker beim Label hatte offenbar keine Ahnung, was er meinte, und setzte ihn spiegelverkehrt. Als die Platte in den Handel kam, stand auf der Rückseite in Großbuchstaben "MO".

Trackliste

CD 1

  1. 1. Chuck Wein Introduction
  2. 2. Hey Baby (New Rising Sun)
  3. 3. In From The Storm
  4. 4. Foxey Lady
  5. 5. Hear My Train A Comin'
  6. 6. Voodoo Child (Slight Return)
  7. 7. Fire
  8. 8. Purple Haze
  9. 9. Spanish Castle Magic
  10. 10. Lover Man
  11. 11. Message to Love

CD 2

  1. 1. Dolly Dagger
  2. 2. Villanova Junction
  3. 3. Ezy Ryder
  4. 4. Red House
  5. 5. Freedom
  6. 6. Jam Back At The House
  7. 7. Straight Ahead
  8. 8. Hey Baby (New Rising Sun)/ Midnight Lightning
  9. 9. Stone Free

DVD

  1. 1. Music, Money, Madness ... Jimi Hendrix In Maui

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