laut.de-Kritik

Jimis Grande Finale mit zehn unveröffentlichten Songs.

Review von

Es existieren mittlerweile gefühlt mehr posthume Hendrix-Veröffentlichungen als Menschen auf dem Planeten. Nicht jede lohnt die Anschaffung. "Both Sides Of The Sky" sollte allerdings kein Jimianer oder Neuling verpassen. 13 Songs - davon zehn bislang unveröffentlicht - zeigen sogar jenen, die glauben, bereits alles zu kennen, neue Facetten der Ikone.

Die Plattenfirma preist "Both Sides Of The Sky" als letzten Teil einer Trilogie an, die mit "Valley Of Neptune"/"People, Hell And Angels" begann. Ein inhaltlicher Zusammenhang ist jedoch kaum erkennbar. Alle drei Platten haben ihre individuellen Verdienste, doch nun erscheint das mit Abstand stimmigste Werk. Es verdient einen besonderen Platz in der Diskografie des Genies.

Als totaler Hendrix-Checker erschrickt man zunächst ob der verkaufsträchtigen Verwendung des Begriffs "previously unreleased": Tracks wie "Mannish Boy", "Lover Man" oder "Hear My Train A Comin'" kennt man doch längst. Doch keine Bange: Der Gesamtzusammenhang spricht für diese Veröffentlichung und Familie Hendrix gleichermaßen. Denn die meisten Veröffentlichungen auf längst vergriffenen Nischenformaten wurden entweder haarsträubend gekürzt oder ebenso lieblos in prähistorischer Soundqualität serviert.

Hinzu kommt, dass die Familie Hendrix erst vor einigen Jahren das Recht erstritt, den Nachlass des Musikers rechtlich zu verwalten und diversen windigen Label-Typen und deren illegalen Veröffentlichungen einen Riegel vorzuschieben. Seit "Winterland" (2011) hat Jimis Schwester Janie das Heft in der Hand und rollt das Feld von hinten auf. Insofern ist die Geschichte von "Both Sides Of The Sky" auch eine Story der afroamerikanischen Emanzipation von weißer Geschäftemacherei und rassistischer Gängelung.

Und was leistet die Musik nun über die genannten soziopolitischen Sympathiepunkte hinaus? Co-Producerin Janie Hendrix holte Jimis Kumpel Eddie Kramer ins Boot. Beste Wahl! Kramer begleitete nahezu die gesamte Hendrix-Karriere (u.a. "Are You Experienced?") mit Rat und Tat und arbeitete auch für Bowie, die Rolling Stones oder mit Anthrax am Thrash-Meilenstein "Among The Living".

Gemeinsam ziehen Janie und Eddie aber keine Egoshow ab, sondern beschränken sich darauf, Jimis auffällige Produktions- und Arrangement-Talente soundtechnisch zu entstauben. Erst diese Zusammenstellung erforscht bislang weitgehend unerschlossenes Terrain: Stand das Live-Album "Band Of Gypsys" von 1970 bisher etwas verloren im musikgeschichtlichen Raum, findet es in den vorliegenden Liedern erstmals seine Herleitung und Pointierung. Die zwischen 1968 und 1970 vorgenommenen Nebentätigkeiten mit Billy Cox und Buddy Miles, deren suchende und inspirierte Neugier den damaligen Zeitrahmen sprengt, liegen nun in gestrafften Studiofassungen vor.

Klar, vom Blues strahlt alles aus. Er ist Jimis Kern. Aus diesem Zentrum kristallisiert sich jedoch ein Mann heraus, der willens ist, dessen Grenzen zu überwinden. Hendrix verpasst dem Rock einen Härtegrad, der in seiner Ära seinesgleichen sucht. Dazu gesellt sich groovy Funk, wie er anno Woodstock absolut unüblich war. Darüber schweben die unaufgeregten, leicht sedierten, doch niemals abwesenden Vocals des Bandleaders.

So setzt sich John Allen Hendrix zwischendurch immer wieder ans Mischpult und holt aus der jeweils spontanen Situation das Beste heraus. Stephen Stills schaut auf Einladung 1969 in den Plant Studios vorbei und entwickelt mit dem Trio "Woodstock". Joni Mitchell komponierte den Track, Crosby, Stills, Nash & Young machten ihn wenig später berühmt. Dazwischen liegt diese Version, die dank Hendrix' Ideen und ein paar gemeinsamen Koks-Sessions mit Stills erst den rechten Dreh brachte. Bemerkenswert: Wenn Hendrix andere Gitarristen einlud, zog er sich oft zurück und nahm sich den Bass, um die Kollegen nicht zu verunsichern.

Auch "Things I Used To Do" ist komplett neu im Hendrix-Katalog, eine Koop mit dem jungen Johnny Winter als Sideman. Auf "Cherokee Mist" duelliert sich Jimi dann mit sich selbst. Hier hört man ihn als songdienlichen Gegenspieler an einer elektrisch verstärkten Sitar. Die sinnlichen Instrumentals "Jungle" und "Sweet Angel" vereinen Psychedelik mit forsch voranschreitendem Groove. So unspektakulär und bisweilen skizzenhaft solche Hybride heutzutage wirken mögen, so revolutionär waren sie vor einem halben Jahrhundert.

Jenseits solch geschichtsträchtiger Knaller ballert Hendrix mit dem "Georgia Blues" eine emotionale Nummer raus, deren Gefühl für zehn Alben gereicht hätte. Der Track ist trotz aller Delta-Blues-Verwurzelung ein echtes Hendrix-Gewächs - mit dabei ist Lonnie Youngbloods Saxofon als perfekter Sidekick. "The blues has got me, and I'm in so much misery and pain / Somebody, somebody listen to what I got to say." Oh ja, wir hören gern zu.

Trackliste

  1. 1. Mannish Boy
  2. 2. Lover Man
  3. 3. Hear My Train A Comin'
  4. 4. Stepping Stone
  5. 5. $20 Fine
  6. 6. Power Of Soul
  7. 7. Jungle
  8. 8. Things I Used to Do
  9. 9. Georgia Blues
  10. 10. Sweet Angel
  11. 11. Woodstock
  12. 12. Send My Love To Linda
  13. 13. Cherokee Mist

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5 Kommentare mit 9 Antworten

  • Vor 3 Monaten

    Sollte sich das wirklich mal lohnen?

  • Vor 3 Monaten

    "Insofern ist die Geschichte von "Both Sides Of The Sky" auch eine Story der afroamerikanischen Emanzipation von weißer Geschäftemacherei und rassistischer Gängelung" - nur abgesehen der Tatsache das seine "Schwester" keine Afroamerikanerin ist sondern aus Japan stammt (Hälfte japanisch andere Hälfte "geschäftemacher"kaukasisch) und adoptiert wurde. Zudem die arme unterdrückte Jimis richtigen Bruder Leon sofort vor Gericht zerrt sobald er nur mal Jimis Namen erwähnt. Während sie sich ein schönes leben macht und Leon mal grade so über die runden kommt... "Rassistische Gängelung"...

    • Vor 3 Monaten

      es geht doch in der gesamtbetrachtung nicht um deren interne gamilienquerelen. es geht darum, dass man zu lebzeiten versuchte, afroamerikaner a la muddy waters, hendrix etc über den tisch zu ziehen und die vertragskonstellation es posthum etlichen geschäftemachern (etwa alan douglas oder l. branto) ermöglichte, den kuchen dekadenlang nach gutdünken zu verwenden ohne die familie einbeziehen zu müssen.

      und diese wurzel allen übels ist doch ne historische tatsache, bei der es völlig latte ist, welcher abstammung nun die stiefsachwester ist. ich sehe das absolut conditio sine qua non.

    • Vor 3 Monaten

      Da stimme ich dir auch 100% komplett zu. Speziell M. Waters wurde (zu Lebzeiten sogar) seitens seiner Plattenfirma sehr übel behandelt, und hatte eigentlich gar kein Anrecht auf gar nichts. Aber trotzdem kann man das nicht darauf beziehen. Hier wird ja explizit jimis Schwester erwähnt, in ihrem afroamerikanischen Kampf. Und das passt eben nicht. Wobei - klar, komplett egal wo jemand herkommt, wen juckts. Aber in diesem Fall ist es eben nicht "völlig latte". Wie soll das denn völlig latte sein? Wie kann sie stellvertretend und komplett allgemeinernd für die (absolut echte, und auf historischen Tatsachen basierende - gebe ich dir wieder absolut recht) afroamerikanische Emanzipation von rassistischer Geschäftemacherei gelten - wenn sie 1. gar keine Afroamerikanerin ist, und 2. viel schlimmer und habgieriger handelt. Sie ist definitiv die Person die die Hendrix Familie das Geld aus den Taschen zieht. Nicht meine Worte, kann man im Netz wunderbar durchlesen was die Familie von ihr hält (und wie sich die rechte gesichert hat...das ist sogar noch interessanter.) nochmal böser Anwalt - bin komplett deiner Meinung - aber ich finde die Formulierung war falsch und sie wird definitiv zu positiv dargestellt. Rest der Rezension war gut, Punktevergabe auch.

    • Vor 3 Monaten

      ich versteh schon, wie du das meinst. das ist in der tiefenbeleuchtung ja auch hochinteressant. es sprengt aber den rahmen der rezi. und das "afroamerikanisch" - wie gesagt - ich sehe da jemanden, deren engagement zu einer der wenigen wehrhaften quasi-happy-endings führte. da ist mir die symbolik und der verwandtschaftsgrad einfach ausreichend.

      ob so eine person dann hinterher der würde des kampfes gerecht wird oder charakterliche mängel hat & ob die familie intern nicht ebenfals ein schlachtfeld ist, ist mir da erstmal insofern egal, weil mir das außenverhältnis, das zeichen "fühlt euch nicht zu sicher!" hier wichtiger ist als deren heckmeck.

  • Vor 3 Monaten

    "John Allen" Hendrix? Gemeint ist bestimmt James Marshall Hendrix.

  • Vor 3 Monaten

    Lieber Ulf, da du ja schon die Rezi zu Winterland geschrieben hast: Befindet sich die hier vorgestellte Scheibe auf einem Sound-Niveau mit Winterland? Dann wird es ein Blindkauf.

    • Vor 3 Monaten

      der vergleich ist nicht einfach, weil "winterland" tatsächlich ein optimum ist, dessen strahlende soundqualität für so alte aufnahmen wirlich mehr als bemerkenswert ist.

      der klang dieser aufnahmen ist ähnlich bemerkenswert. das sind keine knarzigen soundmumien, sondern hochgradig genießbare fundstücke. ist natürlich immer noch stoff von vor 50 soundjahren. aber weit oberhalb üblicher vorproduktionen unddemos rangierend.

      nicht umsonst lobe ich das producerteam (übrigens dasselbe wie auf "winterland") ebenso über den grünen klee, wie jimis aisgangsproduktion. hör dir nur mal die
      klaren stereopoelereien von "power of soul" an oder die klangliche reinheit in "jungle". auch das gitarre/sitar-duell in "cherokeemist" lässt keine wünsche offen.

    • Vor 3 Monaten

      "stereospielereien"

  • Vor 3 Monaten

    Tolles Album. Ich freue mich wirklich sehr drüber!