laut.de-Kritik

Zeitdokument aus dem Epizentrum der R'n'R-Explosion.

Review von

Mit Ganzkörpereinsatz fegte Jerry Lee Lewis sein Publikum weg, würgte dem widerspenstigen Yamaha- oder Baldwin-Flügel dessen hölzerne Starre ab, bespielte ihn mit den Absätzen seiner Schuhe. Er bestieg ihn, kletterte darauf herum oder flitzte mit den Fingern in atemberaubendem Tempo über die Tasten. Alles verwandelte "The Killer" in Highspeed-Honkytonk oder übertrug die Songvorlagen in federnden Boogie. Und das kompromissloseste Dokument Jerrys einzigartiger Spieltechniken ist "'Live' At The Star-Club Hamburg".

Jerry Lee Lewis gastierte dort vor einem jungen Auditorium; die Fans waren zwei Jahre zuvor von der Beatlemania infiziert worden. Die Konzerte der Anfangsphase waren kurz, und es waren viele, bis zu sieben hintereinander pro Abend von verschiedenen Bands. Manche gefragten Acts hatten zwei oder gar drei Gigs am selben Tag. Jerry Lee Lewis ragte neben Chuck Berry, Little Richard, Fats Domino, Gene Vincent und Rock'n'Roll-Konstrukteur Bill Haley als einer der namhaftesten Gäste der ersten Jahre heraus. Mehrere Wochen brachte er 1963/64 im Star-Club zu, Abend für Abend.

Der Mitschnitt stammt vom Ende jenes Marathon-Gastspiels, aus dem April '64, die Band dürfte sich bereits heimisch gefühlt haben. Der Mut des Killer-Pianisten, im extrem hohen Spieltempo mal Entgleisungen zu riskieren, und dann wiederum seine Virtuosität, eben doch immer trittsicher im Takt zu bleiben, macht die Musik auch auf Platte wahnsinnig mitreißend. Er wagte Schnoddrigkeit und gewann mit präziser Schärfe. Und obwohl Lewis punktuell wie mit einem Hammer das Klavier traktiert, ackert er doch die meiste Zeit sehr differenziert und hoch musikalisch.

Der dramaturgische Aufbau des Sets erhebt diese Live-Platte ebenfalls zu etwas Besonderem. Schon die schiere Auswahl der Tracks mit dem Klassiker "Hound Dog", dem Jerry Lee-Erkennungssong "Great Balls Of Fire", dem hundertfach rauf und runter gecoverten, doch unzerstörbaren "Good Golly, Miss Molly" und dem Ray Charles-Kracher "What'd I Say" wischt die meiste Brit-Beat-Musik des Jahres '64 zur Seite. Das hier waren die amerikanischen Originale, aus den Sümpfen des Mississippi erdenschwer mit Groove beladen.

Das Konzert wurde in diesem Tracklisting eins zu eins auf Tonträger übernommen, just that simple. Auf dem Vinyl-Re-Issue des norddeutschen Labels Bear Family kam 2010 noch der Bonus-Titel "Down The Line" hinzu.

Jerrys Band hieß The Nashville Teens, dabei war dies eigentlich nicht "seine" Gruppe. Die englische Formation schloss sich dem Mann aus Louisiana für seine zahlreichen Auftritte in der Hansestadt an, wo das Epizentrum der Rock'n'Roll-Explosion auf dem europäischen Festland lag.

Die bald darauf selbst sehr erfolgreichen Nashville Teens traten als eine der wenigen Gruppen mit Keyboard auf. Wobei der Keyboarder in Addition zur wilden Klavierbearbeitung des Frontmanns klanglich untergeht. Der Sound tönt satt und voll, Gitarre, Bassgitarre, Schlagzeug, trotzdem nah an der Kneipenmusik der US-Südstaaten. Die Klavierpedale doppeln die Basstöne oder decken sie phasenweise ab.

Im Gesang dreht Jerry Lee immer wieder in Kehlkopfüberschlag ab, schon im Opener "Mean Woman Blues", der kein Blues ist. Das klingt wahrlich 'shaking!'. Während des Songs tut er, als eigentlich sitzender Pianist, etwas, was viele seiner Konzerte kennzeichnete: Er tritt den Klavierstuhl weg, woraufhin die Menge vor Freude kreischt und johlt (man hört dies auf der Aufnahme), fängt an zu hüpfen und berührt die Pianotasten statt mit den Fingern mit den Handkanten. So geht das nur live, und deswegen kommt bei so einem Kerl wie ihm nur ein Live-Album als würdiger Meilenstein infrage.

Zu der Zeit im Hamburger Star-Club war Jerry gerade Papa geworden. Jerry Lee Lewis, ein Mensch, der nie Single war oder sexuell streng erzogen worden wäre, der neu heiratete, bevor er geschieden war, verkörperte dieselben Songs mitunter ganz anders als seine Zeitgenossen. Beispiel "Long Tall Sally", Song über eine Hetero-Affäre, aus der Feder von – unter anderen - 'Little' Richard Penniman, der nach seinem Outing als Schwuler das Elternhaus im Streit verließ.

Der Song entstand bei Little Richard als Fortführung einer Anekdote. Ein junges, offenbar recht humorvolles Mädchen, 16, hatte sich bei einer Radiomoderatorin gemeldet, in der Hoffnung, diese würde ihr Kontakt zu einem Sänger vermitteln. Denn sie hatte die Klinikrechnung einer Tante zu bezahlen, und hoffte darauf, das Geld mit einem Song zu verdienen. Ein paar Zeilen Lyrics hatte sie. Little Richards Produzent Bumps Blackwell willigte etwas ratlos in den Song ein, der erst noch fertig verfasst werden musste und einem aus der Not geborenen Zufall entsprang. Wenn Jerry Lee Lewis live das Lied röhrt, dann bekommt es eine direktere Bedeutung und eine physisch stärkere Aussage. Sofort glaubt man ihm: "We're gonna have some fun tonight!". 'Fun' haben außer den Figuren im Song auch die Leute im Saal, Spaß ist ein Grundprinzip bei Lewis.

Sein Kreischen ist eines vor Ekstase, aber anders als Richard verliert er nie die Stimme an heiseres Quietschen, vollzieht nicht mehr den Tabubruch, der in dem Song anfangs steckte, sondern bellt und kläfft in unablässigem Stakkato die Laute offensiver heraus, am Ende dann schon fast als spucke er die Silben. Dabei grölt er immer aus vollem Halse; er beschreibt nicht, sondern er durchlebt die Szenerie des Fremdgehens, als stecke er mittendrin. Onkel John, der Mann dieser Tante, deren Krankenhauskosten offen sind, geht fremd. Mit Sally, einer großen Frau, "lang" und "groß". Um nicht erwischt zu werden, ducken sie sich in einer engen Gasse zur Seite. "So they ducked back in the alley". Ob das Mädchen wohl dachte, dass die Tante bei diesen Zeilen genesen werde?

Bereits Little Richard berichtet, er habe den Text nicht gerade einfach zu singen gefunden. The Kinks scheiterten 1964 bei spontanen Sessions an einer adäquaten, vergleichbar spritzigen Fassung, und Paul McCartney berichtet, wie viel Mühe es ihm gemacht habe, hier mit der Stimme in Tempo, Tonsprüngen und Zungenbrecher-Silbenfolgen mitzuhalten und an Richard heranzureichen. Bei Lewis wirkt der Track wie eine Dampflok, die mit 200 km/h vorbeiwalzt und riesige Staubwolken hinter sich her zieht.

Jerry Lee wählte den richtigen Song als Konzert-Höhepunkt. Er verschmilzt mit der Nummer auch fleischlich, und die Masse im Saal wohl mit seinen Bewegungen. Diese Konzertversion klingt schnittiger als die anderen Fassungen, weil sie die Abschnitte Strophe-Chorus-Strophe-Chorus aufweicht und das Klavier wie eine Häckselmaschine unter jeden Ton fahren lässt. Was immer da der Schlagzeuger trommelt oder Jerry auch singt, das Piano fährt mit "di-di-di-di-di-di-di-di" unten drunter durch und lässt alles nach einer Minute 43 in einem schrägen Schlussakkord aufgehen, Ende Gelände. Aus "So they ducked back in the alley" wird ein sportlicher Sprung, "they jumped back in the alley". Der Schluss: "A wop bop-a-loo-bop a wham bam boom!". Der Onkel und seine Affäre amüsieren sich tanzend ... und anderweitig.

Die Stücke, die Jerry Lee Lewis sich für das Hamburger Set aussuchte, eignen sich bestens für den Klavierflügel. Auch "Whole Lotta Shakin' Goin' On", ein regelrechter Allstar-Klassiker. Ein Kneipenbesitzer in Nashville hatte mit einem Freund die Idee zu dem Lied, als beide besoffen waren. Nüchtern konnte er das Lied dann aber am Klavier nicht wiedergeben. Jerry schon. Und so wurde er - der Legende nach - als Barpianist engagiert, 1954. Manche Deutung der Credits-Angaben sieht hinter dem Songwriter-Pseudonym eine Frau namens Myriam. Wie auch immer, der "Killer" verleibte sich den swingenden, gleichmäßig wogenden Ritt in den Song hinein ein. Er ist neben "Money (That's What I Want)" und dem "Lewis' Boogie" die einzige Nummer im Set, die ein Intro hat. Alle anderen brechen sofort mit Gesang los (maximal geht ein Akkordschlag voraus, dann bricht der Text sich Bahn).

Der Killer scheint es zu genießen, den Louisiana-Stomp-Sound seiner Heimat aufzuführen, die Überreste des New Orleans Jazz mit dieser neuen Rockabilly-Musik zu verwursten und so richtig wild in die Tasten zu dreschen. Wenn die Nashville Teens Gewaltsames aus Trommeln, Gitarre und Bass herausquetschen, wenn von 1'07" bis 1'36" die instrumentale Passage dröhnt, und von 3'23" bis 4'16" das Finale des Sets, greifen sie technisch ihrer Zeit weit voraus. Wir befinden uns 1964, Verstärker waren also nicht das, als was wir sie heute kennen. So entsteht, mit den damaligen prä-digitalen Mitteln, eine spannende Dynamik: starkstrom-durchfluteter Passagen der zweiten Minute und des Endes wechseln mit weicheren, deutlich leiserer Boogie- und Spoken Word-Abschnitte, wie sie in der Liedmitte vorkommen. Kurzzeitig imitiert Jerry das Lachen von Elvis (2'01", 2'10").

Eine extreme Binnenspannung findet hier ihre Entladung. Denn schon der Start ins Konzert lässt keine Zeit zum Durchatmen. Wie "mean", böse, vamp-artig er die Frau im "Mean Woman Blues" findet, daran lassen die in atemberaubender Geschwindigkeit gespielten Klavierschläge keinerlei Zweifel. Der zweite Track, "High School Confidential" besteht aus einem überkochenden Klang-Sud: Funken schlagendes Hämmern verquirlt sich da in einem undurchdringlichen Schallwellendschungel von Bass und Drum-Set.

"Matchbox" von Kollege Carl Perkins ist noch der bluesigste Titel - oder am meisten dem Blues verhaftet und dem Rhythmus nach Rockabilly. Als Vertreter von letzterem war "Matchbox" einer der ersten und maßgeblichen Songs des Genres. Aus Ray Charles' "What'd I Say" schält Lewis dann in "What'd I Say - Part I" pumpenden Rock'n'Roll heraus, erst in "What'd I Say - Part II", einem Re-Start, zieht er den eigentlichen Rhythm'n'Blues der Nummer hinterher.

Eine Brücke hier, auch ein Moment des Hinhaltens. Weil die Band schon so schön im Flow drin ist und nicht gleich die Brecher zünden will: "Great Balls Of Fire" und "Good Golly, Miss Molly". In "What'd I Say - Part II" wie auch schon zum Konzertbeginn fletscht Lee Lewis die Zähne und rollt am Gaumen genüsslich ein "Rrrrrrrr". Später setzt ELOs Jeff Lynne diesem "Rrrrrrrr" in "Rattled" mit den Traveling Wilburys ein Denkmal. Aus deren Mannschaft, nämlich von Roy Orbison, stammt "Down The Line (2010 Re-Issue Bonus Track)" - unerwartet vehement für einen Orbison-Titel. Aber das ist eben das, was der "Killer", shaking, rattling and rolling, daraus kochte.

Aktuell ist Jerry Lee Lewis mit stolzen 84 Jahren wohl der letzte Überlebende aus der Garde der Wegbereiter des Rock'n'Roll - und damit im umfassenderen Sinne der gesamten Rockmusik, Prog, Metal und Bluesrock inbegriffen. Der Mann mit der Schmalztolle hat großartige Feuerbälle gezündet, er steckte einmal auf der Bühne sein Klavier in Brand und war insoweit vielleicht Vorbild für Hendrix und für The Who, was Action 'on stage' betraf. Auch als Sänger ist er etwa in "Great Balls Of Fire" mit dem Hoolahoop in seiner Intonation ein starker Interpret.

Mit seinen Auftritten sorgte er in der Hochphase von Beat, Doowop, Country und Rock'n'Roll für Ekstase, obwohl er eigentlich etwas dezent anderes machte, nämlich Boogie-Rock, worauf er mit seiner Eigenkomposition "Lewis' Boogie" auch hinweist. Ihm war es essenziell, mit dem Finger darauf zu zeigen, dass sich diese Musik einzig und originär der 'schwarzen', der damals noch rechtlich völlig ungleichen afroamerikanischen Bevölkerung verdankt, die die Alltagsjobs in seiner Heimat Louisiana verrichteten. Er selbst kam aus einem weißen, aber ebenfalls armen Haushalt.

Als der Sender Arte 2013 den "Summer of Soul" ausrief, wurde Jerry als Zeitzeuge ausgerechnet für die Wurzeln des Soul genannt. Und zu Recht, trieft seine Musik, hier in "Hound Dog", im Motown-Classic "Money (That's What I Want)", in "What'd I Say - Part II" und "Whole Lotta Shakin' Goin' On" doch eben vor jener Prise Soulfulness. Viel, viel mehr als etwa Elvis oder Buddy Holly.

Im Gegensatz auch zu einer gewissen "Softness" von Elvis, so Womanizer Jerry Lee in seiner Autobiographie, habe er es für seinen Job gehalten, den Männern auch etwas zu bieten. In jenen Momenten, wenn er das Klavier von der Rückseite anging und es sich aus allen erdenklichen physischen Winkeln unterwarf, arbeitete er hart für die Leute und erleuchtete sie, wie sich eine Zeitzeugin in den US-Südstaaten, Juanita Fair, in jener Autobiographie erinnert. Fuhren die Konzertgäste dann nach dem Gig heim und trotteten wieder in ihre Tabakläden, Stahlöfen und auf Baumwollplantagen, gingen sie dort erhobeneren Hauptes hin. Jerry Lees Konzerte injizierten den Menschen enorm viel Energie, versetzten sie in Ekstase.

Auch für die Zeit nach seinem 85. Geburtstag ist der Meister trotz eines leichten Schlaganfalls (und weltweiter Pandemie) gebucht, um etwa in Schweden zu performen. Obwohl nur wenige Stücke auf sein Songwriter-Konto gehen - hier im Live-Set gerade zwei Tunes - hatte dieser Musiker immer etwas zu mitzuteilen. 'It's the singer, not the song', lässt sich hier über viele Stücke sagen, die gerade er so heiß und im innersten und sexuellsten Sinne als Rock'n'Roll interpretierte.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Mean Woman Blues
  2. 2. High School Confidential
  3. 3. Money (That's What I Want)
  4. 4. Matchbox
  5. 5. What'd I Say - Part I
  6. 6. What'd I Say - Part II
  7. 7. Great Balls Of Fire
  8. 8. Good Golly, Miss Molly
  9. 9. Lewis' Boogie
  10. 10. Your Cheating Heart
  11. 11. Hound Dog
  12. 12. Long Tall Sally
  13. 13. Whole Lotta Shakin' Goin' On
  14. 14. Down The Line (2010 Re-Issue Bonus Track)

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