laut.de-Kritik

Ein Meteor in der Rap-Landschaft.

Review von

"What do you rap for?" Eine Frage, die sich jeder aufstrebende Stern am Hip Hop-Firmament ruhig ab und an stellen darf. Für Jeremiah Jae liegt die Sache auf der Hand: "We only want the money and the food." Wenns weiter nichts ist: Dieses Ziel haben schon einige anvisiert. Die wenigsten stiegen damit allerdings zum erklärten Lieblings-Künstler von Flying Lotus auf.

"Ich verfolge den unfassbaren Fortschritt in seinem Schaffen nun schon seit langem", schwärmt der über seinen jungen Kollegen. "Aus seinem Album sprechen die völlige Hingabe und Ehrlichkeit, die ich auch bei mir selbst, in meiner eigenen Kunst suche." In erster Linie zeichnet Jeremiah Jae aber seine totale, kompromisslose Eigenständigkeit aus.

Wenn "Raw Money Raps" eines zeigt, dann, dass seinem Schöpfer herrschende Moden, die Szene oder was sich dafür hält, ja sogar die Vorlieben und Bedürfnisse seiner Hörerschaft herzlich gleichgültig sind. Der Rapper und Produzent biedert sich nirgends an. Er beugt sich keinem Diktat. Er holt niemanden ab, nimmt keinen auch nur eine Sekunde lang bei der Hand. Infolgedessen kracht sein Debüt in die Rap-Landschaft wie ein Meteor - und liegt da dann: einsam, rauchend, seltsam fremdartig, absolut unvergleichlich.

Vertraute Songstrukturen, Hooklines gar, kann getrost abschreiben, wer sich auf den Abstecher in Jeremiah Jaes Hirnwindungen einlässt. Die erste Ahnung von so etwas Ähnlichem wie einem Refrain birgt "Money", der sechzehnte von neunzehn Tracks. Das umfassende Fehlen gewohnter Raster macht den Konsum von "Raw Money Raps" zu einer überaus anstrengenden, aber auch kolossal spannenden Erfahrung.

Wie Baby Moses in seinem Weidenkörbchen treibt man hilflos auf dem Strom, der Jeremiah Jaes Reglern entspringt. Was der Fluss hinter der nächsten Biegung bereit hält, lässt sich nie absehen. Das zeigt sich stets erst, wenn man sich mittendrin befindet - und möglicherweise gerade kentert. Jeremiah Jae wirft mit Songskizzen, ganzen Tracks, Samples, Rhythmen, Geräuschen und Eindrücken nur so um sich. Daraus erwachsen Beats, die das Gefühl vermitteln, in den sich ständig verändernden Proportionen eines Traums gefangen zu sein.

Den Versuch, sich auf die eine oder andere Einzelheit zu konzentrieren, torpediert Jeremiah Jae konsequent. Kaum hat man ein Detail ausgemacht, wedeln schon drei andere um die Wette mit den Armen und heischen um Aufmerksamkeit. Die gleitet einem währenddessen grußlos durch die Finger, verflüchtigt sich, entfleucht wie Erinnerungsfetzen unmittelbar nach dem Aufwachen.

Rauschen, Flackern, Beeps, Bleeps, Gezirpe und Gezwitscher von allerlei Viechzeug verbrüdern sich je nach Bedarf mit raumgreifenden Bässen, Streicherkitsch, einer Akustikgitarre oder Fetzen, die wie wahlweise aus einem angestaubten Abenteuerfilm, einem Mafiastreifen oder einer unerfreulichen Nachrichtensendung gerissen scheinen. Melodieelemente dudeln dazwischen und trudeln vorbei. Autistisches Mitwippen stellt sich fast automatisch ein.

Während andere Rapper ihre Beats reiten, operiert Jeremiah Jae aus deren Mitte heraus, wie die Spinne im Netz: Er lässt sich einfach mit in die überdimensionierte Küchenmaschine fallen, in der seine Knethaken dem Verstand der Zuhörer den Rest geben. Seine Zeilen, ohne Anfang, ohne Ende, sind plötzlich einfach da. Dass er zuweilen im Gemenge untergeht: ihm offenbar so wurscht wie die lückenlose Verständlichkeit seiner Texte.

Jeremiah Jae geht es weit mehr darum, eine Stimmung zu erschaffen. Das gelingt ihm mit seiner emotionslosen, dennoch beschwörenden Darbietung, die beiläufig, ohne jede Regung, häufig wie das Rezitieren von längst in Fleisch und Blut übergegangenen Gebetsformeln wirkt, ganz ausgezeichnet. "False eyes they're looking at me". Ihr lauernder Blick lässt sich schier zwischen den Schulterblättern spüren.

Trackliste

  1. 1. Man (Revolution Pt. 1)
  2. 2. Guns Go Off
  3. 3. Greetings feat. Tre
  4. 4. Rover
  5. 5. Leaders
  6. 6. Ignorant Mask feat. K Embry
  7. 7. Cat Fight
  8. 8. Tourist
  9. 9. Money And Food
  10. 10. Wires
  11. 11. Seasons
  12. 12. False Eyes
  13. 13. One Herb
  14. 14. The Great Escape
  15. 15. Raw Money (Passage)
  16. 16. Money
  17. 17. Guerrilla (Evolution Pt. 1)
  18. 18. Hercules Versus The Commune
  19. 19. Cable

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