laut.de-Kritik

Liederbuch mit Retrocharme.

Review von

"Was sagt man zu Menschen, wenn man traurig ist" - der Titel der neuen Platte von Jasmin Tabatabai lässt, gepaart mit dem fast sakralen Albumcover, ermuten, dass man hier kaum Frühlingsgefühle finden wird – eher den Soundtrack einer persönlichen Tragödie. So lockt Tabatabais zweites Jazz-Album den Rezipienten zielgerichtet in eine Sackgasse. Die persönliche Note ist nur dezent aufgestrichen, post-produktiv eingefügt, weil die gelernte Schauspielerin hier unterschiedliche Kompositionen von Kurt Weill bis zu Puhdys im Jazz-Format remixt.

Dabei überzeugen vor allem die Arrangements von Tabatabais musikalischem Partner-in-Crime David Klein. Klein baut zusammen mit Peter Gall (Drums), Matthieu Michel (Trompete), Olaf Polzieh (Piano) und Ingmar Heller (Bass) einen entspannten und technisch passenden Jazz-Sound, der angenehm unaufgeregt daher kommt. Und Tabatabai überzeugt im Gegensatz zu vielen singenden Schauspieler-Kollegen auch stimmlich. Einzig diese Idee eines Jazz-Cover-Albums ist wirklich gähnend langweilig und besitzt in etwa die Energie eines Weihnachtsalbums.

Speziell die beiden englischen Songs "Catch Me" und "Another Sad Song" klingen nach Hintergrund- und Fahrstuhl-Musik, da bleibt leider nicht viel hängen. Zwar haben Tabatabai und Klein vielschichtige und total unterschiedliche Stücke und Kleinode ausgegraben und aktiv kombiniert. Doch leider ist das Soundbild, in dem die Songs aufgezogen werden, extrem generisch, so dass das Potential der Vielfalt zu keinen Zeitpunkt abgerufen werden kann.

Und doch wird diese Platte ihre Zuhörer finden. Weil die zur Schau gestellte Entschleunigung und der aktive Rückbezug auf die gute, alte Zeit der Chansons von Hildegard Knef und Marlene Dietrich eine Art Heimatgefühl aktiviert, von dem sich Max Raabe schon seit Jahren und Jahrzehnten nährt.

Ich selbst sehe aber vor allem ungenutztes Potential: Was für ein spannendes Projekt hätte hier entstehen können, wenn das musikalisch über jeden Zweifel erhabene Quintett zusammen mit der charismatischen Frontfrau an wirklich neue Ideen gewagt und unbetretene Gebiete geentert hätte. So aber marschiert die deutschsprachige Jazzszene, die Tabatabais Debüt 2012 als beste Newcomerin mit dem "Echo-Jazz" auszeichnete, stetig im Kreis.

Wir hören DDR-Rock ("Wenn ein Mensch lebt") und Reinhard Mey-Songs ("Aller guten Dinge sind drei") im vermeintlichen Jazzgewand. Das hat so eine merkwürdige Liederbuch-Dynamik und einen gewissen Retrocharme, aber viel mehr eben auch nicht.

Einen eindeutigen Höhepunkt hat die Platte aber doch zu bieten: Kurt Weills Komposition "Youkali". Selbiges hat der Brecht-Spezi im Exil und auf der Flucht vor den Nationalsozialisten verfasst. Und hier geht die Idee des Coverns einmal voll auf, weil die Künstlerin eine eigene Aussage und ihre eigene Geschichte in den Song zu projiziert und diesen aktiv zu erweitert (Tabatabai und ihre Eltern wanderten selbst 1979 auf der Suche nach Freiheit aus dem Iran aus). Und weil die Thematik vor dem Hintergrund der aktuellen Lage in Europa und der Flüchtlingskrise in diesem Stück aktiv aufflimmert.

So ergibt sich ein markanter Brückenschlag zwischen dem reaktivierten Liedgut, der Sängerin und dem gegenwärtigen Diskurs. Einzig "Gole Sagam", Tabatabais Version eines persischen Volkslieds, erzeugt ein ähnliches Momentum. Der Rest des Album fällt aus genannten Gründen aber ab.

Trackliste

  1. 1. Was sagt man zu den Menschen wenn man traurig ist?
  2. 2. Catch Me
  3. 3. Another Sad Song
  4. 4. Tamerlan
  5. 5. Aller guten Dinge sind drei
  6. 6. Puppet On A String
  7. 7. Wenn ein Mensch lebt
  8. 8. Gole Sangam
  9. 9. After You Killed Me
  10. 10. Nur das und nicht mehr
  11. 11. Youkali
  12. 12. Je vole
  13. 13. Anna Luise
  14. 14. La Le Lu

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LAUT.DE-PORTRÄT Jasmin Tabatabai

Der Vater ist Perser, die Mutter Deutsche. Kennengelernt haben sich die beiden auf dem Oktoberfest. Geboren wird Jasmin am 8. Juni 1967 in Teheran, Iran.

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