laut.de-Kritik

Der Spaß, die Liebe, die Popmusik: Alles ist politisch.

Review von

Ein bisschen frustrierend ist es ja schon. Mit "Dirty Computer" liefert Janelle Monáe ihr konkretestes politisches Album ab, verbindet Identitäts-Politik mit Fragen sozialer Gewalt und bettet ihr Statement in absolut zeitgenössische, genre-übergreifende Pop- und R'n'B-Songs ein. Mancher Kritiker verkauft sie trotzdem ungebrochen weiter als Prince-Throwback.

Man höre Prince in den Beats. Man höre Prince in den Texten. Außerdem hat Prince ja auch mitproduziert. Wusstet ihr, dass Prince ihr größter Einfluss ist? Janelle Monáe ist quasi eine Prince-Coverband! Während der Mainstream sie konsequent weiter verschläft, könnte Janelle diese Pressestimmen vermutlich auch mit einem Handstand auf einem Einrad nicht davon überzeugen, dass sie ein eigenständiger Mensch ist.

Dabei gäbe es kaum ein besseres Album, um das klarzustellen. Statt, wie auf den beiden Vorgängern, aus der Perspektive von Androidin Cindi Mayweather zu agieren, besetzt Janelle selbst diesmal den Frontsitz, um einen unmittelbareren Blickwinkel auf das politische Klima zu finden. Dabei variiert sie mühelos zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft, zwischen systematischer Unterdrückung und menschlicher Erfahrung, zwischen Macht und Sex.

"See, if everything is sex / Except sex, which is power / You know power is just sex / You screw me and I'll screw you too", singt sie auf "Screwed" und stellt damit gewissermaßen die Kernthese von "Dirty Computer" auf. Alles ist politisch. Auch der Spaß, die Liebe und die Popmusik. Um so treffender also, dass neben direkten Angriffen auf den Status Quo wie "Django Jane" oder "Americans" auch ein ganzer Schlag überraschend leichtfüßiger Pop-Nummern ihren Weg auf die Platte gefunden haben. Lebensfreude als Widerstand, sozusagen.

"Screwed" erinnert ein wenig an die Blütezeit von Madonna, so beschwingt und treibend begleitet die Bassline den sommerlichen Mitsing-"Let's get screwed"-Refrain. "I Got The Juice" und "I Like That" nehmen 808-lastigere Texturen auf, ersteres für einen Pharrell-unterstützten Stampfer, zweiteres für eine sinnliche Trap-Ballade.

Auf "Crazy, Classic, Life" beschreibt Janelle diesen Zustand als "Young, black, wild and free / Naked on a limousine" und fasst damit die exzentrische, lebensfrohe Seite des Albums einwandfrei zusammen. In einem ähnlichen Timbre erinnern die Abschlusstöne von "Americans" ein wenig an die Abspannmusik eines Springbreak-Streifens. Eine derart zynische Vereinnahmung von klassischem Pop-Sound fand vermutlich zuletzt bei Marina And The Diamonds statt.

Um so interessanter deshalb, dass zwischen all der elektronischen Zuckerwatte immer wieder schlagartige Beatwechsel auftreten, zum Beispiel die eindringliche Rap-Passage im letzten Teil von "Crazy, Classic, Life" oder der Spoken Word-Breakdown auf "I Like That", auf dem sie sich mit einem Augenzwinkern über Hänseleien aus der Schulzeit erhebt. Generell hagelt es immer wieder Seitenhiebe auf all diejenigen Menschen, die ihr unter dem Vorwand Steine in den Weg legten, sie sei zu laut, zu schwarz oder zu männlich.

Als Herzstück der Platte kristallisiert sich in dieser Hinsicht "PYNK" heraus, da der Song nicht nur alle politischen Qualitäten in eine subtile Synth-Nummer kondensiert, sondern auch nach dem explosiven "Django Jane" einen erbaulichen Ansatz auf den destruktiven Angriff folgen lässt. Mit Grimes-Backing-Vocals und stilistischem Autotune fühlt dieser Song sich zerbrechlicher, sanfter als die meisten Stücke der Platte an. Der entstehende Raum für die viel beredete "Pussy Power" wirkt inmitten der energetischen Platte wie ein progressiver Entwurf von sexueller Freiheit, losgelöst und vereinnahmend.

Und, ja: Natürlich gibt es auch die sehr Prince-esken Nummern "Make Me Feel" oder "Take A Byte", auf denen klar 80er-inspirierte Synth-Leads auf elektronische Gitarren treffen, um die alte Schule des R'n'B zu kanalisieren. Der Punkt ist: Auch diese Facette ist nur eine unter vielen. Für jeden Throwback und jede Verneigung vor ihren Wegbereitern (von Hommagen an TLC bis hin zu Kollaborationen mit Brian Wilson) birgt "Dirty Computer" unglaublich kompetente moderne Einflüsse, seien es zeitgemäßer Hip Hop oder Trap, Sound-Chaos aus dem N.E.R.D-Spielbuch, Synth-Pop mit einem Funken Grimes oder die alternative R'n'B-Strömung der vergangenen Jahre. Janelle Monáe vereint nicht nur verschiedene Zeiträume, sondern ganze Stilrichtungen und Ästhetiken in ein homogenes und charakteristisches Album.

Selbst das ist nicht die größte Stärke von "Dirty Computer". Auch wenn Janelle immer noch ein wenig zu distanziert und professionell wirkt, um als Künstlerin wirklich nahbar zu sein, gibt die neue Platte und die Überwindung der Figur Cindi Mayweather einen deutlich lebendigeren und intensiveren Einblick in Janelles Realität. Das Album kehrt persönliche Facetten nicht fürs Spektakel oder Melodrama nach außen, sondern behält stets einen größeren, gesellschaftlichen Rahmen im Hinterkopf. Es arbeitet Beispiele von Sexismus und Rassismus oder von sozialer Chancenungleichheit aus Janelles Vergangenheit auf, um sie direkt einer afrofuturistischen Vorstellung von Freiheit und Gleichheit gegenüber zu stellen.

Deshalb sind auf "Dirty Computer" auch die Zitate von Stanislav Lem oder Philip K. Dick passé. Inzwischen entwirft Janelle die Zukunft nämlich selbst oder attackiert die Instanzen, die sie davon abhalten, diese aufzubauen. Die Platte verfällt nicht in Echokammer-Bestätigung, nicht in Pro-Forma-Trump-Bashing oder ins zwanghafte Abklappern kontroverser Themen. Janelle Monáe steht im Epizentrum dieser sozialen Bewegung und kanalisiert noch mehr als bei ihren bisherigen Releases ihren politischen, sozialen und menschlichen Standpunkt in pointiertes, treffsicheres und hoffnungsvolles Songwriting. "Dirty Computer" ist ein Etappensieg für eine der wichtigen Stimmen dieser Tage und sollte als mehr behandelt werden als die Mentoren-Hommage einer Schülerin von Prince.

Trackliste

  1. 1. Dirty Computer (feat. Brian Wilson)
  2. 2. Crazy, Classic, Life
  3. 3. Take A Byte
  4. 4. Jane's Dream
  5. 5. Screwed (feat. Zoe Kravitz)
  6. 6. Django Jane
  7. 7. Pynk (feat. Grimes)
  8. 8. Make Me Feel
  9. 9. I Got The Juice (feat. Pharrell Williams)
  10. 10. I Like That
  11. 11. Don't Judge Me
  12. 12. Stevie's Dream
  13. 13. So Afraid
  14. 14. Americans

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14 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    In The Quietus steht, dass Prince in das Projekt involviert war. Man hört es auch deutlich raus. Man muss sich nur die Instrumentierung oder die rhythmische Struktur vor Augen führen, teilweise sogar einzelne Funk-Riffs. Das Riff von "Kiss" kopiert sie auf dem Album nicht nur, sondern übernimmt es 1 zu 1. Demgegenüber führt sie musikalisch sein Vermächtnis grandios fort, aber wer so offensichtlich den Mentor zitiert, muss sich diesen Vergleich auch gefallen lassen. Mir gefallen auch die Prince-lastigen Songs besser als der etwas zu harmlose Synth-Pop von "PYNK" oder der Track mit Pharrell, der sich etwas in Leerlauf verliert, wären nicht seine Raps.

    Nichtsdestotrotz verbindet sie unterschiedliche Genres zu einem eigenständigen Soundclash, mit feministischen und politischen Lyrics garniert, der Laune macht. Jedes Mal kristallisiert sich ein anderer Track als Favorit heraus. Momentan ist es die Ballade "Don't Judge Me", die mich an Madonna der 90er im positiven Sinne erinnert.

  • Vor 2 Jahren

    DANKE für diesen Einstieg, Yannik. ♥

  • Vor 2 Jahren

    Prince Vermächtnis?!....Ach kommt Leute! Das ist Hupfdohlenmusik gemacht für Hupfdohlenfans! Wird sicherlich steil gehen undso aber daß wird überbewertet weil irgendwie und irgendwo Prince drauf steht. Kopfschüttelnde 1/5

    • Vor 2 Jahren

      Krass. Hätte nicht gedacht, dass man an diesem Album etwas schlecht finden kann ;) Bzw. zwischen einer 1/5 für Janelle und einer 1/5 für zB. Camila Cabello liegen für mich Welten.