laut.de-Kritik

Madchester-Urgesteine am Nabel der Zeit.

Review von

"We're all gonna die, that's the truth". Eine unausweichliche Tatsache, die jedoch die wenigstens einfach so in den Raum werfen würden. Wohl gerade deshalb leitet Sänger Tim Booth die wilde Fahrt durch James' 16. Studioalbum "All The Colours Of You" genau mit diesem denkwürdigen Worten ein. Nach 40 Jahren Bandgeschichte könnte man meinen, dass es irgendwann nichts mehr zu sagen gibt. Die Briten sehen das ganz anders. James haben mehr zu sagen als jemals zuvor und nehmen dabei zahlreiche gesellschaftliche Missstände und Tragödien der vergangenen Monate und Jahre mit passionierter Direktheit in ihr musikalisches Visier.

Der Titeltrack "All The Colours Of You" verkörpert mit hoffnungsvollen Lyrics, spannungsgeladenem Arrangement und gefühlvollen Bläsernuancen den Mix aus Hoffnung und Verzweiflung der "Disunited States" während der Ära Trump. Auch die zynische Ballade "Miss America" taucht tiefer in die Schreckensherrschaft des "Man with the tan" ein. Einspieler von Demonstrationsreden, gefolgt von Schüssen und Schreien sorgen dabei in der Mitte des mitreißenden Songs sogar für noch schwerverdaulichere Kost.

"Recover" geht eine Stufe weiter und offenbart eine besonders schmerzliche persönliche Erfahrung. Als rührender Tribut an Booths Schwiegervater, der im letzten Jahr in Folge einer Corona-Infektion verstorben ist, verleihen gerade die minimalistische Instrumentalisierung und die intime Vocalperformance dem Song ein Höchstmaß an Intensität und Respekt. Ein Verdienst, der nicht zuletzt auch der Zusammenarbeit mit dem renommierten Produzenten Jacknife Lee zu verdanken ist.

Dass James aber auch anders können, beweisen sie mit "Beautiful Beaches". Der offenere und leichtere Pop-Sound verkörpert auf musikalischer Ebene den perfekten Soundtrack für einen sonnigen Nachmittagsausflug, wäre da nicht erneut eine lyrische Schwere. Klimawandel und die eigene Flucht vor den kalifornischen Waldbränden vergangenen Jahres offenbaren ein abermals einschneidendes Erlebnis in Booths Leben. Gerade die bombastisch verzerrten Outro-Drums à la Tame Impalas "It Might Be Time" verdeutlichen dabei unmissverständlich die Notwendigkeit einer globalen Veränderung.

Der Übergang in "Wherever It Takes Us" ist in der Folge wiederum so fließend, dass man bis zum ersten Einsatz des Synth-Bass überhaupt keinen neuen Song vermutet. Schnell folgt aber eine andere Richtung. Mit predigtartigen Strophen und weiten Chören im Refrain macht die Band Talking Heads' "Once In A Lifetime" alle Ehre. Die frühere Zusammenarbeit mit Brian Eno auf "Wah Wah" erfährt mit unzähligen Ambient-Sounds ebenfalls eine kurzweilige Wiederauferstehung.

Einen fehlerlosen Vollsprint ins Ziel legt das Album dennoch nicht hin. Gerade durch die enorme Qualität der besten Songs, werden Durchhänger wie die ungewöhnliche Dance-Synth-Fusion "Magic Bus" und das erschreckend uninspirierte "Hush" unweigerlich bloßgestellt. "Getting Myself Into" ist hingegen eine weitere popinspirierte Idee mit melodischem Honky-Tonk-Klavier, die jedoch an keinem Punkt mit der Qualität von "Beautiful Beaches" mithalten kann.

Dass "All The Colours Of You" ein politisches und persönliches Statement wird, war bereits im Vorfeld der Veröffentlichung zu erwarten. Anstatt bei der Umsetzung jedoch erzwungen und aufdringlich vorzugehen, kreieren James ein routiniertes Musikerlebnis mit viel Herz, Charakter und einem Funken Hoffnung für eine bessere Zukunft. So düster der erste Satz des Albums auch klingen mag, so hoffnungsvoll und versöhnlich lässt der letzte Satz auf "XYST" die Platte ausklingen: "You're one of us."

Trackliste

  1. 1. ZERO
  2. 2. All The Colours Of You
  3. 3. Recover
  4. 4. Beautiful Beaches
  5. 5. Wherever It Takes Us
  6. 6. Hush
  7. 7. Miss America
  8. 8. Getting Myself Into
  9. 9. Magic Bus
  10. 10. Isabella
  11. 11. XYST

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