26. Oktober 2008

"Und wenn es den Leuten nicht gefällt?"

Interview geführt von

Im Interview spricht James Morrison über Vorbilder wie Stevie Wonder, eine unangenehme Begegnung mit Madonna und seine neue Rolle als Vater.James Morrison ist ein energiegeladener 23-Jähriger. Er lacht viel, gestikuliert lebendig und strahlt eine jugendliche Unbekümmertheit aus, mit der er die Menschen schnell für sich einnimmt. Ich treffe ihn in der Pro-Bier Stube, in einem Berliner Hotel. Sehr deutsches Ambiente, aber man merkt sofort, dass es sich hier um einen Engländer handelt. Von den Getränken nimmt er sich weder Cola noch Fanta, sondern gießt sich eine Tasse Tee ein. Dazu ein Schuss Milch.

Freust du dich auf die Veröffentlichung deines zweiten Albums oder hast du Angst?

Ja Mann, ich bin nervös, aber auch aufgeregt. Ich habe vorhin schon daran gedacht, es kommt näher und näher. Es ist beängstigend, ein Album mit persönlichen Liedern zu veröffentlichen. Besonders wenn man sein Herzblut hinein gesteckt hat, und wenn es die Leute dann nicht mögen - uuh fuck! Ich bin zuversichtlich und leicht nervös.

Es geht viel um Liebe.

Ja, viel. Ich war eine Menge unterwegs, ich war lange weg, und das ist es, was mich auf dem Boden hält.

Liebe?

Ja, wirklich. Das hilft viel.

Du willst auf dem Boden bleiben, weil du so plötzlich erfolgreich wurdest?

Ja, ich bin abgegangen wie eine Rakete! Und das ist das Problem, was es so beängstigend macht. Ich wusste nicht, dass es sich so gut verkaufen würde. Ich wusste nicht, wie man ein Album macht, das sich drei Millionen Mal verkauft. Ich hab einfach ein Album gemacht, mit dem ich mich gut gefühlt hab, und dann hat es sich so verkauft! Und diesmal ist es viel schwieriger. Weil dir jeder sagt, es muss wieder zwei Millionen verkaufen. Ich weiß nicht wie das geht! Ich glaube nicht, dass irgendjemand weiß, wie das geht.

Aber deine Produzenten helfen dir?

Ja, es hilft, mit guten Leuten zusammen zu arbeiten. Ich habe mit den meisten Leuten vom ersten Album gearbeitet, weil es einfacher ist, Songs mit jemandem zu schreiben, den du kennst. Ich mag es, mit anderen Menschen zu arbeiten. Es ist gut, die Ideen herumzuwerfen und wenn ich feststecke, dann kennen sie mich und wissen wo ich ankommen möchte. Es ist einfacher mit Leuten zu arbeiten, die du kennst. Ich hab aber auch neue Leute ausprobiert, wie Ryan Teddar von One Republic, mit dem ich einen Song geschrieben habe.

Es ist ein gutes Album, nicht nur weil ich mit Leuten gearbeitet habe, die ich schon kenne, und die mit guten Ideen kamen, sondern weil ich auch mit anderen Künstlern gearbeitet habe. Das ist ein gutes Gefühl. Als Künstler Leute zu bekommen, die mit dir arbeiten wollen, ist immer eine gute Sache.

Also bist du zufrieden?

Ja, ich hab das Gefühl es hat schon eine Karriere gemacht, selbst wenn es noch nicht veröffentlicht wurde. Ich hab das Gefühl, dass es definitiv wächst.

Warum machst du Musik?

Ich fühl mich einfach besser, wenn ich Musik mache. Ich kann Musik hören und mich dabei wohl fühlen, nur die Musik zu hören. Wenn ich keine Musik machte, würde ich Däumchen drehen und pfeifen (pfeift). Es ist gut um deine Gefühle los zu werden und deine Frust. Wenn du ein Gefühl spürst und nicht genau weißt, wie du es beschreiben sollst, dann kannst du immer ein Song daraus machen. Ich liebe es, Lieder zu schreiben.

Und warum sollten die Leute deine Musik hören?

(Lacht) Fuck it out! … Ähm, ich versuche ehrlich in meinen Liedern zu sein. Ich versuche Lieder zu schreiben, die das reflektieren, was ich fühle und mit denen sich die Leute identifizieren können. Du kannst die Lieder mitsingen, die Texte auf dich beziehen, und außerdem ist Nelly Furtado auf dem Album. Es ist eine gute Balance zwischen frischen Sachen und Sachen, die ich immer geliebt habe. Ich glaube, die Leute sollten es hören, weil Musik eine gute Sache ist. Und wenn ich es richtig gemacht habe, dann sollte sie ihre Aufgabe erledigen: dass die Leute sich besser fühlen.

Sollten die Leute dich ernst nehmen?

Ich will nicht zu ernst sein, aber es stimmt schon. Ich scherze nicht rum, wenn ich einen Text singe. Ich nehme das Leben ernst, aber ich versuche es zu genießen. Ich nehme es nicht zu ernst! Aber das Leben ist ernst. Du hast nur ein Leben und du solltest wissen, ob das, was du machst, auch gut für dich ist. Anstatt nur so poppigem Scheiß mag ich es, wenn die Dinge bedeutungsvoll sind.

"Ich mag Madonna nicht"


Was ist gut daran, plötzlich erfolgreich zu sein?

Es haut mich sogar jetzt noch um, weil es so schnell passiert ist! Wenn du nicht erfolgreich bist, musst du noch einen anderen Job haben. Was ich schon hatte! Ich hab Plakate geklebt und dann bin ich ins Studio gegangen, um Lieder aufzunehmen. Geld gibt dir viel mehr Möglichkeiten, etwas zu machen, etwas zu erreichen. Das macht es dir komfortabler.

Und was ist das Problem am Erfolg?

Viele Leute um dich herum verändern sich!

Ja?

Ja. Die Wahrnehmung der Leute verändert sich. Da ist es manchmal schwierig, ein normales Gespräch mit Leuten zu führen, die dich nur als James Morrison kennen. Die sind dann ständig so: (verstellt die Stimme) "Wie hast du bloß diesen Song geschrieben, der … (Stimme normal, sauer) Woh, woh, woh, sccchhhht! Red einfach normal, ja!"

Und abgesehen davon macht es dir auch eine Menge Druck, den Erfolg zu wiederholen. Aber naja, das ist Teil des Spiels! Du musst dir Druck machen, weil es so viele gute Musiker da draußen gibt. Du musst dir Druck machen, um im Spiel zu bleiben.

Bist du die selbe Person wie vor dem Erfolg?

Ja, definitiv! Ich hab mich nicht verändert, ich hab mich nur an die Situation angepasst. Ich vermute irgendwie, der größte Unterschied ist, dass ich mir keine Sorgen mehr um Rechnungen machen muss. Ich hab Geld auf der Bank, ich hab mir ein Haus gekauft, ich bin viel ruhiger. Aber ich bin immer noch die selbe Person, hab die gleichen Sorgen über die gleichen Dinge.

Magst du die Leute, die du jetzt triffst? Die ganzen Musiker, von denen du vorher nur gehört hast?

Ich habe viele Leute getroffen. Viele Musiker von denen ich vorher nichts wusste und Leute, die meine Idole sind. Das ist unglaublich, jemanden zu treffen, der dich musikalisch so beeinflusst hat. Ich hab immer Stevie Wonder gehört und Ray Lamontagne, Rod Stewart, Cat Stevens, und ich hab sie alle getroffen! Das ein unglaubliches Gefühl.

Sind sie ehrlich?

Ja, die meisten Musiker sind ehrlich. Echte Musiker! Es gibt aber auch viele Faker. Die so: (verstellt die Stimme) "Ich bin so verdammt cool ..." (schlägt den Kragen hoch) Und du so: "Was auch immer, Mann!". Ich hab Madonna getroffen, sie war nicht sehr nett. Aber ich mag Madonna nicht, also hat es mich nicht überrascht. Ich mag Leute, die gute Musiker sind. Und zu 95 % sind es nette Leute. Ich fühle das durch ihre Musik. ... Ja, Musik erzählt dir viel über eine Person, glaube ich.

"Ich hab ein Baby. Seit zwei Wochen."


Du warst mal Straßenmusiker?

Ja, das war gut. Ich habe es geliebt, auf der Straße zu singen. Es ist eine gute Möglichkeit, Geld zu verdienen. Und du kannst vor sie vielen verschiedenen Leuten spielen, du weißt nie, wer kommen wird. Es ist eine ziemlich direkte Art, Musik zu spielen. Sie müssen dir nicht zuhören und wenn sie es machen, dann weißt du, dass du etwas richtig machst. Eine entspannte Möglichkeit, Lieder und deine Stimme zu testen.

Es war eine gute Möglichkeit für mich, selbstbewusst zu werden. Ich war nicht sehr selbstbewusst, als ich jünger war. Und auf der Straße zu spielen, hat mich selbstbewusster gemacht. Davor hab ich nur gesagt: "Nein, ich werd nicht vor dir spielen, das macht mir Sorgen!" Und die Straßenmusik hat das ein bisschen vereinfacht.

Hast du Geld gemacht?

Ja! Manchmal wenig, aber manchmal ziemlich viel. Einmal 65 ... in Euro wären das wahrscheinlich 80 Euro in einer Stunde! Das war gut.

Ich habe diese Geschichte über deine Stimme gehört, könntest du die kurz erzählen?

Naja, ich hatte Keuchhusten als ich geboren wurde (keucht und hustet heftig, um es nachzumachen). Ich wäre vier Mal fast gestorben.

Wie alt warst du da?

Ich war so ungefähr sechs Wochen alt. Sie sagten, ich werde bleibende Hirnschäden haben. Aber zum Glück kam ich dann wieder in Ordnung, und das hat mir meine heisere Stimme eingebracht.

Was sind deine Pläne für die nächste Zukunft?

Auf Tour gehen, eine gute Zeit haben ...

Wann startet die Tour?

Ich hab im November einige Gigs in England und ich werde eine große Tour im Januar/Februar machen. Außerdem hab ich ein Kind, ich hab ein Baby. Seit ungefähr zwei Wochen.

Oh, herzlichen Glückwunsch!

Ich werde also auch Vater sein in Zukunft.

Hast du Zeit dafür?

Ich muss mir Zeit nehmen.

Kannst du das?

Ja, definitiv! Ich kenne viele Leute die Kinder haben, in der Musikindustrie sind und für lange Zeit weg sind. Das hat die Kinder nicht zu stark beeinflusst. So lange es weiß, dass ich der Dad bin und ich es regelmäßig sehe und es liebe, ist das in Ordnung!

Wir machen schnell ein Foto, und während ich mich noch vom Manager verabschiede, malt James schon Strichmännchen auf eine Papier-Leinwand.

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT James Morrison

Mit diesem Namen trägt ein Musiker eine gewaltige Hypothek mit sich herum. Dass automatisch Assoziationen zu Van oder Jim vor dem geistigen Auge erscheinen, …

Noch keine Kommentare