laut.de-Kritik

Ein halbes Hemd muckt gewaltig auf.

Review von

Johnny Cash, Bob Dylan, Elvis Presley, Donovan: Namen, die einem 18-jährigen Teenager heutzutage ähnlich viele Rätsel aufgeben, wie der ü-60-Fraktion die Begriffe Apps, iPhone und Social-Media. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. So tingelt seit gut zwei Jahren ein schmächtiger Jungspund Namens Jake Bugg durch Großbritannien und erbringt den Beweis, dass das Verständnis für die Essenz des Songwritertums nicht erst im hohen Alter einsetzen muss.

"Ich wünschte manchmal, ich wäre vor 50 Jahren geboren worden", sagt das gerade erst volljährig gewordene halbe Hemd aus Nottingham. Sieht man ihn an, glaubt man ihm kein Wort. Sneakers, gängige Emo-Jeans, Retro-Trainingsjacke und zerzauste Britpop-Frisur: Jake Bugg erinnert rein äußerlich eher an einen bisher geheim gehaltenen Sohn von einem der Gallagher-Brüder. Lauscht man aber den Klängen seines selbstbetitelten Debütalbums erfolgt der Kniefall eines jeden Freundes von basisorientierten Timetravel-Sounds noch ehe der Brite im Opener "Lightning Bolt" die zweite Strophe anstimmt.

Dabei klingt Buggs markantes Organ, als würden sich Neil Young und Heintje in den Armen liegen. Zwei Künstler, die ebenso weit voneinander entfernt sind, wie Nordkoreas Kim Jong-un von einem Facebook-Login. Und dennoch: Gebündelt in der Stimme Buggs verwandelt sich Gegensätzliches urplötzlich in ein einzigartiges Ganzes.
Punktgenau treffen des Sängers Verse auf simple Akkordabfolgen und treibende Bassdrum-Kicks.

Eingebettet im Shellac-Gewand knistern sich die rostigen sechs Saiten seiner Akustischen wahlweise forsch und revoltierend ("Lightning Bolt", "Taste It", "Trouble Town") oder zart und gezupft ("Country Song", "Broken", "Someone Told Me") in einen nicht enden wollenden emotionalen Yin und Yang-Rausch.

Ob Blues, Country, Folk oder Britpop: Jake Bugg tritt für jedes der genannten Handmade-Genres als ehrwürdiger Bote auf. Mit schier unbegreiflicher Authentizität füttert der 18-Jährige das Fundament von eingangs erwähnten Branchen-Heroen mit Geschichten über Fish'n'Chips, filterlose Kippen und eingeworfene Pillen.

Übrig bleibt der Wunsch all dieser Vorstadt-Tristesse irgendwann einmal zu entfliehen. Mit Noel Gallagher als Mentor und einem fast schon beängstigenden Heimat-Hype im Rücken, dürfte sich dieser Wunsch mittlerweile längst erfüllt haben. Bleibt nur zu hoffen, dass dem Shootingstar aus Nottingham all die völlig zu Recht angestimmten Lobgesänge nicht vom eingeschlagenen Kurs abbringen. Es wäre nicht nur schade drum, es wäre eine Schande.

Trackliste

  1. 1. Lightning Bolt
  2. 2. Two Fingers
  3. 3. Taste It
  4. 4. Seen It All
  5. 5. Simple As This
  6. 6. Country Song
  7. 7. Broken
  8. 8. Trouble Town
  9. 9. Ballad Of Mr Jones
  10. 10. Slide
  11. 11. Someone Told Me
  12. 12. Note To Self
  13. 13. Someplace
  14. 14. Fire

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19 Kommentare

  • Vor 6 Jahren

    Also die ersten 4 Songs sind top. Seen it all ist wohl eins der besten Songs der letzten paar Jahre, simple, eingängig und cool. Der Rest des Albums, ab Nummer 5, ist dann aber mega, mega, langweilig. Schade, hab nach dem guten Start wirklich was besseres erwartet. Lediglich Truoble Town ist fetzig, alles andere ist halt sehr ruhig, langsam. Es erinnert mich ein wenig an Springsteens Nebraska, nur dass Bruce tolle Geschichten erzählt, Jake aber sein Tagebuch. Das Album fällt also alles in allem ruhiger aus als ich erwartet habe und die 5 Punkte kann ich nicht nachvollziehen, aber hey, ihr habt auch Mumford and Sons 5 gegeben, der wohl langweilsten Platte auf Erden.

  • Vor 6 Jahren

    Ist ein schönes Album geworden. Wird sich bestimmt noch häufiger bei mir drehen, auch wenn mir trotz mehrerer Durchläufe immer noch die Begründung für den fünften Stern fehlt, dazu fehlt dem Album entweder die Ausgeglichenheit oder ein alles überstrahlender Song. Vier Sterne gehen in Ordnung, allein schon wegen des sehr schönen Einstiegs und der Hoffnung, daß da in der Richtung noch mehr kommt.
    Gruß
    Skywise

  • Vor 6 Jahren

    Macht saumäßig Spaß, inwiefern das alles aufgebauscht, überhyped und in Grün schon mal dagewesen war, ist mir doch wumpe.
    *Laaiit neng Boult*