laut.de-Kritik

Extravagante Reise in komplexe Klangwelten.

Review von

Drei Jahre nach ihrem viel umjubelten Debüt "Howlin" legt das Alternative-Duo Jagwar Ma nach. "Every Now & Then" nimmt einige Elemente seines Vorgängers auf: sphärischen Ambient, tanzbare Rhythmen und fließende Übergange zwischen den Songs. Die Australier geben sich dieses Mal jedoch zurückhaltender und weniger treibend, dafür experimenteller im Detail. Dies erschwert zunächst den Zugang ob der schieren Masse an Sounds und überlagertem Gesang, doch das sollte einen nicht abschrecken.

Der Einstieg "Falling" kommt dank verspulter Vocals und atmosphärischer Bässe fast sakral daher und lässt buchstäblich in die faszinierende Klangwelt Jagwar Mas eintauchen. "Say What You Feel" mit 70er-Hippieflair à la Tame Impala und Country-Gitarre steckt mit guter Laune an. Gegen Ende tauchen Steeldrum-Synthies auf, die den psychedelischen Touch des Albums anpreisen.

Die gediegenen Songs ertönen mit samtigen Electronica-Sounds und verschleppenden Beats. "Ordinary" zum Beispiel verzaubert als schöner Pop-Song: schmeichelnde Synthies, versteckte Reggae-Vocalschnippsel, verzerrte Violinen und verträumter Refrain. "Slipping" nimmt einen Teppich aus überlagerten Gesangsspuren als Grundlage, flankiert von harten Drums. Die bedrückende Atmosphäre hellen fiepende Synthies und eine verschroben-jaulende Melodie auf. Hier fühlt man sich an MGMTs "Time To Pretend" erinnert.

Jagwar Ma avancieren langsam aber sicher zu einer typischen FIFA-Band: Schon zum zweiten Mal sind sie auf einem Soundtrack des Fußballspiels zu finden. Nach "What Love" auf FIFA 13 packt EA mit "O B 1" erneut einen ihrer Songs auf die aktuelle Ausgabe. In meinen Augen leider die falsche Wahl: "O B 1" enttäuscht mit gleichbleibender Melodie, die sich gegen Ende hin stumpf wiederholt. Zudem passiert es selten, dass die Strophen besser klingen als der Refrain, der relativ leblos wirkt. Da helfen auch die hibbeligen Synthwave-Stakkati und schwebenden Riffs nicht.

"Loose Ends" wäre die bessere Wahl gewesen: Es verknüpft Trompeten und kratzige Vocals mit groovendem Deephouse-Beat, und der saucoole Vortrag Gabriel Winterfields im Chorus passt wunderbar dazu.

Der hervorstechende Monolith "Give Me A Reason" fährt dicke 80s-Synthies sowie etliche Rhythmuswechsel auf. Das Stück lässt während der sieben Minuten Spielzeit genügend Platz zum Eingrooven, unterstützt von eingestreuten Garagebeats. Nach der Hälfte driftet es Richtung tanzbaren Ambient samt Vocodereinsatz ab. Jamiroquais "Supersonic" guckt auch noch vorbei, sodass man sich geschmeidig in Trance torkelt.

Heimlicher Star ist jedoch "Don't Make It Right". Hier vervollkommnen die beiden Jungs ihre ruhige Seite: Wie aus einem Sumpf sphärischer Töne stoßen hallende Samples und Urwaldgeräusche empor. Nie bricht dieser Song aus, zu keiner Zeit verändert er den Rhythmus. Ein Treibsand aus waberndem Ambient, ähnlich wie Daft Punks "Nightvision".

Richtig ausgetobt haben sich Winterfield und Jono Ma auf "High Rotations". Geschnetzeltes aus Technobratzen, psychedelischen Vocals und tiefen Bässen, ein dahin schleppender Beat hält das Ganze irgendwie zusammen. Knarzig-fiepsige Töne komplettieren dieses schwer zu begreifende Ungetüm.

Nach so einem extravaganten Trip durch wilde Klangwelten fragt man sich, wie Jagwar Ma diesen beenden. Die Antwort: sehr sanft. "Colours Of Paradise" spielt mit der Grundmelodie, die es immer wieder mit anderen Instrumenten darbietet. Minimal-Electronica und Deephouse geben sich die Klinke in die Hand und geleiten erhaben Richtung Ausgang.

"Every Now & Then" bedeutet übersetzt 'von Zeit zu Zeit'. Dies scheint zum einen ein versteckter Ratschlag zu sein: Am Stück fordert dieses Album ganz schön. 'In Maßen genießbar' bildet das Credo. Zum anderen eignet es sich dank der mäandernden Melodien hervorragend zum Abschalten. Ab und an zur Ruhe kommen schadet nie.

Trackliste

  1. 1. Falling
  2. 2. Say What You Feel
  3. 3. Loose Ends
  4. 4. Give Me A Reason
  5. 5. Ordinary
  6. 6. Batter Up
  7. 7. O B 1
  8. 8. Slipping
  9. 9. High Rotations
  10. 10. Don't Make It Right
  11. 11. Colours Of Paradise

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