laut.de-Kritik

Wer wäre nicht gerne Drake?

Review von

Ungefähr dreimal jährlich kreuzt im Rapgeschäft eine neue Figur auf, die gefühlt sofort nach oben durchgereicht wird. Die eine Hälfte beißt sich da fest, die andere verflüchtigt sich genauso schnell wieder. Nur auf die Frage, wer in welche Kategorie fällt, wollen alle von vornerein schon eine Antwort parat gehabt haben. Kentuckys Jack Harlow befindet sich gerade an diesem Moment der Entscheidung. Einen Hit via Lyrical Lemonade gemacht, XXL Freshman geworden und jetzt das erste Album auf größtem Label: Eigentlich hätte der Kerl mit dem explodierten lokalen Buzz das absolute Profil, ein Star zu sein. Stimme, Flow, Ausstrahlung, er liefert das ganze Paket. "That's What They All Say", nölt der Albumtitel gegen diese generische Anmoderation, denn im Grunde geht es nur um eins: Hält die Musik mit, jetzt, wo die Katze aus dem Sack ist?

Fragt einen Kartenleger, möchte man antworten, denn dieses Album bietet wenig konkrete Antworten. Zwei Sachen zeigen sich sofort: Zum einen wächst Jack noch in seinen wirklich eigenen Sound hinein. Zum anderen hat er verdammt viel Drake gehört. Während das Standard-Protokoll für den Umgang mit weißen Rappern ihn noch irgendwo zwischen Mac Miller und G-Eazy einkesseln will, macht "That's What They All Say" klare Anstalten, das noch weißere "Take Care" zu werden.

Mit geteiltem Erfolg: "21C/Delta" startet als atmosphärischer Party-Song und wechselt den Beat dann in Richtung melancholischer Introspektion. Es geht immer wieder um die Tücken des Hübschlinglebens, um die Bürde der Herzensbrecher und das Seelenleid der erfolgreichen Reichen. Heißt: Man möchte ihn mit Mitleid nicht überschütten, aber kann trotzdem Kudos dalassen, wenn er sein Leben eindrucksvoll nachzeichnet. Immerhin erzählen Einzeiler wie "I apologize for making you feel special" sofort verständliche Geschichten, immerhin kann sein Spite gegen die alten Schulkameraden, die nie an ihn geglaubt haben, auch jeder irgendwo nachvollziehen.

Aber all diese Stärken kennt man eben von Drake – und es braucht ein bisschen, bis die wirkliche Eigenständigkeit Harlows hier zum Vorschein tritt. "Creme", "Tyler Herro" und das vorab bekannte "What's Poppin" finden Stärke in der Flüchtigkeit der Gedanken, jeder Verse fühlt sich wie ein assoziatives Wandern durch den Hinterkopf des Rappers an. Vor allem, wenn er es dann mit angenehm ungestelzter Wortwahl, mehr als stabiler Technik und butterweichem Stimmeinsatz kombiniert. Diese Momente münzen ihn als MC, er findet einen eigenen Vibe und eine zugängliche Leichtfüßigkeit, die man sofort wiedererkennt.

So sehr diese Form von ungezwungenem Stream-of-Consciousness-Rap ihm auch steht und auf dem Intro "Rendevous" und dem Outro "Baxter Avenue" für weitere Highlights sorgt, muss Harlow und Team doch gespürt haben, dass dieser eine Vibe kein Album füllt. Also wurde statt enger Zusammenarbeit mit Erfolgspartner Jetsonmade für die erste Hälfte dieser Platte eine Legion an Produzenten eingeflogen. "Keep It Light" ist offensichtlich ein Harry Fraud-Song, "Funny Seeing You Here" fügt ihn ungelenk in die unerwarteten DJ Dahi-Klangwelten ein. Sogar K-Hip Hop-Produzent Paul Blanco fügt zwischendurch Elemente seines Sounds prominent ein.

Besonders schlimm fallen die Feature-Nummern wie "Already Best Friends" aus. Nicht nur, dass ein Chris Brown-Feature in der katholischen Kirche mindestens zehn Jahre Fegefeuer bedeuten sollte, aber warum er sich dann seinem ohnehin sehr schleppenden Sound auf einem jenseits mediokeren R'n'B-Cut völlig unterordnet, erschließt sich überhaupt nicht. Da macht "Face Of My City" schon deutlich mehr Spaß, funktioniert es als Song doch recht gut. Nur klingt der Song mit Lil Baby-Feature und Sonny Digital-Produktion wie eine Nummer des Gastes, auf der Harlow im Nachhinein noch seine Vocals einfügen durfte. Hilft auch nicht, wenn besagter Gast ihn auf demselben Song energetisch in Grund und Boden planiert.

Die schlimmste Parallele ist und bleibt aber trotzdem Drake. Die ausschweifenden Flows, die Themenpalette, die exklusiv auf Instagram-Captions geschriebenen Zinger, die Produktions-Ästhetik, ja sogar Stimmfarbe und Adlibs orientieren sich so spürbar an Drizzy, dass er sich die "Hotline Bling"-Referenz auf "Route 66" auch hätte sparen können. Er kommt ja sogar recht nah an das Original ran, weil er selbst Charisma ohne Ende mitbringt und seine eigenen kleinen Hometown-Corniness-Elemente gut verbaut. Statt für Kanada representet er eben für Kentucky und macht Features mit Adam Levine. So viel Mut zur Uncoolness verdient Respekt, würde er denn noch eigene Ideen finden, die Platte abzurunden. So endet er in seinen Klon-Phasen in etwa wie ein amerikanischer Shindy, nur dass Jack im Gegensatz zu dem eben doch so hübsch ist, wie er es zu sein glaubt.

Schlussendlich zeigt Harlows Debütalbum einen Rapper, der über Beats von einem Dutzend Produzenten Ideen von einem Heer Rapper umsetzt und mit nichts davon krachend genug scheitert, um sich auf eine Stimme festzulegen. Damit entwickelt "That's What They All Say" ihn gleichzeitig weiter und zurück, denn der Vorgänger "Confetti" konnte zumindest musikalisch klar artikulieren, was sein Fuß im Game sein soll. Dieses erste Tape auf dem Major-Label ertrinkt ein wenig in seinen Möglichkeiten. Harlow ist einer von denen, die theoretisch alles gut könnten, es dann aber nicht kuratiert kriegen. So versandet dieses Album trotz ein paar starker Nummern und klarem Mainstream-Appeal irgendwo in der Big Sean-Egalheit.

Trackliste

  1. 1. Rendezvous
  2. 2. Face Of My City (feat. Lil Baby)
  3. 3. 21C/Delta
  4. 4. Funny Seeing You Here
  5. 5. Way Out (feat. Big Sean)
  6. 6. Already Best Friends (feat. Chris Brown)
  7. 7. Keep It Light
  8. 8. Creme
  9. 9. Same Guy (feat. Adam Levine)
  10. 10. Route 66 (feat. EST Gee)
  11. 11. Tyler Herro
  12. 12. Luv Is Dro (feat. Static Major & Bryson Tiller)
  13. 13. What's Poppin
  14. 14. Baxter Avenue
  15. 15. What's Poppin (feat. DaBaby, Tory Lanez & Lil Wayne)

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4 Kommentare

  • Vor 2 Monaten

    Album ist okay, aber sonderlich hübsch find ich ihn jetzt nicht :D

  • Vor 2 Monaten

    Okay? Die Drake-Elemente habe ich ehrlich gesagt nicht rausgehört, obwohl ich Take Care rauf und runtergehört habe. Hätte der Rezensent von einem der neueren Werke gesprochen, hätte ich nicht viel sagen können, da ich das Material nicht so kenne. Aber Take Care? Neee.

    Insgesamt ist es ein stabiles Dingen geworden, aber an vielen Stellen doch etwas langweilig. Wird die Welt nicht nachhaltig verändern, aber vielleicht findet Harlow ähnlich wie ein Mac Miller zu einem eigenen Stil und macht auf den Folgealben ein bisschen mehr Welle. Den Skill und den Wiedererkennungswert besitzt er alle mal.

  • Vor 2 Monaten

    Sehr sehr enttäuschend, da vorher sehr sehr gespannt.
    Fällt mir auch echt nicht mehr zu ein.

  • Vor einem Monat

    wieso taucht der plötzlich überall in meinen playlisten auf? bin mal wieder mindestens 6 monate hinterher scheinbar. geht gut rein.